#Soll das Theater wirklich eine moralische Anstalt sein?
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„Soll das Theater wirklich eine moralische Anstalt sein?“
Ach, Cottbus! Wie schön liegt die Stadt da, wenn man von Berlin aus über die Autobahn durch die hellen Wälder anreist, keine zwei Stunden entfernt und doch kein Vorort, sondern eine andere Welt, sobald die Lkws, die nach Polen und weiter ostwärts fahren, verschwunden, die Plattenbausiedlungen renovierten Jugendstil-, Barock- und sonstigen Altbauten gewichen sind. Vorbei am Kosmetiksalon „Marlene“ mit einem Foto der großen Diva im Schaufenster, die sich den Nazis verweigerte, breitet sich der Altmarkt im Herzen der Stadt aus, ruhig, sauber, gepflegt.
Nur was haben die vielen Polizeiautos zu bedeuten, die an einem gewöhnlichen Samstagnachmittag unentwegt den Platz queren? Ein paar Polizistinnen und Polizisten steigen aus, blicken sich um, fahren langsam weiter. Und gleich folgt der nächste Streifenwagen – ist denn heute Fußball? Fürchtet man in der Regionalliga, in der sich der zwischendurch sogar in der Bundesliga aktive FC Energie Cottbus jetzt bewegt, schlimme Ausschreitungen? „Aber nein“, sagt die Kellnerin genervt, als sie den Teller abräumt: „da sammeln sich wieder irgendwo welche für einen Spaziergang.“
Zeitweise setzte die Straßenbahn ihren Betrieb aus
Unter solchen „Spaziergängen“ versteht man inzwischen bekanntlich in ganz Deutschland und darüber hinaus unangemeldete Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen. „Ist das nicht sonst am Montag der Fall?“ „Hier nicht, hier gehen sie fast täglich los.“ Cottbus ist mit 100.000 Einwohnern nach Potsdam die zweitgrößte Stadt in Brandenburg und das Zentrum der Noch-Kohleregion Lausitz. Die Arbeitslosigkeit lag im Oktober 2021 bei 5,4 Prozent, Tendenz sinkend. Das ist nicht das Armenhaus Deutschlands. Trotzdem gibt es seit Jahren ausländerfeindliche Demonstrationen und seit geraumer Zeit nun also auch lautstarke Proteste gegen die Corona-Maßnahmen. Die Menschen aber, die hier entspannt ihre Kinderwagen über den Platz schieben, Einkäufe heimtragen, mit Kaffeebechern in der Hand zusammenstehen, kann man sich als radikale Corona-Leugner nicht recht vorstellen. Und dennoch waren es zuletzt über 700 Personen, die abends durch die Stadt marschierten, zeitweise setzte sogar die Straßenbahn ihren Betrieb aus, um niemanden zu gefährden.
Szene aus „Der Biberpelz“, inszeniert von Armin Petras
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Bild: Frank Hammerschmidt
Zur selben Zeit saßen im Staatstheater Cottbus über 300 Besucher in der Premiere von Gerhart Hauptmanns „Der Biberpelz“. In dieser sozialkritischen „Diebskomödie“, uraufgeführt 1893 am Deutschen Theater Berlin, wehren sich die kleinen Leute mehr oder weniger geschickt gegen die Obrigkeit, wildern, weil sie nichts zu essen haben, und stehlen Holz, weil es in ihren Häuschen zu kalt ist. Am Schluss vereinigt Regisseur Armin Petras in seiner Inszenierung Freunde und Feinde, den Amtsvorsteher und den begüterten Rentner, die Waschfrau und den Schiffszimmermann, den Skinhead und all die anderen aus der brandenburgischen Provinz zu einem feuchtfröhlichen Festmahl unter freiem Himmel. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich?
Befindlichkeiten und Machtverhältnisse im Osten
Oder will der Regisseur, dessen Ruf als Anwalt der Unterdrückten und Beleidigten durch die gegen ihn im April 2021 erhobenen Rassismusvorwürfe eines dunkelhäutigen deutschen Schauspielers schwer gelitten hat, dass sich alle versöhnen und lieb haben, egal, was sie an Gegensätzen trennt? Kommt man hier in Cottbus, um eine so gängige wie problematische Floskel zu zitieren, nicht umhin, „mit den Rechten zu reden“ – weil der Stimmenanteil der AfD 2019 bei der letzten Landtagswahl 23,5 Prozent betrug? „Hier gilt es, sehr genau zu unterscheiden“, sagt Stephan Märki, seit Sommer 2020 Intendant dieses letzten Vierspartenhauses in Brandenburg: „Wir wollen uns um die Resignierten, die Wütenden, auch die Protestwähler bemühen – die Reichsbürger und wilden Corona-Leugner wird man wohl kaum erreichen.“ Märki hat ins Volk hineingehört, das ihm offensichtlich mehr anvertraute, als etwa die Transparente von „Zukunft Heimat“ („Grenzen ziehen!“, „Schnauze voll!“) verlautbaren. Diese rechtsextreme Vereinigung organisiert mit auswärtigen Sympathisanten unter anderem die Cottbuser „Spaziergänge“. Jetzt haben sich dagegen städtische Kultureinrichtungen unter dem Motto „Man spaziert nicht mit rechts“ zusammengeschlossen.
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