Alkoholfreier Sekt boomt und trotzt der Weinkrise

Alkoholfreier Sekt boomt und trotzt der Weinkrise

Für die deutschen Schaumwein­erzeuger beginnen in diesen Tagen die wichtigsten Wochen des Jahres: Denn Sekt ist und bleibt für die Mehrzahl der Konsumenten ein Getränk für besondere Anlässe und Festtage. Für den Absatz von immenser wirtschaftlicher Bedeutung sind daher die Adventszeit, die Weihnachtstage und der Jahreswechsel. Deshalb entscheidet sich immer erst im November und Dezember, ob ein Jahr für die Sekterzeuger ein mäßiges, gutes oder herausragendes war.

Schon jetzt zeichnet sich allerdings ab, dass sich der Sektmarkt in der globalen Weinkrise resilienter erweist als der Absatz von Stillwein. Während die Weinbranche wegen der allgemeinen Kaufzurückhaltung, den stark gestiegenen Produktions- und Lohnkosten, hohen Preisen für Glas, Verpackung und Energie sowie den Fachkräftemangel über eine der größten Krisen in der jüngeren Geschichte klagt, scheint die Sektbranche bisher vergleichsweise glimpflich davonzukommen.

Nach aktuellen Branchenzahlen ging der Schaumweinkonsum in Deutschland im Jahr 2024 auf 3,1 Liter je Kopf zurück. Damit fiel das Minus geringer aus als beim Wein. Im vergangenen Jahr wurden rund 250 Millionen Flaschen Sekt in Deutschland getrunken. Dass sich Sekt besser schlägt als Wein, hat viele Gründe. Nach Einschätzung von Andreas Brokemper, dem Vorstandschef von Weltmarktführer Henkell-Freixenet, lassen es sich die Deutschen auch in wirtschaftlich und politisch herausfordernden Zeiten nicht nehmen, die Korken knallen zu lassen.

Markt um 15 Prozent gewachsen

Schaumweine gehörten unverändert zur Genusskultur. Sie müssen allerdings nicht mehr unbedingt Alkohol enthalten. Das beachtliche Wachstum beim Absatz alkoholfreier Schaumweine trägt mit dazu bei, die Krise abzufedern. Brokemper beobachtet, dass beispielsweise bei betrieblichen Feiern außer Sekt auch immer öfter alkoholfreie Varianten zur Auswahl stehen.

Beim Mitbewerber Rotkäppchen-Mumm heißt es, der alkoholfreie Sektmarkt boome und habe innerhalb von drei Jahren um 52 Prozent zugelegt. Für den deutschen Marktführer ist das Anlass genug, erstmals eine reine Alkoholfrei-Kampagne zu starten. Das Motto lautet unter Anspielung auf die wichtige Konzernmarke Mumm: „Hab den Mumm, das Leben zu genießen“. Rotkäppchen-Mumm will damit an das Rekordjahr 2024 anknüpfen, als eine Umsatzsteigerung von sieben Prozent verbucht wurde. Die Kampagne sei „eine strategische Antwort auf eine dynamische Marktentwicklung“ heißt es. Denn der Markt für alkoholfreien Sekt seit rasant um gut 15 Prozent gewachsen. Der Marktanteil der Alkoholfreien im Sekt- und Champagner-Markt sei um einen Prozentpunkt auf 6,8 Prozent gestiegen. Getragen werde diese Entwicklung vom Wunsch nach Wahlfreiheit: Rund 90 Prozent der Verbraucher hätten alkoholfreien Sekt schon getrunken oder zögen das in Betracht.

Fast 80 Prozent wollten sich beim Anstoßen bewusst für ein Getränk ihrer Wahl entscheiden. Rotkäppchen sieht „Mumm Alkoholfrei“ als Treiber dieses Wachstums: Mit einer Umsatzsteigerung von 16 Prozent übertreffe diese Marke den Durchschnitt und baue die sogenannte Wiederkaufsrate und die Käuferreichweite aus.

„Wir sehen Alkoholfrei als Ergänzung“

Eine reine Alkoholfrei-Werbekampagne kann sich Brokemper für Henkell-Freixenet aktuell nicht vorstellen. Er sieht die Marke im Vordergrund und die Freiheit des Konsumenten, sich für eine Variante dieser Marke zu entscheiden.

Inzwischen gibt es aber alle großen Marken auch in alkoholfreien Versionen, von Henkell über Mionetto bis zur hauseigenen Nobelmarke Fürst-von-Metternich, dessen promillefreie Spielart kürzlich vorgestellt wurde. „Wir sehen Alkoholfrei als Ergänzung und Vervollständigung des Markenauftritts“, sagt Brokemper. Qualitativ sei Sekt immer nur so gut wie der verwendete Grundwein, und die alkoholfreien Schaumweine seien mittlerweile so gut wie die Originale mit Alkohol.

Je nach der – international unterschiedlichen – Höhe der Alkohol- und Sektsteuer können alkoholfreie Schaumweine zudem für den Hersteller lukrativ sein, weil in der Regel keine Preisunterschiede gemacht werden, die Steuer aber entfällt. Allerdings gibt Brokemper zu bedenken, dass die Investitionen in eine schonende Prozesstechnik hoch seien und stetig fortgesetzt werden müssten.

Der anfallende Alkohol kann zwar vermarktet werden, doch ist das Angebot inzwischen hoch und der Marktpreis unter Druck. Brokemper geht davon aus, dass ein Marktanteil der alkoholfreien Schaumweine von zehn Prozent erreichbar ist. Schon jetzt sei in Deutschland jede zwölfte Flasche Schaumwein alkoholfrei. Bei Qualität und Wertigkeit werde es weitere Fortschritte geben, die bald auch ausgewiesene Kenner zufriedenstellten.

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