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Zu Botho Strauß gelangt man übers Land. Hinter Joachimsthal verwandeln sich die Nadel- in Laubwälder, die Hügellandschaft wird lieblicher, die Kargheit Brandenburgs weicht dem Herbstglanz der Uckermark. Beiderseits der Autobahn fährt man durch Dörfer mit slawischen Ortsnamen, Gramzow, Melzow, Meichow, Zichow, an Backsteinkirchen, Dorfteichen und vereinzelten preußischen Herrenhäusern vorbei ins Grüne, bis die Straße an einem kleinen Platz endet. Mittendrin ein Wasserbecken für die Feuerwehr. Linker Hand führt eine Allee von Ahornbäumen zu einer Einfahrt. Dahinter ein kleines Anwesen, zweiteilig, ein schlankes Gästehaus und ein größeres zweigeschossiges Hauptgebäude mit großem Garten zum Südhang. „Sein weißes Haus.“
Der Hausherr steigt, von der Frau des Gärtners gerufen, eine schmale Holztreppe hinab. Botho Strauß wird im Dezember zweiundachtzig, und man sieht ihm sein Alter an; aber dann auch wieder nicht. Sein Gang ist vorsichtig, seine Stimme leicht heiser nach einer Kehlkopfoperation, aber sein Blick hinter der unentbehrlichen randlosen Brille mit den achteckigen Gläsern wach und scharf, und beim Sprechen belebt sich sein Gesicht mit Schimmern von Jugendlichkeit. Die Bücher, die er aus Berlin in sein uckermärkisches Domizil mitgebracht hat, ziehen sich in langen Regalreihen die Treppe hinauf, unten die Literatur, oben, im ersten Stock, Philosophie und Religion. Direkt gegenüber liegt sein Arbeitszimmer.
Die Aufzeichnungen aus seinem Leben gehen jetzt nach Marbach
Wer nach der Lektüre von Straußʼ Büchern, diesen Manifesten konservativen Geistesstolzes, ein großbürgerliches Heiligtum wie in Ernst Jüngers Wilflinger Försterei erwartet hat, wird von der Schlichtheit des Raums überrascht. Kein Eichenholz, kein Polstersessel, kein Parkett, stattdessen zwei schwarze Stühle mit Lederbezug, eine kleine Schlafstatt, ein Router und ein Inhalationsgerät auf einem offenen Regal und ein einfacher viereckiger Schreibtisch. Aus dem Fenster reicht der Blick weit über die umliegenden Felder bis zum Waldrand an der nördlichen Grenze der Schorfheide. Um das aufgeklappte Laptop herum liegen Papiertaschentücher, eine Schale mit Nüssen, eine Digitalwaage, ein schwarz-weißes Kinderfoto, Postkarten, Stifte, eine rundum beschriebene Geschenktasse, eine Taschenuhr mit Gestell und ein Stapel Notizhefte. Auf dem obersten klebt unter der Datumszahl ein Zettel in der Handschrift des Autors: „Geprüft“.
Es ist ein Freigabezeichen. Botho Strauß ist dabei, seine Aufzeichnungen aus fünf Jahrzehnten zur Aufbewahrung im Marbacher Literaturarchiv vorzubereiten, und um das Allerprivateste, niemals zu Veröffentlichende von der Tagesprosa des Schriftstellers zu trennen, hat er sich ein kleines Arsenal aus Grün- und Rotstiften zugelegt: Grün für die freigegebenen, Rot für die gesperrten Passagen. Das vielfarbige Korpus aus kleinen und größeren, dünnen und dicken Notizbüchern, nach Jahrgängen sortiert, steht auf einem Regal neben der Tür. Es sind mehr als zweihundert. Ein Großteil der Arbeit liegt noch vor ihm.
Der Metropole hat der Schriftsteller endgültig den Rücken gekehrt
Aber die Wiederlektüre der Notizen hat auch noch eine andere Funktion. Sie bildet, neben den Lesefrüchten aus der eigenen Bibliothek, die wichtigste Inspirationsquelle des Autors. Seit Langem webt Strauß seine Bücher ja nicht mehr aus konventionellen Erzählfäden, sondern aus weitergedachten Beobachtungen und Erlebnissen: Traumprotokollen, Begegnungen, Zitaten, Alltagsmomenten, Fundstücken banaler wie subtiler Art. So ist auch „Bleiben und Blicken“ (Hanser Verlag) entstanden, ein neuer zweihundert Seiten schmaler Band mit dem poetischen Ertrag der vergangenen Jahre. Als „loses Erzähl-Geflecht“, das „dem weißen Geweb der Gespinstmotte“ ähnele, kündigt Strauß im ersten Satz den Inhalt an; „eine Art Mille-Feuille-Prosa“ aus geschichteten, „vielgefalteten“ Augenblicken nennt er ihn an einer späteren Stelle.
Zugleich kann man dem Buch einen präzisen Ort im Werk von Botho Strauß zuweisen. Es ist der Nachfolger von „Die Fehler des Kopisten“, dem Prosaband von 1997, in dem Strauß sein neues Zuhause auf dem Land erstmals ins Zentrum seines Schreibens rückte. Nur dass jener Mittelteil, der damals aus der Uckermark zurück nach Berlin führte, diesmal entfällt. Botho Strauß hat der Metropole endgültig den Rücken gekehrt. Nur in kurzen Erinnerungsblitzen taucht sie noch einmal auf, wie in einer Passage über die vierzehn Jahre, die er „am Saum der Sensationen ausgehalten“ habe, in einer Wohnung am Rand eines großen Platzes, auf dem sich samstags unter dem Gebrüll der Lautsprecher die Demonstrationszüge versammelten, oder in der virtuosen szenischen Miniatur einer ungeduldigen Frau, die sich von „Luftgeistern“ geplagt auf einer städtischen Parkbank in immer neue Posen und Verrenkungen wirft.

Der Hauptschauplatz des Bandes jedoch liegt hier, im „Haus in der Einsamkeit“, das Strauß seit mehr als drei Jahrzehnten bewohnt, und seiner unmittelbaren Umgebung. Und, natürlich, im Kopf des Autors. Die Kette der kulturpessimistischen Aphorismen, die 1981 in „Paare, Passanten“ begonnen hat, reißt auch in „Bleiben und Blicken“ nicht ab. Wieder geht es gegen „die Gewaltherrschaft der Kommunikation“, den „Selbstverzehr der Freiheit“, die „befleckte Unempfänglichkeit“ und das „plumpe Jargonieren“ der Zeitgenossen, die „allenthalben posten woken ghosten“. Und wie immer zeigt der Zorn auf die seinsvergessene Gegenwart auch hier seine weiche Kehrseite in Form von Liebeserklärungen an Kunst und Künstler, Denker und Dichter, am schönsten vielleicht in den Sätzen über die großen Gemälde, denen „aus tausendfachem Angeschautwerden eine eigene Netzhaut, Pupille und Linse entstanden“ seien, und die verehrten Bücher, deren „sphärische Tastorgane wie Fingerspitzen über Lippen und Wangen des Lesers“ streichen.
Die Kobolde des Todes purzeln über den Weg
Etwas Entscheidendes aber hat sich gegenüber den „Fehlern des Kopisten“ wie den meisten anderen Prosabänden von Strauß seit „Paare, Passanten“ geändert. Es ist die Grundstimmung des Autors. Straußʼ Kulturkritik war immer aus scharfsinniger Verachtung der Gegenwart und wehmütiger Verehrung des Alten und Klassischen, der großen Vorbilder und Vorgänger gemischt, am deutlichsten im „Anschwellenden Bocksgesang“ von 1993 mit seinem Hohn über den „vergnügungslärmigen Landsmann“ in der „Gesamtheit seiner Anspruchsunverschämtheit“ und dem Plädoyer für die „magischen Orte der Absonderung“, an denen ein Kreis von Auserwählten die Kulturtradition bewahrt. In den vergangenen Jahren jedoch ist der Anteil des Verächtlichmachens bei Strauß stufenweise zurückgegangen; in „Bleiben und Blicken“ fehlt er fast ganz.
Das hat weniger mit Altersmilde zu tun als mit dem Bewusstsein der eigenen Endlichkeit: „Längst purzeln die Kobolde des Todes ihm über den Weg.“ Und mit der Erfahrung des Glücks. Es senke sein Lot „so tief in das Herz eines Menschen, um die Strecke zu messen, die später das Unglück zurücklegen muss“, heißt es mit einer typisch straußschen Wendung zur Melancholie am Ende des ersten, mit Betrachtungen und Reflexionen gefüllten Teils seines Buchs. Der Satz wäre ein passendes Motto für den zweiten kürzeren Teil, der um das weiße Haus in der Uckermark kreist.
„Draußen die große Geräumigkeit.“ Um sie zu erkunden, nimmt der Autor den Besucher mit in die Talsenke vor seinem Haus. Die Windräder, deren drohende Invasion er seinerzeit beschworen und verflucht hat, verlieren sich in der dunstigen Ferne im Osten, Richtung Angermünde. Ein Rotmilan kreist über der Hecke am Weg, der Wind trägt ihn mühelos über die Weiden zum Waldrand. Die Sölle, sagt Strauß, jene kleinen, um eiszeitliche Wasserlöcher und Tümpel gewachsenen grünen Inseln in den Getreidefeldern, seien ihm besonders lieb. Sie geben der Weite eine Form.
Eine lebenslange Freundschaft mit Peter Stein
Der Weg führt zu einem Teich mit Badesteg am tiefsten Punkt der Senke. Dort ist auch das Foto von Strauß entstanden, das auf dem Buchumschlag prangt. Der herbstliche Himmel spiegelt sich in dem klaren Wasser, in dem der Dichter oft geschwommen ist: „Hier wird er bleiben und blicken, bis ihn die Felsmühle der Stille zu glitzerndem Sand zerrieben hat.“ Der Versuch, an diesem Glücksort mit Strauß über seine ästhetische und politische Wende in den frühen Achtzigerjahren zu sprechen, über den zum Mosaik zersplitterten Generationenroman „Der junge Mann“ und die kulturkonservative Wende von „Paare, Passanten“ bis zum „Bocksgesang“, verläuft sich sacht im sandigen Uferboden. Für Botho Strauß liegt das alles weit zurück in einer anderen, noch der Großstadt zugehörigen Zeit: „Ich habe vieles vergessen.“ Nur an seine Enttäuschung über die missglückte deutsche Wiedervereinigung, die den Bocksgesang-Essay befeuerte, erinnert er sich sofort. Der Mauerfall sei eben kein „hieros gamos“ gewesen, nicht die heilige Hochzeit zwischen den beiden Landeshälften, die er hätte sein müssen.
Und heute? Heute sei das Nationale in der Politik eine Farce, seine Vertreter bloße Karikaturen. Als der Besucher nach seiner Haltung zu Götz Kubitschek und anderen Vordenkern der Neuen Rechten fragt, die aus dem Essay von 1993 eine ideologische Verwandtschaft mit ihren völkischen Phantasien herauslesen wollen, wird Strauß wortkarg. Dann aber kommt die Rede auf Peter Stein, und er blüht auf.
Er erzählt, wie er mit Stein nach seinem Studium von München nach Berlin ging, um an der Schaubühne am Halleschen Ufer als Dramaturg zu arbeiten, aber nach der ersten Versammlung des damaligen Theaterkollektivs enttäuscht und verstört zu seinen Eltern nach Bad Ems zurückfuhr. Dort habe ihn Stein einige Monate später angerufen: „Der Peymann schafft es nicht mit ‚Peer Gynt‘. Willst du das mit mir machen?“ Die Idee von Steins Inszenierung bestand darin, alle Darsteller gleichzeitig auf eine Rundbühne zwischen die Zuschauerreihen zu stellen. „Damit die meisten nicht nur stumm herumstanden, musste ich Sätze für sie erfinden. So habe ich als Theaterautor angefangen, indem ich zusätzliche Texte in ein klassisches Stück hineinschrieb.“ Ein Jahr später entstand sein Stück „Die Hypochonder“, nach weiteren sechs Jahren gelang ihm an der Schaubühne mit „Trilogie des Wiedersehens“ und „Groß und Klein“ der Durchbruch als Dramatiker.
Das Einstweh durchzieht sein ganzes Werk
Inzwischen ist Peter Stein, der Mentor und väterliche Freund, nach zwei Schlaganfällen gelähmt; am Telefon, sagt Strauß, habe er seine Worte kaum noch verstanden. Es ist einer von vielen Abschieden, die in „Bleiben und Blicken“ vollzogen werden oder untergründig mitschwingen. Um nichts anderes aber trauert der Autor so intensiv wie um die Kindheit seines Sohnes. In „Die Fehler des Kopisten“ war sie erlebte Gegenwart, jetzt kehrt sie als Erinnerung wieder: „Gänge wie einst mit dem Jungen, der aufwuchs beim Gehen zu zweit. Die Wege, die vielen Wege, die sie miteinander gingen, sie lösen sich vom Boden, sie werden lange Bänder, die beide für immer umschlingen … Wären wir doch Baum und Ast! Wir blieben noch eine gute Weile zusammen!“
Doch diese Weile ist Vergangenheit. So bekommt das „Einstweh“, die nostalgische Sehnsucht, die das gesamte Prosawerk von Botho Strauß durchzieht, einen realen Gegenstand und eine tägliche Bühne. Der Sohn, jetzt erwachsen, wird zur Ikone der verlorenen Zeit, während in der Landschaft die lange Dauer zum Bild gerinnt. Die Schwalben, die langen Sommernächte, der Himmel über dem Teich, die Blätter der Blutbuche im Garten, der nasse Winterschnee, sie werden immer wiederkehren, und darin liegt ihr Trost für den einsamen Wanderer, der von entschwundenen Tagen träumt: „Gegen den Tod, der kommt, steht auf, was war.“ Auch das Schreckbild einer Zukunft in den Fängen des Pflegesystems fehlt nicht: „Wohnanlage Phönix, nahe Rostock“, davor eine Bank an der Strandpromenade, „darauf er, ein Heiminsasse, der vor lauter Nichtangeschautwerden die Augen schließt“. Nein, lieber will er „bis zum letzten Atemzug hier draußen sein“.
Von unten, aus der Talsenke, erscheint das weiße Haus mit dem roten Dach wie ein gut gehütetes Geheimnis, ein Refugium zwischen Bäumen und Büschen, das sich nur nach Süden hin den fremden Blicken öffnet. Seine „Klause“ nennt es Strauß. Die Randlage im Grünen verbindet ihn mit Peter Handke, dem anderen Klausner der deutschen Literatur, der mit der Erschließung seiner Notizbücher schon ein ganzes Stück weiter ist. Mag sein, dass ihn Strauß einmal als Konkurrenten empfunden hat; inzwischen jedoch betrachtet er den Dichter aus Kärnten, den er vor Jahren öffentlich gegen seine politischen Kritiker in Schutz genommen hat, als verwandten Antipoden. Mit Handke, sagt er, habe die Nachkriegsliteratur geendet: „Er hat einen neuen Anfang gesetzt.“ Tatsächlich denkt man, wenn man die Beschreibungen der Natur im Wandel der Jahreszeiten in „Bleiben und Blicken“ liest, gelegentlich an die Waldpilze, Obstwiesen und Steinbrüche des Peter H. – und sehnt sich dabei zurück nach den präzise konturierten Zeitbildern, den szenischen Wahrheitskristallen, den unvergleichlichen Paaren und Passanten des bundesrepublikanischen Chronisten Botho Strauß.
All das liegt weit hinter dem Bewohner des Hauses in der Uckermark. Zum Abschied zeigt er dem Besucher die alte Scheune, die er zu seinem Anwesen dazugekauft und in der er einen Bibliotheks- und einen Filmvorführsaal eingerichtet hat: Raum für Lektüren, für Kinoabende, für die Tage, die kommen. Anschließend gehen wir durch die Ahornallee zum Tor. „Sechsundzwanzig Bäume“, sagt Botho Strauß, „wie die Buchstaben des Alphabets.“ Noch ein Erinnerungszeichen. Dann läuft er zurück in sein weißes Haus. „Das gesamte Anderswo“, heißt es in „Bleiben und Blicken“, „ist nun hier.“
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