Blick ins Grab einer Königin

Blick ins Grab einer Königin

Zum 700. Jubiläum der königlichen Abtei in Barcelona haben Archäologen acht Gräber aus dem 14. Jahrhundert geöffnet – darunter das Grab von Elisenda de Montcada, Königin von Aragon. Dabei zeigte sich Überraschendes: Die Königin war in einfachen Gewändern und in einer kleinen, schlichten Holzkiste bestattet worden. Ein vermeintliches Rittergrab enthielt statt der männlichen Überreste die Knochen von zwei Frauen und drei Kindern und im Grab der Nichte der Königin lagen die Gebeine von neun zu verschiedenen Zeiten bestatteten Menschen, wie das Team berichtet.

Die 1292 in Barcelona geborene Adelige Elisenda de Montcada war selbst aus königlichem Geblüt und die Tochter eines königlichen Seneschalls. Mit 30 Jahren wurde sie die vierte Frau des damaligen Königs von Aragon, Jakob II. Dieser auch als Jaime el Justo bekannte König war zu diesem Zeitpunkt schon relativ betagt und starb bereits fünf Jahre später. 1326, kurz vor seinem Tod, hatte Königin Elisenda mit Unterstützung des Königs noch ein Nonnenkloster für den weiblichen Zweig der Franziskaner, die Klarissen, gegründet, die königliche Abtei Santa Maria von Pedralbes in Barcelona.

Erster Blick in mittelalterliche Gräber

Elisenda de Montcada wurde selbst zwar keine Nonne, lebte aber unweit des Klosters und nahm als Laienschwester am klösterlichen Leben teil. Beim Tod der Königin im Jahr 1364 wurde sie in der Abteikirche bestattet. Ihr Grabmal mit Sarkophag zeigt die Tote sowohl als Königin als auch in der Tracht einer Klarissenschwester.

Doch was der Sarkophag dieses Königinnengrabes enthält, zeigt sich erst jetzt: Im Rahmen des 700-jährigen Gründungsjubiläums der königlichen Abtei haben Archäologen unter Leitung der Klosterdirektorin Anna Castellano-Tresserra und des städtischen Archäologen Josep Maria Vila das Grab von Elisenda de Montcada und acht weitere Gräber aus dem 14. Jahrhundert nun erstmals geöffnet und genauer untersucht. Im Rahmen eines multidisziplinären Projekts analysierte das Team die menschlichen Gebeine und ermittelte Alter, Geschlecht und medizinische Auffälligkeiten. Ergänzend untersuchten die Forschenden auch Kleidung und Grabbeigaben der Toten.

Sarg der Königin
Die Gebeine der Königin liegen in einer kleinen, schlichten Holzkiste. © Institut de Cultura de Barcelona

Schlichter Sarg und Nonnenhabit

Dabei zeigte sich: Die Gebeine der bei ihrem Tod schon 70-jährigen Königin Elisenda waren nicht in einem prunkvollen Sarg oder mit reichen Beigaben bestattet. Stattdessen lagen ihre Knochen in einer kleinen, schlichten Holzkiste, die in einer Art Zwischenraum zwischen der Kirche und dem Kloster stand. Nach Angaben der Archäologen könnte dies die duale Stellung der Königin widerspiegeln: In weltlicher Hinsicht war sie eine Herrscherin, in geistlicher Hinsicht aber eine Laienschwester des Klosters und damit eines Ordens, der seine Mitglieder zu Armut und Demut verpflichtete.

Auch die Kleidung der Königin spiegelt dies wider: Elisenda wurde zwar im schlichten Habit der Nonnen bestattet, in ihrem Grab entdeckte das Forschungsteam aber auch Reste eines goldverzierten Seidenstoffs. Insgesamt bestätigen die Untersuchungen aber, dass die im Grabmal liegenden Gebeine tatsächlich die der Königin Elisenda sein müssen.

Frauen und Kinder statt der Gebeine eines Ritters

Anders sieht dies beim Inhalt einiger anderer Gräber aus der Gründungszeit der Abtei Santa Maria von Pedralbes aus: Einen überraschenden Fund machten die Archäologen unter anderem, als sie das Grabmal des aragonesischen Ritters Artal I. de Foces öffneten. Dieser hatte im 14. Jahrhundert auf Befehl des Königs von Aragon Votivgaben zum damaligen Papst gebracht und dafür wertvolle Reliquien erhalten. Doch als das Team um Vila die im Grab des Ritters gefundenen Knochen untersuchte, zeigte sich Unerwartetes. Denn statt von einem einzelnen, erwachsenen Mann stammen die Knochen von zwei erwachsenen Frauen und drei Kindern. Von einer der Frauen war noch das lange, zu einem Pferdeschwanz gebundenen Haar erhalten, wie das Team berichtet. Wer diese Toten waren und warum sie im Grabmal des Ritters liegen, ist noch ungeklärt.

Rittergrab
Grabmal des Ritters Artal I. de Foces. © Institut de Cultura de Barcelona

Als ähnlich unerwartet erwies sich der Inhalt des Grabes von Francesca Saportella, der Nichte von Königin Elisenda und zweiten Äbtissin der königlichen Abtei. In ihrem Grabmal stießen die Archäologen auf die Überreste von mindestens neun verschiedenen Personen, die zu unterschiedlichen Zeiten dort bestattet worden waren. Darunter sind vier männliche Schädel mit deutlichen Spuren von Stichverletzungen sowie der mumifizierte Rumpf einer Frau, die offenbar bei einer Frühgeburt gestorben war: In ihrem Geburtskanal steckten noch die Überreste eines 20 bis 23 Wochen alten Fötus.

Wer waren diese Menschen?

Wer all diese Personen waren, ob und wie sie miteinander verwandt waren und in welcher Beziehung sie zum Kloster standen, hoffen die Forschenden nun mithilfe von DNA- und Isotopen-Analysen zu ermitteln. Proben von Knochenmaterial und Zähnen haben sie bereits entnommen, die Laboranalysen laufen. „Die endgültigen Ergebnisse unserer Untersuchungen sollten es ermöglichen, zentrale Fragen zur Identität der Individuen, zur Wiederverwendung von Gräbern, zu Bestattungsritualen und zu den inneren Dynamiken dieses Klosters als einem Zentrum weiblicher Macht im 14. Jahrhundert zu klären“, heißt es in der Mitteilung des Kulturinstituts von Barcelona.

Quelle: Institut de Cultura de Barcelona

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