#Bäume in ewiger Blüte

„Bäume in ewiger Blüte“

Wer das Privileg hat, den Sonntagvormittag in Rom zu verbringen, sollte pünktlich um elf Uhr am Eingang des Palazzo Massimo in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs Termini sein, um gleich nach Öffnung der Pforte als einer der ersten Besucher seinen Fuß in das Museum zu setzen und mit dem Fahrstuhl in die oberste Etage zu fahren, die ganz der fachkundigen Präsentation herrlicher Fresken und Mosaike gewidmet ist. Hier kann in aller Ruhe – entfernt vom Trubel der Stadt – nicht nur die älteste, sondern auch eine der schönsten zusammenhängenden Gartenmalereien betrachtet werden, die aus der römischen Antike auf uns gekommen ist: ein Fresko aus dem Triklinium, dem Speisesaal der Villa, die Livia, die dritte Ehefrau des Kaisers Augustus, etwa zwölf Kilometer nördlich von Rom an der Via Flaminia bei Prima Porta besaß.

Die Macht der Bilder, die das neue Zeitalter prägte, ist auch in dem ursprünglich unterirdischen Raum gegenwärtig, der eine Länge von knapp zwölf und eine Breite von fast sechs Metern misst und an heißen Sommertagen angenehme Temperaturen garantierte. Einzig eine Eingangstür gab es, aber keine Fenster. Licht trat wohl über Öffnungen im Tonnengewölbe ein, dessen Stuckverzierungen nur noch fragmentarisch erhalten sind.

Überfluss verbindet sich mit Ordnung

Im scharfen Gegensatz zum spär­lichen Licht und zur subterranen Kon­struktion steht das Bildmotiv: ein üppig blühender Garten, der detailliert gezeichnet ist und – wenn Salvatore Settis, der große italienische Archäologe, richtig gezählt hat – 69 Vogel- und 23 Pflanzenarten lebensecht darstellt. Hier gedeihen Iris, Veilchen, Mohn, Chrysanthemen und Rosen; unter den Gehölzen beeindrucken Oleander, Myrten, Buchsbaum und Schneeball; und zahlreich sind die Bäume: Pinien, Steineichen, Dattelpalmen, Quitten, Granatäpfel und Zypressen.

Vertikale architektonische Elemente wie Säulen oder Pfeiler fehlen; stattdessen wird der dargestellte Gartenraum durch horizontale Elemente strukturiert: einen Zaun aus Schilf und Weidenzweigen im Vorder- und eine Marmorbalustrade im Hintergrund. Zwischen diesen beiden Elementen, die räumliche Tiefe erzeugen, findet sich ein Rasen, der mit Sträuchern in regelmäßigen Abständen bepflanzt ist und zur ambulatio, zu einem Spaziergang, einlädt. In der Mitte der Wände ragen jeweils höhere Bäume auf, die von kleineren Gehölzen flankiert werden. Die Gartenanlage verbindet Vielfalt und Überfluss mit Ordnung und Symmetrie: Die Natur wächst nur scheinbar frei; die Hinweise auf die Gestaltung durch Menschenhand sind unübersehbar.

Man glaubt, ins Freie zu sehen

Der Blick des Betrachters wird durch Vögel, die im Flug munter umherschweifen, und Äste, die der Wind sanft beugt, gelenkt und verliert sich schließlich im türkisfarbenen Himmel. In diesem unterirdischen Gewölbe glaubte man ins Freie zu schauen: in einen Garten, in dem Blüten und Früchte allgegenwärtig sind. Doch es ist offenkundig, dass es sich um keinen realen Garten handelt, denn hier blüht alles zur gleichen Zeit. Das Leben erwacht nicht, es ist unvergänglich. Jahreszeiten sind nicht dargestellt. Die immerwährende Fruchtbarkeit verweist auf den paradiesischen Zustand des Goldenen Zeitalters, das nicht mehr in der Vergangenheit zu suchen, sondern mit der Herrschaft des Augustus Wirklichkeit geworden war.

Mit dem Ende der blutigen Bürgerkriege war eine Zeit des Friedens angebrochen, die allerdings mit Hekatomben von Menschenopfern erkauft worden war. Im sattgrünen Garten des Speisesaals fand die augusteische Ideologie der felicitas temporum, der glücklichen Zeitläufte, und die kaiserliche Propaganda der andauernden Wohlfahrt einen überzeugenden künst­le­rischen Ausdruck. Die Gartenlandschaft stellt zugleich einen Bezug zur berühmten, überlebensgroßen Marmorstatue des ersten Prinzeps her, die 1863 in dieser Villa bei Prima Porta gefunden wurde und dessen Brustpanzer, der die Rückkehr der einst von Crassus an die Parther verlorenen Feldzeichen zeigt, die Sieghaftigkeit des Kaisers verewigt.

Denn der Lorbeer, die am häufigsten abgebildete Pflanze, verweist auf den kaiserlichen Triumph, an den auch eine ätiologische Erzählung erinnert, die sich um die Villa rankt. An ebendiesem Ort, so berichten Plinius der Ältere und Sueton, habe ein Adler ein weißes Huhn unverletzt Livia in den Schoß fallen lassen. Im Schnabel habe es einen Lorbeerzweig getragen. Auf Anraten der Priester habe die Kaisergattin das Huhn aufgezogen und den Zweig angepflanzt; auf wundersame Weise sei ein Hain entstanden, aus dem die Kaiser künftig Zweige für ihre Triumphe entnahmen. Erst am Ende der Regierungszeit Neros, des Ururenkels des Augustus, seien alle Hühner gestorben und die Lorbeerbäume bis auf die Wurzeln verdorrt.

Die Gartenlandschaft der Villa der Livia überdauerte indes nicht nur das Ende der julisch-claudischen Dynastie, sondern auch den Untergang Roms und die Stürme der Neuzeit. Seit 1998 erstrahlt sie in alter Pracht im Palazzo Massimo und schlägt jeden Besucher in ihren Bann.

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