#Augsburg macht seine dunkle NS-Historie erlebbar
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Der städtische Lernort im früheren KZ-Außenlager Pfersee war ein Politikum. Jetzt geht er in Betrieb und schlägt einen großen historischen Bogen.

Foto: Michael Hochgemuth
Zur Eröffnung war die wechselvolle Geschichte der Halle noch einmal Thema: Der langgestreckte Baukörper mit seinem großen roten Dach war in den 1930er Jahren Teil der Luftnachrichtenkaserne, die von der Wehrmacht erbaut wurde. 1944 funktionierten die Nationalsozialisten die Halle zu einem Außenlager des KZ Dachau um. Bis zu 2000 Häftlinge gleichzeitig waren unter menschenunwürdigen Bedingungen untergebracht und mussten Zwangsarbeit bei den Messerschmitt-Werken leisten. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs nutze die US-Armee das Kasernengebäude bis 1998 als Fahrzeughalle. Das Gebäude könne den kompletten Zeitstrahl der jüngeren Augsburger Geschichte abbilden und sei mit seinen historischen Schichten einzigartig im süddeutschen Raum, sagt Historiker Tobias Brenner.
Seit dem Abzug der Amerikaner das Ziel verfolgt
Auch das jahrzehntelange politische Ringen um das Projekt kam noch einmal zur Sprache. Zahlreiche bürgerschaftliche Initiativen hatten seit dem Abzug der Amerikaner das Ziel verfolgt, die Halle zu einem Ort zu machen, an dem man Geschichte erleben und spüren kann. Schon damals sei klar gewesen, dass man das steinerne Zeugnis einer menschenverachtenden Zeit sichern und zu einem Gedenkort machen müsse, erinnert Bernhard Kammerer von der Bürgeraktion Pfersee-Schlössle. KZ-Überlebende, Zeitzeugen und viele ehrenamtliche Forscher aus der Stadtgesellschaft trugen dazu dabei, geschichtliche Spuren zu sichern. „Es gab Berichte über den täglichen Marsch der Häftlinge durch Pfersee, wo sie am Mühlbach in die Lokalbahn verladen wurden“, so Kammerer. Bis wenige Tage vor Kriegsende hätten sie dann bei Messerschmitt in Haunstetten Kampfflugzeuge bauen müssen. Umso seltsamer sei, dass die Messerschmitt-Stiftung bisher keine Projekte rund um die Halle 116 unterstützt habe.
Die wissenschaftlichen Grundlagen für eine Ausstellung legte 2015 der Augsburger Historiker Philipp Gassert. Diese sollte einen großen Bogen spannen: Das Jahr 1945 mit dem Kriegsende gilt als Scharnier. Von dort wird einerseits auf das totalitäre NS-Regime zurückgeblickt, andererseits richtet sich der Blick nach vorne in die Zeit der Demokratisierung nach dem Krieg bis in die Gegenwart der „Friedensstadt Augsburg“ und aktuellen gesellschaftlichen Debatten.
Für die Ertüchtigung der Halle wurden 430.000 Euro ausgegeben
Immer wieder war von einem Abbruch des Gebäudes die Rede, der verhindert wurde. Die Initiativen ließen nicht locker. Doch erst als die Stadt die Halle 2020 ankaufte, nahm das Projekt Fahrt auf. Die Stadt richtete eine Arbeitsgruppe für den Lernort ein, in der engagierte Bürger mitreden durften. Für die Ertüchtigung des Hallenteils für die Schau, Brandschutz und Ausstellung wurden rund 430.000 Euro ausgegeben. Nun wird die Schau gerade noch rechtzeitig eröffnet, bevor Fördermittel des Freistaats ausgelaufen wären.
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Thomas Weitzel (Gesamtprojektleiter) mit einem Plakat vor einer Info-Wand zum Thema „Umbrüche“ und „Friedensstadt“.
Foto: Klaus Rainer Krieger
„Es war ein langer, teils mühsamer Weg, aber es hat sich gelohnt“, sagt der Leiter der städtischen Stabsstelle Erinnerung, Thomas Weitzel. Die Realisierung des Projekts sei auch der Hartnäckigkeit der Initiativen zu verdanken. Eine Besonderheit sei, dass Akteure aus der Bürgerschaft auch inhaltlich bei der Ausstellung mitarbeiten konnten. „Jeder hat seine Expertise eingebracht“, sagt Felix Bellaire von der städtischen Fachstelle für Erinnerungskultur.
Halle 116: ein Beitrag zur politischen Bildung und ein Ort für Erinnerungsarbeit
Weitzel verweist darauf, dass es in Augsburg kein zentrales Stadtmuseum gibt, das Augsburgs Geschichte aufblättert. In der Reihe der dezentralen Museen werde mit der Halle 116 eine Lücke gefüllt. Der Bezirk Schwaben beteiligt sich ebenfalls am Betrieb des Lernortes. Ziel sei, einen Betrag zur politischen Bildung und zur Erinnerungsarbeit zu leisten, heißt es dort. Der neue Lernort solle in die Region ausstrahlen. Als wichtigste Zielgruppe gelten Schulklassen, die von einer Museumspädagogin betreut werden sollen. Für internationale Besucher gibt es eine Textversion in Englisch, die man auch im Internet herunterladen kann.
Weitzel zufolge soll die neue Ausstellung auf 600 Quadratmeter ein erster Schritt sein. Es gelte, den Lernort in den kommenden Jahren weiterzuentwickeln. Notwendig wären aus Sicht von Fachleuten noch weitere Räume für Wechselausstellungen, Seminare und Vorträge sowie eine Präsenzbibliothek und Büros. Der Raum wäre vorhanden.
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