Absencen: Was steckt hinter den Bewusstseins-Aussetzern?

Die Bilder waren überraschend: Plötzlich bricht ein Fußballer mitten im Spiel bewusstlos zusammen, steht aber kurze Zeit später wieder auf und scheint wieder völlig in Ordnung zu sein. Im Falle von Jamal Musiala, Profifußballer beim FC Bayern, passierte dies in den letzten Tagen zweimal und löste Besorgnis bei Fans und Mitspielern aus. Inzwischen hat der Fußballer erklärt, er leide unter einer „neurologischen Dysfunktion“, die vorübergehende Absencen hervorgerufen habe. Er sei aber in Behandlung und erhalte Medikamente.

Was sind Absencen?

Eine kurze Ohnmacht kann theoretisch viele Ursachen haben, beispielsweise Kreislaufprobleme und Durchblutungsstörungen des Gehirns oder wie bei Musiala neurologische Gründe. Etwas genauer eingrenzbar wird die neurologische Störung jedoch durch den Begriff Absence. Denn dieser ist medizinisch relativ klar definiert.

Unter Absencen versteht man kurze epileptische Anfälle mit vorübergehender Bewusstseinsstörung. Betroffene sind sekundenlang abwesend, reagieren nicht mehr auf ihre Umwelt und ihr Bewusstsein ist getrübt oder setzt aus. Oft sind solche Absencen so kurz, dass die Betroffenen und ihre Umgebung sie nicht bemerken. Allerdings sinkt während dieser kurzen „Abwesenheiten“ oft auch die Muskelspannung ab. Wenn der Betroffene sich gerade bewegt oder sogar rennt, wie im Fall Musialas, führt dies zum Sturz.

Wie entstehen Absencen im Gehirn?

Auslöser der kurzzeitigen Bewusstseins-Aussetzer sind in der Regel leichte epileptische Anfälle. Bei einem solchen Anfall arbeiten die Nervenzellen des Gehirns nicht mehr koordiniert zusammen, sondern feuern in einem Hirnbereich plötzlich chaotisch alle auf einmal. Dabei unterscheiden sich Absencen deutlich von einem klassischen epileptischen Krampfanfall: Betroffene krampfen oder zittern nicht, häufig sind auch keine strukturellen Ursachen im Gehirn erkennbar.

Typischerweise treten Absence-Epilepsien schon im Kindesalter oder in der Jugend auf. Häufig steckt eine genetische Veranlagung dahinter, durch die bestimmte Ionenkanäle der Nervenzellen leicht verändert sind. Dies kann dazu führen, dass sie übererregbar sind und dann unkoordiniert feuern. Meist werden Absencen durch sogenannte generalisierte Epilepsien ausgelöst, bei denen Neuronen in beiden Hirnhälften übermäßig aktiv sind. In einigen Fällen kann aber auch ein lokaler Anfallsherd in nur einer Hirnhälfte dahinterstecken.

Wie werden Absence-Epilepsien behandelt?

Menschen mit epileptischen Absencen bekommen Medikamente, die die Übererregbarkeit ihrer Neuronen dämpfen sollen und so die Anfälle verhindern. Durch eine solche Therapie könne man bei etwa 85 Prozent der Patienten durch Medikamente vollständige Anfallsfreiheit erzielen. „Das heißt, dass diese Patienten überhaupt nie wieder Absencen haben – über viele, viele Jahre“, erklärte der Neurologe Andreas Schulze-Bonhage, Leiter des Epilepsiezentrums der Uniklinik Freiburg, gegenüber tagesschau.de. In den restlichen Fällen lässt sich die Anfallshäufigkeit zumindest stark verringern.

Kann Musiala trotz Absence-Epilepsie weiter Fußball spielen?

Nach Ansicht von Neurologen spricht nichts dagegen. Denn Gehirn und Muskeln der Betroffenen funktionieren außerhalb der Absencen völlig normal. Wenn die Anfälle durch Medikamente unterdrückt werden, besteht daher keine Gefahr und auch keine Einschränkung im Beruf – auch nicht bei Spitzensportlern wie Musiala.

Auch andere Sportler konnten trotz Epilepsie ihre Sportkarriere erfolgreich fortsetzen, darunter der deutsche Skispringer Severin Freund, der britische Hürdenläufer David Greene oder die französische Radsportlerin Marion Clignet.

Noch immer viele Vorurteile

Wenn es um Epilepsie geht, haben viele Menschen das klassische Bild von schweren Krampfanfällen im Kopf, Betroffene gelten häufig noch immer als dauerhaft behindert. Doch in den allermeisten Fällen trifft dies nicht mehr zu. Eine Epilepsie ist heute in vielen Fällen gut behandelbar – selbst in schweren Fällen: „Allgemein lässt sich sagen, dass bis zu zwei Drittel der Betroffenen mit Epilepsien durch herkömmliche anfallssupprimierende Medikamente gut behandelbar sind“, erklärt Susanne Knake von der Universität Marburg, Epilepsie-Expertin der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN).

Dennoch sind viele Betroffene mit Vorurteilen konfrontiert: „Viele Betroffene erleben noch immer Vorbehalte oder haben Sorge, dass ihre Erkrankung in Schule, Beruf oder im sozialen Umfeld zu Nachteilen führt“, erklärt Peter Berlit, Generalsekretär der DGN. Daher sei es wichtig, über Epilepsien aufzuklären.

„Dazu kann es wesentlich beitragen, wenn prominente Persönlichkeiten wie jüngst der Fußballer Jamal Musiala offen mit ihrer Erkrankung umgehen. Das kann anderen Betroffenen Mut machen und zugleich die öffentliche Aufmerksamkeit für Epilepsien erhöhen – und dazu beitragen, Forschung und Versorgung auf diesem Gebiet weiter zu stärken.“

Quellen: Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN), Neurologienetz

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