Arminia Bielefeld packt die Partylaune

Arminia Bielefeld packt die Partylaune

Ein Klassenunterschied? Von wegen. Nicht Bayer Leverkusen, der deutsche Meister und Pokalsieger des Vorjahrs, dominierte das erste Halbfinale im DFB-Pokalwettbewerb am Dienstagabend, sondern der Drittligavierte Arminia Bielefeld. Die Ostwestfalen setzten die entscheidenden Akzente, als es um Sieg oder Niederlage ging.

Wie schon in den drei Begegnungen zuvor gegen die Erstligateams von Union Berlin (2:0), dem SC Freiburg (3:1) und des SV Werder Bremen (2:1) zeigte sich die Mannschaft von Trainer Mitch Kniat am Dienstagabend rundum gerüstet, den größten Coup der 120 Jahre alten Vereinsgeschichte zu vollbringen: den erstmaligen Einzug des DSC Arminia ins DFB-Pokalfinale.

Dank eines 2:1-Erfolges vor 26.601 Zuschauern in der ausverkauften Stimmungshochburg „Alm“ qualifizierte sich das bei der Probe aufs Exempel bessere Team auf imponierende Art und Weise für das nationale Saisonendspiel am 24. Mai, in dem es auf den Gewinner des zweiten Semifinales am Mittwochabend zwischen dem VfB Stuttgart und RB Leipzig trifft. Wieder einmal wie in den Runden zuvor als Außenseiter, um dann aufs Neue den Favoriten auf der Überholspur abzuhängen? Abwarten! Diese Begegnung findet im riesigen Berliner Olympiastadion vor 74.475 Zuschauern statt, in dem zwei gleich groß besetzte Fanblöcke der beiden Finalteilnehmer mit jeweils rund 25.000 Anhängern ihre Mannschaften anfeuern werden.

„Fast nichts hat funktioniert“

Der alte Gassenhauer „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“ war nach dem Arminen-Festspiel am Dienstag der Hit des Abends in einer zuvor schon überaus stimmungsvollen Arena, in der die Arminen auf dem Platz und auf den Rängen den Ton angaben. Die Rheinländer, die in Deutschland ihr letztes Auswärtsspiel auf der nationalen Wettkampfebene am 34. Spieltag der Saison 2022/23 beim VfL Bochum 0:3 verloren hatten, muteten in Bielefeld so mickrig und ideenlos wie lange nicht, schon gar nicht gegen einen unterklassigen Widersacher, an.

Es sprach für den Gentlemantrainer Xabi Alonso, dass er nach dem durch die Treffer von Marius Wörl (20. Minute) und Maximilian Großer (45.+3) gedrehten Duell, in dem Nationalspieler Jonathan Tah die Leverkusener 1:0 in Führung gebracht hatte (17.), keine Ausreden und Ausflüchte suchte. „Wir waren nicht gut genug und haben es nicht verdient, im Pokalfinale zu stehen“, lautete die Tagesabschlussbilanz des Basken eine halbe Stunde vor Mitternacht. Alonso gratulierte den Bielefeldern zum verdienten Erfolg. Seine Enttäuschung sah man ihm an bei Sätzen, wie, „ich habe einiges vermisst, fast nichts hat funktioniert“.

DSGVO Platzhalter

Robert Andrich, der Berliner im Trikot der Bayer-Werkself, nahm wie so oft kein Blatt vor den Mund, als er diesem Abend, an dem der hohe Favorit nicht liefern konnte, die Note ungenügend gab. „Wir haben alles vermissen lassen und eine Menge falsch gemacht“, lautete sein Urteil nach dem Pokalflop auf der Alm, „so gewinnst du gegen keine Mannschaft der Welt, das war das schlechteste Spiel der Saison.“ Der kantige Mittelfeldspieler übertrieb damit kein bisschen, sondern traf mit seiner Selbstkritik ins Schwarze.

Die kurzzeitige Leverkusener Führung trug nicht dazu bei, dass die Rheinländer Tritt fassen und das Spiel nach ihrer Facon diktieren konnten. Im Gegenteil: Die Arminen machten den Rückstand mit ihrem steten Fleiß und ihrem unbeugsamen Willen wett, den Ball bei jeder Gelegenheit dank der eigenen Zweikampfstärke zu erobern. Sie setzten die Akzente und bestimmten den Rhythmus einer Begegnung, in der die sonst so spielstarken Profis aus Leverkusen vor lauter Zweifeln an sich selbst und Verzweiflung ob eines extrem couragierten Gegners viel zu oft auf das einfallslose Stilmittel lange Bälle zurückgriffen, die aber nur selten ihren Adressaten fanden. „In vielen Bereichen waren die angeblichen Drittligisten besser als wir“, beurteilte Torhüter Lukas Hradecky den von Bielefeld bestimmten Spielverlauf.

Der Favorit unter Druck

Drittklassig wirkte nichts am Bielefelder Spiel. Im Gegenteil: Die laufstarke, extrem fleißige Mannschaft setzte mit ihrem frühen Gegenpressing Bayer unter Druck und schuf somit immer wieder Situationen, in denen der Favorit unter Druck geriet. Wo es um Dinge wie Intensität, Fleiß und Lust auf Überraschungsfußball ging, war der inspirierte Außenseiter dem müden Champion deutlich überlegen. Wie in allen Pokalspielen dieser Saison griff der Matchplan der Arminen, ausgedacht im Trainerteam des Aufstiegskandidaten zur Zweiten Bundesliga und realisiert von einer Mannschaft, in der das Betriebsklima stimmt.

„Wir haben nichts an uns rangelassen, sind immer bei uns geblieben, und ein bisschen Lockerheit gehörte auch dazu“, lobte Cheftrainer Kniat sein Trainerteam und seine Profis, die mit grandioser Hingabe um die Chance ihres Profilebens kämpften, sich den Traum vom Finale zu erfüllen. Bei Maximilian Großer, am Dienstagabend ein überragender Innenverteidiger, flossen, als alles gutgegangen und ganz Bielefeld in Partylaune war, ein paar Tränchen ob der Aussicht, sich im Schulterschluss mit den Kollegen die Reise nach Berlin verdient zu haben.

Wer dort noch die Arminia unterschätzt, könnte sein schwarz-weiß-blaues Wunder erleben. Trainer Kniat, seit der Spielzeit 2023/24 in Bielefeld, hat im Übrigen längst bewiesen, dass er das Zeug zu einem ganz besonderen Trainer hat, der dazu mit viel Humor gesegnet ist. Er, dem zum Beginn seiner Zeit beim DSC Arminia viel Skepsis und Unmut ob des langen Kampfes gegen den Abstieg aus der Dritten Liga nach den Abstürzen aus der Ersten und Zweiten Bundesliga entgegenschlug, verwies am Dienstagabend gern darauf, dass er zu Beginn seines Fußballabenteuers auf der Alm sogar einen „Doppelnamen“ getragen habe: „Kniat raus“.

Inzwischen wird er, der Fußball ist ja vergänglich zwischen Erfolg und Misserfolg, in der ostwestfälischen Metropole gefeiert – auch weil er sich in schweren Zeiten treu geblieben ist und seine Mannschaft zusammengehalten hat. Das Ergebnis sah man in dieser bisher makellosen Pokalrunde und in vielen Drittligaspielen des DSC Arminia. Die Aussicht auf das große Saisonfinale und einen Batzen Geld aus der Pokalrunde, der weit über zehn Millionen Euro beträgt, hat den Blick dafür nicht getrübt, dass die Bielefelder nun auch mit aller Kraft auf das noch wichtigere Saisonziel Wiederaufstieg in die Zweite Bundesliga zusteuern wollen. Zuzutrauen ist ihnen in diesen Wochen des Frühlingserwachens alles.

Terminprobleme wegen Arminias Final-Einzug

Der überraschende Finaleinzug von Arminia Bielefeld im DFB-Pokal könnte dem Fußball-Drittligaklub noch Terminstress bescheren und Einfluss auf den Terminkalender nehmen. Nach dem 2:1 im Pokal-Halbfinale gegen Titelverteidiger Bayer Leverkusen steht die Arminia am 24. Mai erstmals im Endspiel in Berlin. Für denselben Tag ist indes auch das Endspiel des Westfalenpokals terminiert. Auch hierfür sind die Ostwestfalen qualifiziert. Der Gegner wird noch im Duell SV Rödinghausen gegen die Sportfreunde Lotte am 16. April ermittelt.

Auch dieses Finale ist wichtig für den früheren Bundesligisten Bielefeld. Sollte die Arminia das DFB-Pokalfinale gegen den VfB Stuttgart oder RB Leipzig nämlich verlieren und in der Dritten Liga nicht mindestens Vierter werden, wären sie in der kommenden Saison nur als Sieger des Westfalenpokals überhaupt auch wieder im DFB-Pokal dabei. In der Dritten Liga ist das Team von Trainer Mitch Kniat mit zwei Punkten Vorsprung auf den FC Ingolstadt derzeit Tabellenvierter.

Allerdings liegt Bielefeld nach 30 von 38 Spieltagen auch nur einen Punkt hinter dem Dritten 1. FC Saarbrücken. Sollten die Arminen am Saisonende Dritter werden, stünden die Relegationsspiele zur 2. Bundesliga an. Und das Hinspiel ist für den 23. Mai – nur einen Tag vor dem Pokalfinale in Berlin – terminiert. Das Rückspiel soll eigentlich am 27. Mai stattfinden. „Da muss man schon gucken, dass man das anders terminiert kriegt“, forderte Bielefelds Vereinslegende Fabian Klos bei Sky. „Das kann man in der Form nicht spielen. Das geht nicht.“

Und tatsächlich: Laut DFB sind genau für solch einen Fall Ausweichtermine im Rahmenterminkalender vorgesehen. Das Relegations-Hinspiel würde demnach dann bereits am 21. Mai und das Rückspiel erst am 28. Mai ausgetragen. Herausfordernd würde dieses Programm für den Drittligisten aber allemal. (dpa)

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