Amerika hat es nicht besser

Amerika hat es nicht besser

Pamela Rosenberg beherrscht die Kunst, unverblümt zu sein, ohne dabei aggressiv zu wirken. Als die gebürtige Kalifornierin, damals noch Intendantin der Oper in San Francisco, im Jahr 2003 gefragt wurde, ob sie die Leitung der Deutschen Oper Berlin übernehmen würde, lehnte sie ab: Deren damaligen Generalmusikdirektor Christian Thielemann hielte sie zwar für einen großen Dirigenten, aber trotz seiner Jugend für „zu alt im Kopf“. Trotzdem hatte die Amerikanerin Heimweh nach Europa.

Nach ihrem Studium in Kalifornien, in Ohio und schließlich in London ließ sich Rosenberg in der Alten Welt nieder. Im Jahr 1968 heiratete sie den deutschen Komponisten und Musikkritiker Wolf Rosenberg, einen Experten für elektronische Musik, das Repertoire des späten neunzehnten Jahrhunderts und die Kunst des Singens. Auch sie selbst zog es zur Bühne: In der Zeit zwischen 1980 und 1987 gehörte sie als Mitarbeiterin des Dirigenten Michael Gielen dem Direktorium der Oper Frankfurt an, danach ging sie für vier Jahre als Betriebsdirektorin ans Deutsche Schauspielhaus Hamburg, wo sie mit Peter Zadek zusammenarbeitete. Klaus Zehelein holte Rosenberg dann 1991 als Ko-Intendantin an die Stuttgarter Staatsoper.

Kunst wieder relevant machen

San Francisco versprach sich von der ideenreichen Frau eine Erneuerung des Opernhauses und machte sie im Jahr 2001 zur Generalintendantin. Mit dem aus Schottland stammenden Donald Runnicles hatte sie dort einen Musikdirektor an ihrer Seite, der zuvor in Deutschland – unter anderem in Freiburg – nicht nur sein Handwerk gelernt, sondern wesentliche kulturelle Prägungen erfahren hatte und der jung genug im Kopf war, mit Pamela Rosenberg viel zu wagen. Olivier Messiaens modernes Heiligenepos „Saint-François d’Assise“ und György Ligetis apokalyptische Satire „Le Grand Macabre“ brachte sie in Kalifornien ebenso heraus wie Ferruccio Busonis „Doktor Faust“; bei John Adams und Peter Sellars gab sie „Doctor Atomic“ in Auftrag.

Ein derart wenig an den Hits von Puccini, Verdi und Bizet orientiertes Programm löste in Amerika Kontroversen aus. Da viele Sponsoren nach dem Platzen der Dotcom-Blase wirtschaftlich in eine Schieflage gerieten, ließ sich das ehrgeizige Programm von Rosenberg und Runnicles nicht mehr so einfach finanzieren. So gingen beide nach Berlin: Rosenberg 2006 als Intendantin der Berliner Philharmoniker, Runnicles drei Jahre später als Generalmusikdirektor der Deutschen Oper. Rosenbergs Anliegen in Berlin war es, „die ganz anderen Lebenserfahrungen der jungen Generation in unsere Kunst einzugliedern“, wie sie damals sagte. Alles hänge davon ab, „ob wir Kunst wieder relevant machen können“.

Engagement für Musikkindergarten

Pamela Rosenberg versuchte außerdem, das Publikum über hörbare Evidenzen neu für die Musik zu gewinnen, indem sie Konzerte thematisch ausrichten wollte oder anregte, Symphonien des Kernrepertoires in einem Konzert erst durch die Berliner Philharmoniker, dann in historischer Aufführungspraxis darzubringen. Wenig davon konnte sie umsetzen. Die Berliner Philharmoniker hatten und haben andere Ideen. So zog sich Rosenberg schon nach vier Jahren aus der Intendanz zurück und wurde Dekanin der American Academy in Berlin.

Pamela Rosenberg hat der Luftbrückensentimentalität in Berlin immer mit liebenswürdiger Nüchternheit entgegengehalten, dass es Amerika keineswegs besser habe und dass man nirgendwo sonst als in Europa Kunst wirklich zum Mittelpunkt des Lebens machen könne, statt achtzig Prozent seiner Zeit für die Beschaffung von Geldern zu verwenden.

Inzwischen engagiert sie sich für den von Daniel Barenboim gegründeten Musikkindergarten in Berlin und für die musikbegleitete Integration geflüchteter Kinder und Jugendlicher. Pamela Rosenberg ist eine Frau von denkbar uneitler Kompetenz. „Man ist unsichtbar, hilft, und dann ist man vergessen!“, lautet eine ihrer Selbstbeschreibungen. Heute wird sie achtzig Jahre alt.

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