Blauer Indigo-Farbstoff schon vor 34.000 Jahren

Blauer Indigo-Farbstoff schon vor 34.000 Jahren

Im Kaukasus haben Archäologen 34.000 Jahre alte Steinwerkzeuge mit blauen Farbresten gefunden. Es ist der früheste Beleg für Artefakte mit dem Pflanzenfarbstoff Indigo. Demnach nutzen schon die Menschen in der Altsteinzeit die Blätter des Färberwaids gezielt, um diese mit Kieselsteinen zu zerstoßen und daraus die blaue Farbe zu gewinnen. Das wirft ein neues Licht auf die Raffinesse des Homo sapiens – auch wenn noch unklar ist, wofür unsere Vorfahren die Farbe verwendet haben.

Die Pflanze Isatis tinctoria L., auch bekannt als Färberwaid, wird wegen ihres Farbstoffes Indigo seit Langem zum Färben von Jeans und anderen Stoffen verwendet. Weitere Inhaltsstoffe dieser Pflanze mit gesundheitsfördernder Wirkung kommen in Medikamenten zum Einsatz. Das blaue Molekül Indigotin entsteht, wenn die Vakuolen der Pflanzenzellen durch Zerreiben oder Zermahlen zerstört werden, wobei Vorläufer-Moleküle (Indoxylglykoside) freigesetzt werden, die dann mit dem Luftsauerstoff reagieren. Diese Pflanzeneigenschaften machten sich schon vor Jahrtausenden die Ägypter zunutze. Aber wann haben Menschen diesen Farbstoff entdeckt und wann haben sie das Indigo erstmals gezielt aus den Pflanzen extrahiert?

Foto von einer der Forscherinnen in der Höhle
Laura Longo in der Dzudzuana-Höhle, wo die Steine gefunden wurden. © Laura Longo

Steinwerkzeuge aus dem Kaukasus

Hinweise darauf liefert überraschend ein Fund aus Georgien. In der Dzudzuana-Höhle in den Ausläufern des Kaukasus hatten Archäologen in den 2000er Jahren Steinwerkzeuge geborgen. Diese Werkzeuge sind zwischen 32.000 und 34.000 Jahre alt, wie Datierungen der umliegenden Gesteinsschicht ergaben, und stammen von steinzeitlichen Bewohnern der Höhle. Ein Team um Laura Longo von der Universität Venedig hat die sechs unbearbeiteten Kieselsteine unter dem Mikroskop nun näher untersucht, um mehr über ihre Funktion zu erfahren.

Dabei zeigte sich, dass die Steinzeitmenschen diese glatten Werkzeuge einst verwendeten, um weiches und feuchtes Material wie Blätter und Mineralien zu zerkleinern. An den sichtbar stark verschlissenen Steinteilen fanden die Archäologen auch Reste von blauen Fasern und stärkehaltigen Körnern. Bei diesen blauen Resten handelt es sich um den Farbstoff Indigo, wie verschiedene spektroskopische Analysen enthüllten. Erzeugt wurde die Farbe von dem Molekül Indigotin, auch Indigo genannt, das auch aus den Blättern des Färberwaids entstehen kann.

Farbstoff-Spuren aus der Altsteinzeit

Doch wann und wie kam die Farbe auf die Steinwerkzeuge? War es ein Versehen oder wurden die Relikte gezielt zur Farbherstellung genutzt? Um das herauszufinden, untersuchten die Forschenden mithilfe von Synchrotronstrahlung und Mikro-Computertomografie die in den Steinen enthaltenen Poren. Diese Tests zeigten, dass die Poren groß genug sind, um organische Reste darin festzuhalten. Das legt nahe, dass die Farbreste nicht nur oberflächlich waren, sondern durch intensive Nutzung bis in die Poren der Steine gelangten – weswegen sie auch bis heute erhalten geblieben sind.

Daraufhin baute das Team die Steinwerkzeuge nach und führte damit eine Reihe von Experimenten mit Färberwaid-Pflanzen durch. Dafür sammelten sie aus dem Nikrisi-Fluss unterhalb der Dzudzuana-Höhle entsprechende Kieselsteine als Rohmaterial. Daraus fertigten sie mehrere Stampf- und Schleifwerkzeuge und zerstießen und zermahlten mit ihnen von Hand Blätter von Isatis tinctoria. Das so erzeugte Material verglichen sie mit den Spuren auf den in der Höhle gefundenen Werkzeugen.

Gezielte Nutzung von Pflanzen als Rohstoffe

Diese Experimente bestätigten: Schon vor 34.000 Jahren nutzten Menschen im Kaukasus Steinwerkzeuge, um Blätter der dort heimischen Färberwaid zu zerstoßen und daraus den Farbstoff Indigo zu gewinnen. Die pflanzliche Farbe war demnach schon in der Altsteinzeit bekannt und wurde gezielt benutzt. Es ist der bislang älteste Beleg für dieses Verhalten.

Da Färberwaid bitter und nicht essbar ist, bestätigen die Funde zudem, dass der Homo sapiens schon vor 34.000 Jahren erkannte, dass sich einige ungenießbare Pflanzen auch als Rohstoff eignen. „Anstatt Pflanzen nur als Nahrungsressourcen zu betrachten, verwandelte der Homo sapiens die verderblichen Materialien vor 34.000 Jahren in Produkte für das täglichen Leben“, sagt Longo. „Unser Ansatz eröffnet neue Perspektiven auf die technologische und kulturelle Raffinesse der jungpaläolithischen Populationen, die die unerschöpfliche Ressource der Pflanzen gekonnt ausbeuteten und sich der Kraft der Pflanzen voll bewusst waren.“

Ob die Steinzeitmenschen das Indigo zum Färben von Kleidung oder für Wandbemalungen, andere Pflanzensubstanzen aus Färberwaid für medizinische Zwecke oder beides nutzten, geht aus den Funden nicht hervor. Die blaue Pflanzenfarbe könnte jedoch die Palette der damals gängigen Mineralfarbstoffe wie Ocker, Rot, Gelb, Schwarz und Weiß erheblich erweitert haben.

Quelle: Universität Venedig; Fachartikel: PLOS One, doi: 10.1371/journal.pone.0321262




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