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Das Leben wohl keines anderen deutschen Künstlers ist mit der Nachkriegsgeschichte auf so vielfältige, vertrackte Weise verbunden wie Biermanns. Er war ein Klassenkamerad des neulich verstorbenen Hamburger Unternehmers und Mäzens Klaus-Michael Kühne; er war auch oder gerade als Kommunist Patriot und ließ sich an Pfingsten 1950 auf einem Ostberliner Pioniere-Treffen, im Alter von 13 Jahren, mit einem Ausspruch vernehmen, der verblüffend an Thomas Mann erinnert: „Wir kennen keine Zonengrenzen. Wir kennen nur ein Deutschland mit der Hauptstadt Berlin“; er siedelte im Mai 1953 zwanglos in die DDR über, wohnte zuerst im Mecklenburgischen, dann in seiner eigentlichen Heimatstadt Ostberlin, wo er studierte, in die Theaterszene eintauchte und von Hanns Eisler die wohl entscheidende künstlerische Inspiration und Förderung erhielt, indem dieser ihn im Verfassen von Liedern und Gedichten bestärkte.
Margot Honecker sagte ihm eine große Zukunft voraus
Von da an und bis zum heutigen Tag ging er mit einer geradezu archaisch anmutenden, sich sicherlich auch aus dem Kummer über die Ermordung seines Vaters Dagobert in Auschwitz speisenden künstlerischen Kraft zu Werke, über die kaum ein anderer deutscher Autor und Sänger verfügte und die auch von dem auf dem 11. Plenum des SED-Zentralkomitees im Dezember 1965 gegen ihn verhängten Publikations- und Auftrittsverbot nicht nennenswert geschwächt wurde. Was er schrieb und von sich gab, war fortan im Westen zugänglich, gelegentliche Besuche und Konzerte inklusive.
Niemand vermochte es, Zeit- und Gesellschaftskritik in Versen dermaßen bündig, originell und vor allem frech zu artikulieren. Man denkt fast an die briefliche Voraussage Leopold Mozarts an seinen Sohn Wolfgang, dieser könne der größte Geiger Europas werden, wenn man sich vor Augen hält, dass Margot Honecker, in ihrem Bemühen, den Marxisten auf Parteilinie zu halten oder darauf zurückzuführen, ihm sagte, er könne der größte Dichter ihres Landes werden. Irgendwie wurde er das auch.
Eben erst legte er auf der Frankfurter Buchmesse einen gewohnt wuchtigen, unverändert zwischen Selbstgefälligkeit und -zweifel changierenden Auftritt hin, um einen neuen Gedichtband und einen winzig kleinen Teil seiner Tagebücher unter die Leute zu bringen; es folgen: ein Kinofilm, die Goldene Hochzeit mit Köln und natürlich der 90. Geburtstag, bestimmt auch eine Art dinner for one.
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