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„Als es knallte, dachten sie, das sei ein Feuerwerk“
In der Nacht, als der Krieg losging, hatten Polina und Maria gerade noch zur Musik von Michael Jackson getanzt. Die beiden jungen Frauen aus Charkiw waren in der Wohnung eines Freundes zu Besuch. Der hatte sie schon seit Tagen gewarnt, dass Putin die Ukraine angreifen werde. Er hatte die Reden Putins gehört und sich im Internet informiert. Doch als es am frühen Morgen plötzlich laut krachte, da dachten Polina und Maria zunächst an ein Feuerwerk. „Wir haben es einfach nicht geglaubt, dass Putin es wirklich macht“, sagt Polina.
Nun sitzen die beiden 19 und 20 Jahre alten Frauen zusammen mit ihrer Freundin Cynthia, die ebenfalls aus Charkiw stammt, im „Willkommenszelt“ vor dem Berliner Hauptbahnhof. Damals sind alle drei Hals über Kopf aus Charkiw aufs Land geflohen vor den Raketen und Bomben der russischen Armee. Eine Woche haben sie in einem Keller gelebt. Dann haben sie einen Platz in einem Zug gekriegt, der Leute aus der Stadt brachte. Über Rumänien, Ungarn und Österreich sind sie eine Woche lang bis nach Berlin gefahren – hier wollten sie hin, denn hier wohnt eine Schwester von Polina.
Hoffnung bis zur letzten Sekunde
Die Mehrheit der Leute in Charkiw habe immer noch daran geglaubt, dass Putin doch keinen Angriff befehlen werde, sagt Polina. Einige, die besser informiert gewesen seien und es sich leisten konnten, hätten eine Woche vor Kriegsbeginn die Stadt verlassen. Doch die meisten Bewohner hätten den Weg ins Ungewisse gescheut. Obwohl alle gewusst hätten, dass die russischen Truppen an der Grenze standen, hätten sie Angst gehabt, ihre Arbeit, Wohnung und Freunde zu verlieren. Nun machen sich alle drei Sorgen um ihre Angehörigen, die noch in Charkiw sind; nur ein Teil von Cynthias Familie konnte in die Tschechische Republik fliehen. Polinas Mutter war Immobilienmaklerin in Charkiw, verkaufte und vermietete Wohnungen. „Diese Wohnungen gibt es jetzt nicht mehr.“ Im Internet sehen sie die zerstörten Straßen und Häuser, wo sie gewohnt haben und aufgewachsen sind. „Das ist sehr schwer anzuschauen“, sagt Polina. „Wir wollen nach Hause“, sagt Maria.
Täglich um 12.00 Uhr
Der Krieg habe etwas mit ihnen gemacht, sagen die jungen Frauen. „Wir haben verstanden, wie sehr wie unsere Heimat lieben.“ Charkiw sei zu 95 Prozent eine russischsprachige Stadt, „aber deswegen sind wir nicht weniger Ukrainer“, sagt Cynthia. Gegenüber den Russen sei sie nun „sehr negativ“ eingestellt. Sie wolle nichts mehr mit ihnen zu tun haben, „außer mit denen, die sich gegen den Krieg stellen“. Besonders auf die Belarussen ist sie wütend, weil sie beim Krieg mitmachten. „Meine halbe Familie kommt aus Belarus, wie können sie das tun?“ Maria, zur Hälfte armenischer Herkunft, gibt sich nachsichtiger. „Man muss unterscheiden zwischen der Regierung und dem Volk“, sagt sie.
„Selenskyj ist ein echter Mensch“
Vom politischen System in Russland halten sie nichts. „Bei uns in der Ukraine gibt es Meinungsfreiheit, die gibt es in Russland nicht“, sagt Polina. Sie wünsche sich, dass die Ukraine irgendwann „ein cooles, modernes Land“ wird. Und dass sie für die Leute im Westen nicht mehr ein Land sei „irgendwo in der Nähe von Russland“. Vom Präsidenten Wolodymyr Selenskyj sind sie positiv überrascht. Das habe niemand erwartet, dass er so stark auftrete. „Er ist vielleicht nicht der erfahrenste Politiker, aber ein echter Mensch“, sagt Cynthia.
Was haben sie vor? Erst einmal wollen sie am Hauptbahnhof den ankommenden Landsleuten helfen, schließlich können sie Russisch, Ukrainisch, Englisch und ein bisschen Deutsch. Wenn sie nicht zurückkönnen, würden sie gern in Berlin studieren. Sie seien jung, ihre Generation wolle keinem Staat auf der Tasche liegen, sagt Polina. Berlin, wo sie schon einmal zu Besuch war, sei eine coole Stadt – ein bisschen wie Kiew, das sie so liebt.
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