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Allein durch die „Hölle des Nordens“

Diese Woche habe ich – wie immer, wenn ich in Frankreich bin – in L’Équipe geblättert, der täglichen Sportzeitung. Warum wir so etwas in Deutschland nicht haben? Einerlei. Die ersten 21 Seiten waren Bernard Tapie gewidmet, dem über Jahrzehnte schillernden Fußballfunktionär, Radsportfinanzier, Politiker, Sänger, Geschäftemacher und Straftäter, der im Alter von 78 Jahren gestorben war.

21 Seiten für ihn, im Anschluss 14 Seiten Fußball, dann zehn Seiten zur 118. Auflage des Radrennens Paris–Roubaix, eines Regen-, Matsch- und Drecksrennens über 260 Kilometer durch knöcheltiefe Pfützen und überschwemmte Kopfsteinpflaster – ein Rennen, zerfurcht von Stürzen und Dramen, ein Inferno von Dante’schem Ausmaß.

Auf den zehn Seiten, die L’Équipe diesem Rennen widmete, fand man 25 Zeilen über einen Fahrer namens Tom Paquot. 25 Zeilen nur, aber darin war, wie ich meine, die Essenz dieses Rennens gegossen, womöglich mehr als dies: die Essenz des Sports. Paquot, 22 Jahre alt, Neoprofi beim belgischen Zweitligateam Bingoal, kam in Roubaix als Letzter ins Ziel. Auf dem Papier kam er gar nicht ins Ziel, denn im Abschlussklassement stand hinter seinem Namen „OTL“, Outside Time Limit. Mit 40:17 Minuten Rückstand auf den Sieger war er aus der Zeit gefallen. Eine knappe Viertelstunde hatte ihm gefehlt, um den letzten, den 97. Platz in der offiziellen Wertung zu belegen.

Er weinte ohne Pause

So kamen nur 96 Fahrer ins Klassement, 68 hatten aufgegeben, zehn waren am Zeitlimit gescheitert. Paquot hatte schon früh den Anschluss verloren. Er fuhr 150 Kilometer allein durch die „Hölle des Nordens“, wie die Franzosen das Rennen nennen, die letzten fünfzig Kilometer fuhr er ohne Verpflegung, es gab keine mehr, es gab nur noch den Willen durchzukommen und die Zuschauer, die ihm applaudierten.

Eine Inspiration für andere Radsportler: Tom Paquot


Eine Inspiration für andere Radsportler: Tom Paquot
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Bild: Picture-Alliance

Paquot hätte in den Besenwagen einsteigen müssen, doch er bat die Helfer, ihn zurückzulassen, er würde, sagte er ihnen, was immer auch passierte, das Velodrom von Roubaix erreichen, sie müssten sich keine Sorgen machen. Auf den letzten fünf Kilometern weinte Paquot ohne Pause, und als er ins Velodrom einfuhr, eine Mumie aus getrocknetem Schlamm, feierten ihn die Fans als einen der Helden dieses Tages. Paquot fuhr eine Ehrenrunde, und ja, manchmal lohnt der Blick auf den Letzten. Manchmal zeigt auch seine Leistung die Kraft des Sports, seine Magie und Urgewalt, die aus der Synthese von Athlet und Fan, Emotion und Tradition, Mut und Verzweiflung entspringt.

„Dieses Rennen war die Hölle“, sagte Clément Davy, der als 35. ins Ziel gekommen war, „aber ich habe in ihm den Grund gefunden, warum ich jeden Tag aufstehe und mich aufs Rad setze. Es war grandios.“ Das war es. Tapie hätte es geliebt.

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