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#Die Türen der Wahrnehmung öffnen

„Die Türen der Wahrnehmung öffnen“

Die Filmgeschichte ist nicht nur eine Geschichte des Filmemachens, sondern auch eine des Sehens – und diese Geschichte wäre, in Deutschland, ohne Ulrich Gregor ganz anders verlaufen. Sie wäre ärmer, dümmer, provinzieller. Aber wenn man sich fragt, was dieser Ulrich Gregor eigentlich beruflich macht, fällt einem keine richtige Antwort ein. In Autorenverzeichnissen und bei Wikipedia wird er als Filmhistoriker geführt, was einerseits schon deshalb stimmt, weil Gregor vor langer Zeit zusammen mit Enno Patalas eine Geschichte des Films geschrieben hat. Und ohne Patalas, dessen ästhetische Kriterien ihm fremd geworden waren, eine Ge­schich­te des Films seit 1960. Aber die Be­rufs­an­ga­be Historiker unterschlägt, dass Gregors Leidenschaft immer der Gegenwart des Kinos galt.

Als es losging mit seiner Filmleidenschaft, hat er sein Geld mit Film- und Fernsehkritiken verdient; er hat Vorträge gehalten und monographische Texte verfasst. Ulrich Gregor hat in Berlin einen Filmklub betrieben, er hat das Arsenal als eines der ersten Filmkunst- und Programmkinos in Deutsch­land gegründet, er war Miterfinder und jahrzehntelang der Chef des Internationalen Forums des Jungen Films, der Berlinale-Sektion für jene Filme, die mit dem Mainstream, dem Kommerz und natürlich mit Hollywood nichts zu tun haben wollten. Heute würde man ihn, der mit unglaublicher Neugier und Beharrlichkeit nach den übersehenen und vergessenen Filmen aus aller Welt suchte; der mitten im Kalten Krieg bei der sowjetischen Botschaft in Ostberlin einfach klingelte, weil er unbedingt im Westen den Film „Ein Menschenschicksal“ von Sergej Bondartschuk zeigen wollte – heute würde man ihn wohl einen Kurator nennen, was ihm, Gregor, aber wohl zu prätentiös klänge, zu wichtig, zu schick.

Er mag nur notwendige Filme

Das wichtigste Erkennungsmerkmal Ulrich Gregors ist ohnehin, dass er der Mann von Erika Gregor ist, mit der zusammen er anscheinend jeden Gedanken gedacht, jede Entdeckung gemacht, jeden Film betrachtet hat. In Alice Agneskirchners sehr sehenswertem Film „Komm mit mir in das Cinema – Die Gregors“, der zurzeit in den Kinos läuft, erzählt Erika Gregor, wie das Paar zusammenfand. Am 4. De­zem­ber 1957 habe der Filmklub der Freien Universität den Stummfilm „Menschen am Sonntag“ gezeigt, und danach seien alle, auch Ulrich Gregor, begeistert und verzaubert gewesen. Nur sie nicht: das Frauenbild! Der Schnitt auf einen Abfallhaufen, während Brigitte und Wolfgang sich unter freiem Himmel lieben! Unmöglich! Was dann anscheinend Ulrich Gregor verzaubert und begeistert hat.

Er möge nur solche Filme, die aus einer inneren Notwendigkeit heraus entstanden seien, sagt Ulrich Gregor einmal in die Kamera. So haben die Gregors die Türen der Wahrnehmung geöffnet: für Filme aus Japan und Südamerika, für das Kino aus Osteuropa. Und für die Filme aus Deutschland und Amerika, die zu eigenwillig oder zu schwierig waren, als dass ein Verleiher sich davon Gewinn versprochen hätte. All die Filme zu zeigen, die, aus kommerziellen oder politischen Gründen, niemand sonst zu zeigen sich traut, ist ein Konzept, das keiner weiteren Begründung bedarf. Und dass dem Publikum die Augen übergingen, zum Beispiel in Yasujiro Ozus „Guten Morgen“, kann man sich auch heute noch gut vorstellen.

„Im Kino zu schlafen heißt dem Film zu vertrauen“ ist ein schöner und wahrer Satz aus einem Film von Rudolf Thome. Ob sich auch Gregor daran gehalten hat oder ob er im Kino immer ganz wach geblieben ist, lässt sich schon von der nächsten Reihe aus nicht abschließend beurteilen. Sicher ist nur: Das Kino hat ihn erstaunlich jung gehalten. Am heutigen Sonntag wird er neunzig Jahre alt.

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