Antisemitismus im Sport: Tagung an Uni Frankfurt

Antisemitismus im Sport: Tagung an Uni Frankfurt

Ob in Frankfurt, Köln oder Berlin: Antisemitische Vorfälle im Sport schaffen es immer wieder in die Schlagzeilen. „Vor allem der Fußball ist ein Hotspot“, sagt Christopher Heim, der die Abteilung Sportpädagogik am Institut für Sportwissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt leitet. Gleichzeitig seien Sportvereine aber auch Vorreiter. Denn sie errichteten Gedenkstätten für Opfer des Nationalsozialismus, richteten Meldestellen für antisemitische Vorfälle ein und leisteten Präventionsarbeit.

„Deswegen fragen wir: Ist das Problemkind Sport auch ein Vorreiter?“, sagt Heim. Am Institut erforscht eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe Antisemitismus im Sport und die in Landesverbänden oder Sportvereinen stattfindende Präventionsarbeit. Am vergangenen Freitag organisierte die Arbeitsgruppe eine Tagung an der Goethe-Universität, die sich der Frage widmete, was man vom Sport in Sachen Antisemitismusprävention lernen kann.

Laut einer Erhebung der Arbeitsgruppe an der Goethe-Universität ist mehr als ein Drittel der befragten Mitglieder des jüdischen Sportverbands Makkabi Deutschland bereits einmal Opfer von Antisemitismus geworden, unabhängig davon, ob die Mitglieder tatsächlich jüdisch seien oder nicht. Unter den Fußballern sei es sogar mehr als die Hälfte. Seit dem 7. Oktober habe sich die Situation gefühlsmäßig noch einmal verschlimmert, sagt der Präsident von Makkabi Deutschland, Alon Meyer. Die Vereine würden nur noch unter Polizeischutz spielen, vielerorts musste der Spielbetrieb eingestellt werden. Mitglieder hätten Angst, zum Training zu kommen, weil sie wegen des stilisierten Davidsterns auf der Trainingsjacke angefeindet würden.

Niederlagen werden mit antisemitischen Klischees erklärt

Antisemitische Vorurteile würden auch oft verwendet, um sportliche Erfolge oder Niederlagen zu erklären, sagen Jan Haut und Lasse Müller von der Arbeitsgruppe an der Goethe-Universität. Spieler oder Fans verwendeten antisemitische Verschwörungsmythen wie etwa die des wirtschaftlich mächtigen Juden, um zu erklären, warum das Spiel einen bestimmten Verlauf genommen habe. Daneben trete auch häufig israelbezogener Antisemitismus auf, bei dem etwa eine jüdische Mannschaft oder ein jüdischer Sportler mit der israelischen Regierung gleichgesetzt und beschimpft werde. Der Sport schaffe Vergemeinschaftung, welche die Abgrenzung anderer Gruppen – wie etwa jüdischer oder als jüdisch wahrgenommener Gruppen – begünstige, sagt Haut, um zu erklären, warum es vor allem im Fußball so häufig zu antisemitischen Vorfällen komme.

Gleichzeitig sieht die Arbeitsgruppe an der Goethe-Universität aber auch Potential in diesem Gruppengefühl. Über das Familiengefühl, das ein Verein schaffe, könne man Leute abholen und sie für das Thema Antisemitismus sensibilisieren, sagt etwa Matthias Thoma, Leiter des Eintracht Frankfurt Museums, der auf der Tagung die Fanarbeit des Vereins präsentiert. Im Eintracht-Museum bietet der Verein Workshops für Schüler zur Vereinsgeschichte im Nationalsozialismus an. So finden junge Eintracht-Fans einen anderen Zugang zur NS-Zeit und dem Holocaust. Der Verein verlege außerdem jährlich Stolpersteine für während der NS-Zeit ermordete jüdische Vereinsmitglieder und Sponsoren. Eine Fangruppe fahre einmal im Jahr mit dem Fahrrad durch die Stadt, um die Steine zu reinigen.

Mit Memory-Spiel gegen Vorurteile

Während die Eintracht Antisemitismus historisch behandelt, leistet das vom jüdischen Sportverband Makkabi Deutschland initiierte Projekt „Zusammen 1“ vor allem Präventionsarbeit in Vereinen, um antisemitische Vorfälle in der Gegenwart zu vermeiden. Neben Seminaren für Vereinsmitarbeiter bietet „Zusammen 1“ pädagogische Trainings für Sportler an, in denen Bildungsinhalte mit Bewegungsübungen verknüpft werden. Die Spieler lösten etwa ein Memory zu jüdischen Persönlichkeiten und historischen Fakten und absolvierten gleichzeitig sportliche Aufgaben, erklärt Samantha Bornheim von „Zusammen 1“ das Konzept auf der Tagung. Durch die Inhalte sollen die Spieler sensibilisiert werden, sodass im besten Fall antisemitische Vorfälle gar nicht erst auftreten, aber Spieler auch das Werkzeug an die Hand bekommen, um in Situationen reagieren zu können, in denen etwa ein Mitspieler Opfer von Antisemitismus wird. In einem spielerischen Kontext sei man eher gewillt, seine Ansichten mal zu überdenken, sagt Müller, der nicht nur Teil der universitären Arbeitsgruppe ist, sondern die Initiative 2020 zusammen mit seinem Makkabi-Kollegen Luis Engelhardt ins Leben rief.

Gerade der Fußball, in dem sich zwei Mannschaften gegenüberstünden und um einen Ball kämpften, könne eine Konfliktsituation veranschaulichen, findet auch der Leiter der Sportpädagogik Heim. Deswegen hoffe die Arbeitsgruppe, Werkstudenten im nächsten Jahr zu Workshops und Trainings von „Zusammen 1“ zu entsenden, um sie zu schulen und anschließend ähnliche Konzepte an der Goethe-Universität zu entwickeln. Dort kam es seit dem 7. Oktober vermehrt zu antisemitischen Vorfällen und Zusammenstößen mit der Gruppe „Students4Palestine“. So beschuldigte die Gruppe etwa den Universitätspräsidenten Enrico Schleiff, einen Genozid in Gaza zu unterstützen, weil er eine Kooperationsvereinbarung mit der Tel Aviv University unterzeichnete.

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