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Wenn sich Männer nicht „männlich genug“ fühlen, leiden sowohl sie selbst als auch die Gesellschaft. Das zeigt eine große Übersichtsstudie, die Daten von fast 20.000 Männern ausgewertet hat. Demnach können Zweifel an der eigenen Männlichkeit messbar Gefühle, Selbstbild, Verhalten und Einstellungen der Betroffenen beeinflussen. Der Druck, traditionellen Männlichkeitsidealen zu entsprechen, kann zu Stress und Ängsten führen und auch die Gesellschaft in Mitleidenschaft ziehen – etwa, wenn Männer als Kompensation besonders aggressiv auftreten oder andere diskriminieren.
Manche Männer haben den Eindruck, ihre Männlichkeit immer wieder unter Beweis stellen zu müssen. Die Sozialpsychologie beschreibt dieses Phänomen als „prekäre Männlichkeit“. Demnach ist die eigene Geschlechtsidentität als Mann für manche kein fester Zustand, sondern ein fragiles Konstrukt, das durch männlich konnotierte Verhaltensweisen aufrechterhalten werden muss – etwa durch dominantes Auftreten oder die Abwertung von Frauen und homosexuellen Männern. Als weiblich wahrgenommene Eigenschaften oder Verhaltensweise werden dagegen als Bedrohung für die eigene Männlichkeit wahrgenommen.
Angst vor „Unmännlichkeit“
„Um besser zu verstehen, wann und wie solche Bedrohungen und die daraus folgenden Konsequenzen auftreten, haben wir eine Metaanalyse von 123 Studien mit 19.448 Männern durchgeführt“, berichtet ein Team um Lea Lorenz von der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau. In den ausgewerteten Studien wurde die Männlichkeit der Teilnehmenden mit verschiedenen Experimenten in Frage gestellt, wobei jeweils die Auslöser sowie die als Reaktion auftretenden Gefühle und Verhaltensweisen erhoben wurden. Bei den Testpersonen handelte es sich überwiegend um heterosexuelle Männer aus dem westlichen Kulturkreis.
Das Ergebnis: „Im Durchschnitt zeigten die Studien, dass Bedrohungen der Männlichkeit tatsächlich die Gefühle, Gedanken und Verhaltensweisen von Männern beeinflussten“, berichten die Forschenden. Mussten sich die Männer beispielsweise einer Frau unterordnen, die klar die Führung übernahm, oder sollten sie Aufgaben ausführen, die sie als „unmännlich“ empfanden, verspürten sie verstärkt das Bedürfnis, ihre Männlichkeit unter Beweis zu stellen. Auch wenn sie den Eindruck vermittelt bekamen, weniger durchsetzungsstark zu sein als andere, geriet das Männlichkeitsselbstbild vieler Testpersonen ins Wanken.
Stress und toxisches Verhalten
„Überraschend stark sind die Effekte, wenn Männer selbst zu dem Schluss kommen, nicht dem männlichen Ideal zu entsprechen – stärker als bei bloßer Rückmeldung von außen“, erklärt Lorenz‘ Kollege Sven Kachel. „Auch wenn andere dabei sind, steigt der Druck, sich männlich zu präsentieren“. Zu den negativen Folgen gehörten vor allem emotionale Auswirkungen wie Ängste, verbunden mit körperlichen Stressreaktionen wie einem Anstieg des Cortisolspiegels. Nach außen zeigten diese Männer oft Einstellungen und Verhaltensweisen, die ihre Männlichkeit betonen sollen. Sie präsentierten sich risikobereiter und aggressiver und neigten eher dazu, andere Gruppen wie Frauen abzuwerten, sexuell zu belästigen und ihnen ihre Rechte abzusprechen. Zudem befürworteten sie eher traditionelle, männlich dominierte Gesellschaftsbilder und Geschlechterrollen.
„Unsere Studienergebnisse haben gesellschaftliche Relevanz“, sagt Lorenz. In sozialen Medien propagieren Influencer traditionelle Männlichkeitsbilder, die es gegen moderne Bedrohungen zu verteidigen gelte. Zu diesen vermeintlichen Bedrohungen können unter anderem mehr Frauen in Führungspositionen zählen, eine erhöhte Sichtbarkeit sexueller Minderheiten sowie die Entwicklung, dass der Mann in den meisten Fällen längst nicht mehr die Rolle als Oberhaupt und Ernährer der Familie einnimmt. „Wenn wir besser verstehen, wann solche Bedrohungen entstehen und was sie verstärkt oder abschwächt, kann das helfen, Konflikte, Diskriminierung und gesellschaftliche Spannungen zu reduzieren“, sagt Lorenz.
Quelle: Lea Lorenz (Rheinland-Pfälzische Technische Universität Kaiserslautern-Landau) et al., Personality and Social Psychology Review, doi: 10.1177/10888683261433109
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