#Ältestes Gesichtsfossil Europas entdeckt

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Bisher ist unklar, wann der europäische Kontinent von Frühmenschen besiedelt wurde und von welchen. Jetzt liefert ein 1,1 bis 1,4 Millionen Jahre alter Fossilfund aus einer Höhle in Nordspanien neue Informationen. Die fossilen Knochen umfassen Teile des Gesichtsschädels eines Frühmenschen, darunter Fragmente des Oberkiefers und einer der beiden Jochbögen. Der Fund repräsentiert damit den ältesten erhaltenen Gesichtsschädel eines Frühmenschen in Europa, wie das Forschungsteam berichtet. Die Anatomie dieses Fossils unterscheidet sich zudem deutlich von dem des Homo antecessor und anderer bisher bekannter europäischer Frühmenschen. Das legt nahe, dass Europa damals von mindestens zwei, vielleicht mehr verschiedenen Frühmenschenarten besiedelt war.
Schon bevor sich der Neandertaler in Europa ausbreitete, gab es auf unserem Kontinent Frühmenschen. Diese archaischen Menschenformen entwickelten sich vermutlich aus dem Homo erectus, dem ersten Frühmenschen, der Afrika verließ und Eurasien besiedelte. Doch wann diese Nachfolger des Homo erectus Europa erreichten und wie sie sich dort weiter entwickelten, ist bisher unklar. Denn bisher gibt es nur wenige Fossilien und diese bestehen meist nur aus wenigen fragmentierten Knochen. So belegen Fossilfunde aus dem georgischen Dmanissi, dass erste Vertreter der Gattung Homo schon vor 1,8 Millionen Jahren den Kaukasus erreicht hatten. Die nächstältesten eindeutig datierten Relikte stammen aus Frankreich und Spanien und sind rund 1,2 Millionen Jahre alt. Die ältesten sicher datierten europäischen Steinwerkzeuge stammen aus der Zeit vor rund 1,4 Millionen Jahren und wurden in der Ukraine gefunden. Doch welcher Art diese Frühmenschen angehörten und wie sie miteinander verwandt waren, ist bisher unbekannt – auch, weil oft entscheidende anatomische Merkmale nicht erhalten sind.
Knochenstücke eines Frühmenschengesichts
Jetzt gibt es jedoch einen neuen Fossilfund, der mehr Licht auf die frühen Bewohner Europas wirft. Er stammt aus der Höhle Sima del Elefante in der nordspanischen Kommune Atapuerca, in der es mehrere bedeutende Fossilfundstätten gibt. So wurden im Jahr 1990 in der nahegelegenen Höhle Gran Dolina 860.000 Jahre alte fossile Überreste des Homo antecessor entdeckt, der bereits modernere Merkmale als der Homo erectus und Homo heidelbergensis aufwies. Er gilt als möglicher Vorläufer der Neandertaler. 2008 entdeckten Archäologen dann in der Höhe Sima del Elefante einen frühmenschlichen Unterkiefer, der auf ein Alter von 1,1 bis 1,2 Millionen Jahren datiert wurde. Ob dieses ATE9-1 getaufte Fossil auch von einem Homo antecessor stammt, ließ sich jedoch nicht feststellen. Ein Team um Rosa Huguet vom katalanischen Institut für Paläoökologie und menschliche Evolution (IPHES-CERCA) in Tarragona hat deshalb weitere Aufgrabungen in Sima del Elefante durchgeführt. 2022 stießen die Archäologen dabei in einer etwas tiefer liegenden Fundschicht auf einige Steinabschläge, zahlreiche Tierknochen sowie einige fossile Knochenfragmente eines Homininen.
Die ATE7-1 getauften Funde sind ersten Datierungen zufolge 1,1 bis 1,4 Millionen Jahre alt. Sie sind damit wahrscheinlich etwas älter als der 2008 entdeckte Unterkiefer und deutlich älter als die 860.000 Jahre der Überreste des Homo antecessor aus Gran Dolino, wie das Team berichtet. Die Knochen umfassen Bruchstücke des Oberkiefers sowie des linken Jochbeins eines erwachsenen Frühmenschen. “Damit repräsentiert dieses Fossil das älteste menschliche Gesicht, das bisher in Westeuropa gefunden wurde”, schreiben Huguet und ihre Kollegen. Doch von welcher Frühmenschenart stammen diese Gesichtsknochen? Um das herauszufinden, analysierten die Forschenden jedes Knochenfragment, scannten es ein und nutzten 3D-Modelle, um sie virtuell zusammenzusetzen. Jetzt sind diese Analysen abgeschlossen. Sie zeigen, dass die Gesichtsknochen von ATE7-1 nicht vom Homo antecessor stammen, sondern zu einer archaischeren Frühmenschen-Spezies gehören müssen „Homo antecessor teilt mit Homo sapiens ein moderneres Aussehen des Gesichts und eine ausgeprägte Nasenstruktur”, erklärt Co-Autorin María Martinón-Torres vom Nationalen Forschungszentrum CENIEH in Burgos. Dem auch “Pink” getauften Fossil ATE7-1 fehlen die meisten dieser moderneren Merkmale hingegen.
Eine eigene Frühmenschen-Art?
“Wir können daher relativ sicher sagen, dass dieses Exemplar zu einer anderen Spezies gehörte als der Homo antecessor aus Gran Dolina”, konstatieren die Forschenden. Auch von den Frühmenschen-Fossilien aus dem georgischen Dmanissi unterschieden sich die neuen Funde. Wie das Team feststellte, ähneln die Gesichtsknochen von ATE7-1 in seiner flachen und unterentwickelten Nasenstruktur eher dem Homo erectus. Allerdings gibt es auch hier Differenzen: ATE7-1 besitzt bereits “moderne” Eckzahngruben im Oberkiefer und sein Gesicht ist schmaler als das der meisten bekannten Homo-erectus-Exemplare. Nach Ansicht von Huguet und ihren Kollegen könnte es sich bei dem Gesichtsfossil aus der Sima-del-Elefante-Höhle daher um eine bisher unbekannte Frühmenschenspezies handeln. “Die Beweise reichen noch nicht aus für eine endgültige Klassifikation, weshalb es Homo affinis erectus zugeordnet wurde. Diese Bezeichnung kennzeichnet die Ähnlichkeiten von Pink mit Homo erectus, lässt aber die Möglichkeit offen, dass es einer anderen Art angehören könnte”, erklärt Martinón-Torres.
In jedem Fall deutet der neue Fund jedoch daraufhin, dass es in der Zeit vor 1,4 Millionen bis 860.000 Jahren mindestens zwei verschiedene Frühmenschenarten in Westeuropa gegeben haben muss: den Homo affinis erectus und später den Homo antecessor. Die Landschaft rund um die Höhlen von Atapuerca bot diesen frühen Vertretern der menschlichen Gattung vermutlich besonders günstige Bedingungen, wie Tierknochen und fossile Pflanzenreste belegen: “Die Daten deuten darauf hin, dass es im Umfeld der Höhle eine offene, feuchte Waldlandschaft mit Bäumen, Sträuchern und Wasserläufen gab”, berichten Huguet und ihre Kollegen. Allerdings gibt es auch Hinweise darauf, dass sich die klimatischen Bedingungen vor rund 1,1 Millionen Jahren verschlechterten, wie eine Studie im Jahr 2023 aufzeigte. Das könnte möglicherweise erklären, warum keine Zwischenformen von Homo affinis erectus und Homo antecessor in Atapuerca gefunden wurden: Möglicherweise vertrieb die Kälteperiode die Frühmenschen aus dieser Gegend und Homo antecessor wanderte erst danach wieder nach Nordspanien ein. „Diese Fundstelle ist daher entscheidend für das Verständnis unserer Ursprünge und die neue Fossil-Entdeckung bestätigt die Rolle von Atapuerca als entscheidender Ort für die Erforschung der menschlichen Evolution”, sagt Huguets Kollegin Marina Mosquera von IPHES-CERCA.
Quelle: Rosa Huguet (Institut Català de Paleoecologia Humana i Evolució Social (IPHES-CERCA), Tarragona) et al., Nature, doi: 10.1038/s41586-025-08681-0
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