Als Vor- und Frühmenschen koexistierten

Als Vor- und Frühmenschen koexistierten

Die Evolution des Menschen und insbesondere die Entwicklung der ersten Vertreter unserer Gattung Homo werfen noch viele Fragen auf. Neue Einblicke liefern nun 2,6 bis 2,8 Millionen Jahre alte Zähne, die ein Forschungsteam in Ledi-Geraru in der äthiopischen Afar-Region entdeckt hat. Ein Teil dieser 13 Zahnfossilien zeigt Merkmale des Australopithecus, lässt sich aber keiner bisher bekannten Art dieser Vormenschen zuordnen. Weitere Zähne scheinen von einem noch unbekannten, frühen Vertreter der Gattung Homo zu stammen. Der Fund von Relikten beider Arten an einem Ort und aus der gleichen Zeit legt nahe, dass in der Afar-Region Vormenschen und erste Frühmenschen koexistierten. Dies bestätigt erneut, dass im Verlauf der Menschheitsgeschichte immer wieder verschiedene Spezies und Entwicklungsstufen der Homininen gemeinsam vorkamen und sich begegneten.

Der Stammbaum des Menschen ähnelt eher einem Busch als einem geordneten Schema. Denn im Laufe der letzten gut drei Millionen Jahren entwickelten sich in Ost- und Südafrika viele verschiedene Formen von Vor- und Frühmenschen, die teils nebeneinander, teils nacheinander in einem Lebensraum vorkamen. Welche dieser Homininen zu unseren direkten Vorfahren gehörten, welche Linien ohne Nachfolger ausstarben und wie die verschiedenen Spezies zusammenhingen, ist erst in Teilen geklärt. Klar scheint aber, dass die Vormenschengattung Australopithecus in der Zeit vor mehr als drei Millionen Jahren dominierte. Zu ihr gehört unter anderem das berühmte Fossil „Lucy“ aus der Afar-Region in Äthiopien. Ab der Zeit vor rund 2,5 Millionen Jahren tauchten dann die ersten Vertreter der Gattung Homo auf. Doch wann und wie der Übergang von Vormenschen wie Australopithecus zu diesen ersten Frühmenschen stattfand, ist bisher ungeklärt – auch, weil es aus der Zeit vor drei bis zwei Millionen Jahren nur sehr lückenhafte Fossilfunde gibt.

Eine besondere Rolle für unser Wissen um die frühe Menschheitsentwicklung spielt die Fundstätte Ledi-Geraru in der Afar-Region. Dort haben Forschende vor rund zehn Jahren das bisher älteste bekannte Fossil der Gattung Homo entdeckt. Sie ordneten den 2,8 Millionen Jahre alten Unterkieferknochen samt Zähnen aufgrund seiner eher archaischen Merkmale einem Vorgänger des Homo habilis und Homo rudolfensis zu. Dazu passt, dass im Jahr 2019 ganz in der Nähe von Ledi-Geraru die mit 2,6 Millionen Jahren ältesten bekannten Steinwerkzeuge der Oldowan-Technologie gefunden wurden – sie gilt als Kennzeichen der Gattung Homo.

13 Zähne – aber nicht dieselbe Art

Jetzt gibt es neue Funde aus Ledi-Geraru. Ein internationales Forschungsteam um Brian Vilmoare von der University of Nevada hat bei Ausgrabungen an drei verschiedenen Stellen dieser Fundstätte mehrere Zähne von Homininen entdeckt. Die in diesem Gebiet abgelagerten vulkanischen Ascheschichten erlaubten es den Forschenden, die Funde relativ genau zu datieren. Die ältesten neu entdeckten Zahnfossilien sind demnach rund 2,78 Millionen Jahre alt, die jüngsten 2,59 Millionen Jahre. Aber von wem stammen sie? Nähere Analysen der Zahnmorphologie ergaben: Der älteste Zahnfund zeigt Merkmale der Gattung Homo und ähnelt den Zähnen des schon zuvor an dieser Fundstätte entdecktem Unterkiefer. Auch die beiden jüngsten Zahnfossilien, zwei Backenzähne, ordnet das Team der Gattung Homo zu. „Die neuen Funde bestätigen damit das hohe Alter unserer Gattung“, sagt Vilmoare. Welcher Art diese Frühmenschen angehörten, lässt sich jedoch allein anhand dieser Zähne nicht feststellen.

Als überraschend erwiesen sich weitere zehn Zähne, die aus der rund 2,63 Millionen Jahre alten Fundschicht Lee Adoyta von Ledi-Geraru stammen. Denn wider Erwarten stammen sie nicht von einem Frühmenschen, sondern von einem Vormenschen. „Da diesen Funden klare Eigenmerkmale früher Homo-Vertreter fehlen, ordnen wir sie provisorisch dem Australopithecus zu“, schreibt das Team. Damit könnten diese Funde von einer der letzten überlebenden Populationen dieser Vormenschen in Ostafrika stammen. Doch zu welcher Art des Australopithecus diese Zähne gehören, ist unklar, wie Vilmoare und seine Kollegen erklären. Die Zahnmerkmale weichen sowohl von denen des Australopithecus afarensis als auch des Australopithecus garhi oder des Paranthropus ab. Die Forschenden kommen daher zu dem Schluss: „Die Zähne aus Lee Adoyta repräsentieren eine bisher unbekannte Spezies des Australopithecus aus dem frühen Pleistozän“, schreiben sie.

Koexistenz von Australopithecus und Homo

Zusammengenomen zeichnen diese Funde damit ein spannendes Bild. „Die Funde legen nahe, dass Australopithecus und der frühe Homo in der Zeit vor mehr als 2,5 Millionen in der Afar-Region koexistierten“, konstatieren Vilmoare und seine Kollegen. Beide Homininen-Arten hielten sich nicht nacheinander in diesem Gebiet auf, sondern abwechselnd oder sogar gleichzeitig. „Insgesamt könnte es in Ostafrika vor 3 bis 2,5 Millionen bis zu vier Menschenarten gleichzeitig gegeben haben: den frühen Homo, Paranthropus, Australopithecus garhi und die neu entdeckte Australopithecus-Art aus Ledi-Geraru“, schreiben die Forschenden. „Dies demonstriert, wie die Evolution zu jener Zeit noch mit verschiedenen Homininenformen experimentierte.

Als nächstes wollen Vilmoare und sein Team nun den Zahnschmelz der fossilen Zähne näher analysieren. Dies könnte unter anderem zeigen, was diese Vor- und Frühmenschen aßen – und so mehr über ihre Koexistenz verraten: Unterschied sich der Speiseplan des Australopithecus von dem der frühen Homo-Vertreter oder konkurrierten sie um die gleichen Ressourcen? Wer waren ihre Vorfahren und könnten sie sich begegnet sein? Bisher sind diese Fragen offen. „Immer, wenn man eine aufregende neue Entdeckung macht, weiß man als Paläontologe schon, dass man noch weitere Informationen benötigen wird“, sagt Seniorautorin Kaye Reed von der Arizona State University.

Quelle: Brian Villmoare (University of Nevada, Las Vegas) et al., Nature, doi: 10.1038/s41586-025-09390-4




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