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Hersbruck ist eine idyllische Kleinstadt im Pegnitztal östlich von Nürnberg mit einem Renaissanceschloss und einem gut erhaltenen Altstadtkern. 1982 erforschte der Gymnasiast Gerd Vanselow für eine Jahrgangsarbeit die Geschichte seiner Heimatstadt im Nationalsozialismus. Er stieß auf Spuren eines Außenlagers des Konzentrationslagers Flossenbürg sowie Dokumente eines dazugehörigen SS-Straflagers, das unter einem Stausee begraben lag. Die Ergebnisse seiner Recherche veröffentliche er ein Jahr später in einer sechzigseitigen Broschüre.
Der Gymnasiast erhielt Drohbriefe
Als die Arbeit erschien, erhielt Vanselow anonyme Drohbriefe von Hersbrucker Bürgern. Andere Briefschreiber forderten den Bürgermeister des Städtchens auf, den weiteren Druck der Broschüre zu unterbinden. Ein Fernsehteam, das einen Beitrag über den Fall drehte, bekam Prügel angedroht. Erst 1998 wurde eine Gedenktafel aufgestellt, die an die etwa viertausend Opfer des Außenlagers erinnerte. 2007 folgte ein Mahnmal in Form einer Bronzefigur des italienischen Bildhauers Vittore Bocchetta, der selbst in Hersbruck inhaftiert gewesen war.
Die Geschichte der Nachforschungen des Gymnasiasten Vanselow ist eine der Stationen der Ausstellung „Die Nazis waren ja nicht einfach weg“, mit der das Schulmuseum Nürnberg im Berliner Dokumentationszentrum Topographie des Terrors gastiert. Die Präsentation, die das Museum gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern entwickelt hat, besteht aus Text- und Bilddokumenten, die in acht Kapitel gegliedert auf Stellwänden und an Medientischen dargeboten werden. Es hat schon viele ähnlich gestaltete Themenausstellungen am gleichen Ort gegeben, nur dass sich die jetzige weniger um die nationalsozialistischen Verbrechen als um ihre mangelhafte strafrechtliche Verfolgung und geistige Aufarbeitung in der Nachkriegszeit dreht.
Das Bündnis der Täter und Mitläufer
Es geht, knapp gesagt, um die Kontinuität von Denkweisen und Karrieren, die im Nationalsozialismus geprägt und nach dem Krieg oft bruchlos fortgesetzt wurden. Historiker wie Götz Aly und Ulrich Herbert haben solche Kontinuitäten erforscht und beschrieben, aber es hat doch eine andere Wucht, wenn man in einem Schulfragebogen von 1946 liest, es gebe „Arier, Juden, eine gelbe Rasse, eine schwarze, rote, weiße“, und ein Wahlplakat der FDP von 1949 verkündet, nun müsse Schluss sein mit „Entnazifizierung, Entrechtung, Entmündigung“.
Das Bündnis der Täter und Mitläufer, das in diesen Jahren geschmiedet wurde, hielt bis in die Schulzeit des Gymnasiasten Vanselow und schuf ein Klima des Verschweigens und Vertuschens, deren Folgen die Ausstellung an sprechenden Beispielen schildert. So wird ein SS-Hauptsturmführer, der in Minsk an Massenerschießungen teilgenommen hat, zum Leiter des Landeskriminalamts in Rheinland-Pfalz, eine Euthanasieärztin steigt in der DDR zur Chefärztin auf, ein Vollstrecker und Auftraggeber von Tötungen behinderter Kinder leitet von 1954 an die Kieler Kinderklinik, und ein Organisator der Deportationen französischer Juden nach Auschwitz wird Bürgermeister in Bayern. Der SS-Mann Strippel, dem die Beteiligung an der Ermordung zwanzig jüdischer Kinder in den letzten Kriegstagen in Hamburg vorgeworfen wird, entgeht einer Anklage aus Mangel an Beweisen und später wegen Prozessunfähigkeit – und erhält wegen „überzähliger“ Haftjahre in einem anderen Verfahren eine Entschädigung von mehr als 120.000 D-Mark.

Diesen Musterfällen verschleppter Gerechtigkeit stellt der Kurator Mathias Rösch die Schicksale überlebender Opfer gegenüber, die im geteilten und wiedervereinigten Deutschland um Entschädigung kämpfen: die Sinti, die in der Gedenkstätte Dachau in den Hungerstreik treten, die Zwangssterilisierten, deren Leid erst 1988 als Unrecht anerkannt wird, die Homosexuellen, bei denen sich der Bundestag erst 2002 entschuldigt.
Dann gibt es noch eine dritte, sehr viel kleinere Gruppe, die man die Aktivisten der Vergangenheitsbewältigung nennen könnte. Zu ihr gehört neben den Nazijägern Serge und Beate Klarsfeld auch Hilde Schramm, die Tochter Albert Speers. 1994 gründet sie mit dem Erlös dreier Gemälde, die sie von ihrem Vater geerbt hat, die Stiftung „Zurückgeben“, die Gegenstände und Kapital aus geraubtem jüdischem Besitz zurückerstattet.
Die Achtzigerjahre waren ein Wendepunkt
Es dauert einige Zeit, bis man bei Gerd Vanselow und Hersbruck angekommen ist, und dennoch liest man sich gerade hier fest. Das hat auch damit zu tun, dass die Achtzigerjahre ein Wendepunkt in der Beschäftigung der Deutschen mit ihrer Vergangenheit waren. Durch die Fernsehserie „Holocaust“ und die verspätete Publikation von Raul Hilbergs Buch „Die Vernichtung der europäischen Juden“ wurde ein neues Bewusstsein für das Ausmaß der nationalsozialistischen Verbrechen geweckt; auch die Gründung der Topographie des Terrors fällt in diese Zeit. Eine regelrechte Gedenkstättenpolitik gibt es zwar erst seit 1990, aber ihre Grundlagen wurden in der Schlussphase des Kalten Krieges gelegt, als die Enkelgeneration nach der Schuld ihrer Großväter zu fragen begann.
Die Kapitel über Hersbruck und „Holocaust“ sind so gesehen die historische Achse der Ausstellung. Sie markieren aber auch den Punkt, an dem die Präsentation ein wenig ihren Faden verliert. Denn die fremdenfeindlichen und antisemitischen Anschläge, die Hassparolen gegen Asylbewerber und Flüchtlinge, von denen die letzten Stationen handeln, sind ja gerade keine bloße Fortsetzung des Nationalsozialismus, sondern die Wiedererweckung seiner Ideologie in neuem Gewand. Die Nachkriegszeit ist zur Vorkriegszeit geworden, mit allen Konsequenzen, die das für den Blick auf die deutsche Vergangenheit hat. Davon könnte eine neue Ausstellung handeln – in anderem Format und an einem anderen Ort.
„Die Nazis waren ja nicht einfach weg. Vom Umgang mit dem Nationalsozialismus in Deutschland seit 1945“. Topographie des Terrors, Berlin,bis 11. Januar 2026. Kein Katalog.
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