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„Bank of England gerät unter Druck“
Die Inflationsrate in Großbritannien ist mit neun Prozent auf den höchsten Stand seit vierzig Jahren geklettert. Das setzt die Bevölkerung ebenso unter schmerzhaften Druck wie die Bank of England (BoE). Die Preissteigerung liegt jetzt schon fast doppelt so hoch wie noch sechs Monate zuvor prognostiziert. Damals versicherte Notenbankgouverneur Andrew Bailey, dass die Inflation nur „temporär“ sein werde. Inzwischen sind sich da viele Fachleute nicht mehr so sicher.
Vom Zwei-Prozent-Zielwert der britischen Zentralbank, den auch die Europäische Zentralbank (EZB) und der amerikanische Fed als Anker anstreben, ist man nun weit entfernt. Wenn sich die Inflationserwartungen der Märkte und der Bevölkerung jedoch einmal „ent-ankerten“ und dauerhaft nach oben verschöben, wäre das fatal. Gegensteuern würde immer schwieriger.
Erst vor einem Vierteljahrhundert, im Frühjahr 1997, erlangte die Bank of England ihre politische Unabhängigkeit. Ein stolzer Moment für die „Old Lady of Threadneedle Street“. Bailey sagt nun zu Recht, dass die Notenbank derzeit ihre „größte Prüfung“ seit 25 Jahren bestehen müsse. Unternehmensverbände nennen die Inflationszahlen „schockierend“; in der Bevölkerung sorgen sich Millionen Menschen, wie sie bis zum Monatsende über die Runden kommen sollen.
Aus der regierenden Konservativen Partei von Premierminister Boris Johnson, die unter schärfster Kritik wegen der explodierenden Lebenshaltungskosten steht, kommen nun unverhohlene Attacken gegen die Geldpolitiker. Viel zu spät habe die Notenbank die Gefahren erkannt. Bailey sei „hinterm Steuer eingeschlafen“, höhnte ein Ausschussvorsitzender im Unterhaus auf einer Anhörung. Die politischen Angriffe auf die unabhängige Institution sind beunruhigend und zum Teil ungerecht.
Normalisierung der Zinsen im Schneckentempo
Manche Entwicklungen waren für die Notenbanker nicht vorhersehbar – namentlich Russlands Angriff auf die Ukraine und die daraus folgenden weiteren Sprünge der Öl- und Gaspreise sowie die nun „apokalyptischen“ (Bailey) Preissteigerungen für Nahrungsmittel. Achtzig Prozent der Inflation sei auf externe Faktoren – jenseits der Kontrolle der Notenbank – zurückzuführen, behauptet Bailey.
Stimmt das wirklich? Was ist mit monetären Faktoren? Hat nicht die jahrelang extrem lockere Geldpolitik auch den Boden dafür bereitet, dass nun auf breiter Front die Preise steigen? Seit der Finanzkrise 2008 liegen die Leitzinsen global auf rekordtiefen Niveaus. Die „Normalisierung“ der ultraniedrigen Zinsen kommt nur im Schneckentempo voran. Zwar hat die Bank of England seit Dezember 2021 eine zaghafte geldpolitische Wende begonnen und den Leitzins in vier Schritten auf ein Prozent erhöht. Angesichts von prognostizierten zehn Prozent Inflation im Herbst wirkten die immer noch historisch niedrigen Leitzinsen aber „wirklich sehr seltsam“, findet der frühere Notenbankgouverneur Mervyn King. Er kritisiert auch schon länger die „Quantitative Lockerung“, die Anleihekäufe in dreistelliger Milliardenhöhe. Die Geldmenge ist dadurch stark gewachsen. Es lag viel monetäres Brennmaterial herum, nun entzündet es sich.
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Bild: dpa
Die große Sorge der Notenbanker ist, dass sich eine Lohn-Preis-Spirale auf dem sehr angespannten Arbeitsmarkt in Gang setzt. Bailey ruft die Bürger daher zu Lohnzurückhaltung auf. Sein Appell zum „Nachdenken und Reflektieren“, bevor man einen Inflationsausgleich beim Gehalt fordere, kommt nicht gut an. Bürger, die kaum ihre Rechnungen bezahlen können, wollen Reallohneinbußen nicht einfach hinnehmen.
Wie sollte die Notenbank auf die hohe Inflation reagieren? Einige fordern viel schnellere Zinsschritte. Der Markt erwartet bis Mitte 2023 einen Leitzins von 2,5 Prozent, Notenbankveteranen sprechen schon von vier oder fünf Prozent. Unter den aktiven Geldpolitikern fürchten einige eine zu scharfe geldpolitische Bremsung, die die Konjunktur abwürgt. BoE-Chefvolkswirt Huw Pill hofft, dass 2023 die Inflationsrate scharf sinkt, wenn der Energiepreisschock aus der Jahresvergleichsrechnung rausfällt. Sein Vorgänger Andy Haldane bezweifelt das. Er glaubt, die Inflation werde auf Dauer höher bleiben, während die Wirtschaft lahmt.
Eine Wiederholung der „Stagflation“ der 1970er-Jahre wäre jedoch das Letzte, was der Westen in dieser angespannten Zeit brauchen kann. Verlieren die Bürger das Vertrauen in die Fähigkeit der Notenbanken, die Inflation unter Kontrolle zu halten, wäre das ein epochales Versagen. Die zügige Abkehr von den historisch ultraniedrigen Zinsen ist unausweichlich.
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