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Der qatarische Außenminister und Regierungschef nannte zwei Uhrzeiten, als er sich am späten Dienstagabend zum israelischen Luftangriff auf das Hamas-Büro in der Hauptstadt Doha äußerte: 15:46, die Zeit des Angriffs, und 15:56, als ein amerikanischer Anruf eingegangen sei, um die qatarische Führung zu informieren. „Zehn Minuten später“, wie Muhammad bin Abdulrahman Al Thani hervorhob. Er warf Israel „Staatsterrorismus“ und dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu „Barbarei“ vor.
Nicht nur für das Image des kleinen Emirats ist der Kriegsakt im eigentlich so ruhigen Doha Gift. Dichte Rauchwolken, die aufsteigen, verschreckte Menschen, die durch die Straßen laufen, passen nicht zu dem vermittelten Bild der Golfmonarchie, ein Hort der Stabilität zu sein. Es wurde sogar ein qatarischer Staatsbürger getötet, ein Mann aus den Sicherheitskräften, dessen Familie der Außenminister und Regierungschef kondolierte.
Auch für den amerikanischen Präsidenten ist der israelische Angriff rufschädigend. Trump hatte dem Emirat auf seiner ersten Auslandsreise im Mai einen Besuch abgestattet und gesagt: „Ich glaube nicht, dass unsere Freundschaft jemals stärker war als jetzt.“ Dem qatarischen Emir Tamim bin Hamad Al Thani hat er versprochen, Amerika werde dessen Land beschützen, das zum engen Kreis der wichtigen Nicht-NATO-Verbündeten zählt, und die größte amerikanische Militärbasis in der Region beherbergt.
Ärger und Frustration in Amerika
Trump ist gegenüber Doha in die missliche Lage geraten, keinen mäßigenden Einfluss auf Netanjahu geltend gemacht zu haben. Er telefonierte mit dem qatarischen Emir, von dem er sich Versprechen für lukrative Investitionen in den Vereinigten Staaten eingeholt hatte. Er, Trump, habe dem qatarischen Monarchen versichert, dass so eine Sache in seinem Land nicht mehr passieren werde. Später teilte Trump mit, er habe Außenminister Marco Rubio angewiesen, das geplante Verteidigungsabkommen mit Qatar abzuschließen.
Trump machte zugleich kein Geheimnis aus seinem Ärger und seiner Frustration über den israelischen Angriff auf Amerikas Verbündeten. Vor Journalisten zeigte er sich kurz angebunden und sagte über Netanjahus Vorgehen lediglich, er sei „nicht begeistert“. Zuvor hatte er auf seiner Plattform Truth Social geschrieben, seine Regierung sei „am Morgen“ von seinen Streitkräften darüber informiert worden, dass Israel die Hamas angreife – und zwar, bedauernswerterweise, in der qatarischen Hauptstadt Doha. Die Information der Israelis erreichte Washington aber zu spät, ebenso das Einschreiten des amerikanischen Nahost-Sondergesandten Steve Witkoff, den Trump angewiesen hatte, die Qataris ins Bild zu setzen – womöglich war dies Teil des israelischen Kalküls.
Allerdings war am Mittwoch weiter unklar, wie der Informationsfluss vor dem Angriff genau aussah. In israelischen Medienberichten wurde auf Angaben von Regierungsmitarbeitern verwiesen, wonach man die Regierung in Washington vor dem Angriff durchaus informiert habe. Anfangs wurde sogar verbreitet, Trump habe grünes Licht für den „Enthauptungsschlag“ gegen die Hamas gegeben. Manche Fachleute spannen die Theorie noch weiter: Israel und die USA hätten die Hamas gemeinsam getäuscht. Der neue, kürzlich an die Islamisten übermittelte amerikanische Entwurf für eine Waffenruhe im Gazastreifen sei ein Köder gewesen, um das Verhandlungsteam der Hamas an einem Ort zu versammeln.
Gleichwohl versuchte das offizielle Israel nach dem Angriff, Washington herauszuhalten. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erklärte, sein Land übernehme die volle Verantwortung für den Angriff, der ein israelischer Angriff sei. Trump schrieb auf Truth Social ebenfalls: Die Entscheidung sei von Netanjahu und nicht von ihm getroffen worden. Sodann: „Ein einseitiger Bombenangriff in Qatar, einer souveränen Nation und einem engen Verbündeten der Vereinigten Staaten, der sich sehr um eine Friedensvereinbarung bemüht und dafür tapfer Risiken eingeht, bringt weder die Ziele Israels noch die Amerikas voran“. Er betrachte Qatar als starken Verbündeten und Freund der Vereinigten Staaten. Er bedaure den Ort des Angriffs.
Trotz dieser Kritik verstärkt die Attacke laut der Einschätzung mehrerer Beobachter am Golf die Zweifel, dass Trump Willens und in der Lage ist, Netanjahu zu mäßigen. Der amerikanische Präsident schwankte in den vergangenen Wochen immer wieder zwischen Druck auf Israel, den Gazakrieg zu beenden, und einer Strategie, Netanjahu freie Hand zu lassen.
Ein Akt des Widerstandes?
So passte es auch ins Bild, dass Trump im Verlauf seiner Truth-Social-Stellungnahme seine Kritik am israelischen Ministerpräsidenten relativierte: Jedoch sei die Beseitigung der Hamas, die vom Elend der Menschen in Gaza profitiert hat, ein „erstrebenswertes Ziel“. Er glaube, dass der unglückliche Vorfall auch eine Chance für Frieden sein könne. Er habe nach dem Angriff mit Netanjahu gesprochen. Dieser habe ihm gesagt, dass er Frieden wolle.
Eine Waffenstillstandsvereinbarung im Gazastreifen scheint nach dem israelischen Luftangriff auf die Hamas-Vertreter, die sich im Zuge der Vermittlungsbemühungen in Doha aufhielten, allerdings erst einmal vom Tisch zu sein. Der qatarische Außenminister erklärte die derzeitigen Gespräche denn auch für wertlos. Zugleich bekräftige er, Qatar werde seine Rolle als Vermittler in Konflikten weiterführen und sich auch weiter für einen Frieden im Gazastreifen einsetzen. Vermittler zu sein, sei Teil der qatarischen Identität. Er klang, als spreche er von einem Akt des Widerstandes – gegen Versuche Netanjahus, die diplomatischen Bemühungen für einen Waffenstillstand in Gaza zu sabotieren und einen Keil zwischen Washington und Doha zu treiben.
Die Führung in Doha spielt diese Vermittlerrolle indes nicht aus Altruismus. Dahinter steckt auch das Ziel, sich als Vermittler unentbehrlich zu machen, und auf diese Weise Anerkennung und Schutz zu erlangen – nicht zuletzt von den Vereinigten Staaten. Das Vertrauen in Trump dürfte gelitten haben, sagt ein politischer Beobachter in Doha. Und auch die qatarische Kosten-Nutzen-Abwägung mit Blick auf die Vermittlungsbemühungen in Gaza dürfte nach seiner Einschätzung von dem israelischen Luftangriff am helllichten Tag beeinträchtigt worden sein.
Frust über Israel und über die geringe politische Dividende seiner Gaza-Diplomatie herrscht in Doha schon länger. Regierungsmitarbeiter klagten immer wieder, Netanjahu hintertreibe die Diplomatie und mache Qatar zugleich zum Sündenbock. Israelische Politiker warfen der Führung in Doha vor, auf der Seite der Hamas zu stehen, und das Ausland gegen Israel aufzuwiegeln. Auch die Hamas-Vertretung in der qatarischen Hauptstadt war regelmäßig Gegenstand von Kritik. Das Emirat sah sich immer wieder gezwungen hervorzuheben, das 2012 eröffnete Büro sei auf eine amerikanische Bitte aus dem Jahr 2011 eingerichtet worden.
Wachsendes Unbehagen in der Region
In der ganzen Region dürfte das Unbehagen über ein nicht eingedämmtes, aggressives Israel weiter zunehmen. „Das war auch ein Angriff auf einen Golfstaat, der andere Golfstaaten nicht unbeeindruckt lassen dürfte“, sagt der politischer Beobachter in Doha. Auch unter anderen Golfstaaten könnte jetzt die Frage aufgeworfen werden, ob Israel vor Aktionen auf ihrem Boden halt mache. Der Luftangriff von Doha fällt in eine Zeit, in der auch andere Partner Washingtons ihre strategische Ausrichtung überdenken. Sie sind beunruhigt, weil die fortgesetzten Konflikte in der Region die volkswirtschaftlichen Umbauarbeiten untergraben, die sie unabhängig von den Öl- und Gaseinnahmen machen sollen.
Angriffe wie jener in Doha fügen außerdem ihrem politischen Geschäftsmodell schweren Schaden zu. Die Golfstaaten sehen sich als neutraler unabhängiger Machtblock, der sich nicht auf ein Lager festlegen will. Sie wollen ein Ort sein, an dem sich Konfliktparteien aus aller Welt unbehelligt zu Verhandlungen treffen können. Der qatarische Außenminister schien auf die zunehmende Frustration am Golf über Israel abzuzielen, um politische Unterstützung gegen Israel zu mobilisieren. Netanjahu habe selbst gesagt, er wolle die Region neu gestalten, erklärte er und fragte: Gelte das auch für den Golf?
Die regionale Führungsmacht Saudi-Arabien zeigte sich am Dienstag auch umgehend solidarisch. Der saudische Kronprinz und faktische Machthaber Muhammad bin Salman telefonierte mit dem qatarischen Emir. Das Außenministerium in Riad verurteilte eine „brutale israelische Aggression“ und eine „flagrante Verletzung“ qatarischer Souveränität. Das Königreich sicherte seinem Bruderstaat seine volle Unterstützung zu.
Die Vereinigten Arabischen Emirate überdenken ihre Haltung
Dass die Führung in Riad, wie von Trump und Netanjahu gewünscht, noch seine Beziehungen zu Israel normalisiert, steht mehr denn je in Zweifel. Auch das Vertrauen in die Verlässlichkeit des amerikanischen Präsidenten und dessen Fähigkeit, Israel einzuhegen, dürfte im Königreich Saudi-Arabien noch einmal gelitten haben. Riad hatte trotz des jüngsten militärischen Schlagabtausches zwischen Israel und Iran an seinem Tauwetterkurs gegenüber dem Regime in Teheran, einem Erzfeind Israels und der Vereinigten Staaten, festgehalten.
Auch die Vereinigten Arabischen Emirate sind laut Angaben eines dort gut vernetzten Beobachters dabei, entlang der Frage von Kosten und Nutzen ihre Haltung gegenüber Israel zu überdenken. In der Führung in Abu Dhabi, die 2020 im Rahmen der unter Trumps Regie abgeschlossenen Abraham Accords ihre Beziehungen zu Israel normalisiert hat, herrscht schon länger Ärger über Netanjahu – nicht zuletzt mit Blick auf den Krieg im Gazastreifen und den Konflikt mit den Palästinensern.
Die Stellungnahme von Lana Nusseibeh, einer hohen emiratischen Regierungsmitarbeiterin, vor einigen Tagen, sei Ausdruck dieser Neubewertung. Sie hatte erklärt, eine Annexion des besetzten Westjordanlands durch Israel würde eine „rote Linie“ überschreiten und den Geist der Abraham-Abkommen untergraben. Der emiratische Beobachter sagt, die Regierung habe vielleicht noch nicht aufgegeben. „Sie wird aber weitere rote Linien ziehen müssen“. Für den israelischen Angriff in Doha bemüht er die Parabel von der Entdeckung eines schwarzen Schwans: „Alle haben es erwartet, aber niemand wollte glauben, dass es passiert.“
Kein Tabu mehr
Wenn die vergangenen zwei Jahre eines lehren, dann ist es aber, dass Israel seit dem beispiellosen Überfall der Hamas vom 7. Oktober 2023 praktisch keine roten Linien mehr kennt, wenn es um den Krieg gegen seine Feinde geht. Seit Dienstag ist klar, dass auch Angriffe mitten in Ländern, mit denen Israel trotz mancher Animositäten zusammenarbeitet, kein Tabu mehr sind.
Netanjahu erläuterte sein Vorgehen nach dem Angriff so: Zu Beginn des Krieges habe er versprochen, dass Israel diejenigen finden werde, die das Grauen des 7. Oktobers verübt haben, sagte er am Dienstagabend auf einer Veranstaltung in Jerusalem. „Und heute haben Israel und ich dieses Versprechen gehalten.“ Zu diesem Zeitpunkt war allerdings noch nicht klar, dass die wichtigsten Hamas-Anführer, denen der Angriff galt, vermutlich überlebt haben.
Eine zweite Lehre ist indessen, dass Netanjahu es bislang so gut wie nie vermocht hat, militärische Erfolge in strategische Siege umzumünzen. Das zeigte sich etwa in der nahezu einhelligen internationalen Verurteilung des Angriffs in Doha. Auch mit Blick auf die
Bestrebungen, ein Ende des Krieges und die Rückkehr der Geiseln zu erreichen, stellt sich die Frage, wie sinnvoll die aggressive Aktion war. In den israelischen Sicherheitsbehörden soll es vor dem Angriff unterschiedliche Meinungen gegeben haben. Es setzten sich jedoch diejenigen durch, die offenbar der Ansicht waren, die Verhandlungsdelegation der Hamas auszuschalten, werde Israel seinen Kriegszielen näherbringen: die Hamas im Gazastreifen zu besiegen und die verbliebenen 48 Entführten zurückzubringen.
Die bisherigen „Spielregeln“ gelten nicht mehr
Beobachter und Kommentatoren, die diese Linie unterstützen, äußerten jetzt die Einschätzung, Qatar werde den Angriff auf seinem Staatsgebiet verschmerzen – immerhin war das Emirat Ende Juni auch schon Ziel iranischer Raketen gewesen. In beiden Fällen galt der Angriff nicht qatarischen Zielen selbst – im Fall Irans handelte es sich um einen Vergeltungsschlag gegen die amerikanische Militärbasis, im Fall Israels war das Ziel die Hamas.
Was die Islamisten betrifft, so glauben die Befürworter von Netanjahus Vorgehen, dass sie die Verhandlungen nicht auf Dauer abbrechen werden. „Wenn die Hamas die Verhandlungen wiederaufnehmen will, wird die Identität der Vermittler kein Hindernis darstellen“, schrieb Meir Ben-Shabbat, ein früherer Nationaler Sicherheitsberater Israels, in der rechtsgerichteten Zeitung „Israel Hayom“. Wichtiger sei, dass alle Akteure in der Region wissen: Die bisherigen „Spielregeln“ in der Auseinandersetzung mit Israel gelten nicht mehr.
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