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Wer in Anbetracht politischer Turbulenzen ein wenig Zerstreuung sucht, darf sich dieses Jahr noch auf einige Museumseröffnungen freuen. Neben der Fondation Cartier, die in den Pariser Palais Royal ziehen wird, sollen in Kasachstan das Almaty Museum of Arts sowie in Japan das Naoshima New Museum of Art ihre Tore öffnen. Diese Institutionen speisen sich jedoch nicht aus den jeweiligen nationalen Kulturfonds, sondern aus dem Budget von Firmen und Privatpersonen, die im globalen Kunstbetrieb fortan eine Doppelrolle als Sammler und Museumsbesitzer einnehmen werden. Damit setzen sie den Trend zur Verlagerung des Kulturangebots von der öffentlichen in die private Hand fort.
Der philanthropische Gestus wohlhabender Mäzene zieht weitreichende Umwälzungen nach sich. Vergangenes Jahr öffnete der Industrielle Reinhard Ernst in Wiesbaden die Pforten zu seiner über 960 Kunstwerke umfassenden Sammlung. Geplant von dem japanischen Architekten Fumihiko Maki, liegt es direkt an der zentralen Wilhelmstraße. Derzeit überzeugt es mit einer Schau der 2011 verstorbenen Farbfeldmalerin Helen Frankenthaler. Mit dem Fokus auf abstrakte Kunst des späten 20. sowie 21. Jahrhunderts bietet es eine begrüßenswerte Ergänzung zum bestehenden Kulturangebot der Rhein-Main-Region. Die Neugründung des Museums Reinhard Ernst erweitert die Liste an privaten Kunstmuseen, die seit der Jahrtausendwende erstaunliche Zuwächse verzeichnen konnte.
Einer Übersicht der Sammlerdatenbank Larry’s List zufolge existieren weltweit 446 private Kunstmuseen. Rund achtzig Prozent davon öffneten erst im 21. Jahrhundert. Deutschland lag mit sechzig Museen im Bemessungszeitraum 2022 sogar auf Platz eins. Die Ursachen für diesen Boom an privaten Kunstmuseen vermuten Forscher in der anwachsenden Vermögenskonzentration bei Superreichen. Ist ausreichend ökonomisches Kapital vorhanden, lässt sich dieses, wie der Soziologie Pierre Bourdieu darlegte, leichter auch in kulturelles Kapital umwandeln. Was für das aufstrebende Kleinbürgertum die Anschaffung eines Klaviers sein mag, ist für manch anderen die eigene Museumsgründung. Als Folge globaler Vermögensverschiebungen erstaunt es auch nicht, dass der Report China die am rasantesten wachsende Zahl privater Kunstmuseen attestiert.
Breite Resonanz privater Präferenzen
Für den gewöhnlichen Museumsbesucher mag die Frage nach dem Eigentümer unerheblich sein. An der Ticketkasse lässt sich zumindest in Deutschland auf diese ohnehin keine Antwort finden. Wo sich erste Unterschiede feststellen lassen, ist im Ausstellungsprogramm. Private Kunstmuseen stellen überwiegend zeitgenössische Kunst aus. Das ist Resultat der aktiven Sammlertätigkeit ihrer Besitzer. Regelmäßig finden sich auf der von ARTnews.com veröffentlichten Liste der Top-200-Kunstsammler auch Museumsbesitzer, wie beispielsweise der französische Luxusmarkenbesitzer François Pinault oder der deutsche Industrielle Reinhold Würth. Die ästhetischen Vorlieben der Sammler, ihr „Geschmack“, finden durch die Ausstellung im Museum öffentliche Resonanz. Einzelne künstlerische Positionen werden dadurch als repräsentativ für einen bestimmten Zeitgeist normiert. Dem Publikum mag es dann nicht weiter auffallen, dass nur drei Prozent der privaten Kunstmuseen auch Werke des Realismus in ihr Programm aufnehmen. Obwohl diese Stilrichtung eine Kanonisierung in der Moderne erfuhr, wird sie von Anhängern „anspruchsvoller“ Kunst als konservativ und traditionell verschmäht.

Die Ausstellung im eigenen Museum wertet auch die private Sammlung finanziell auf. Befinden sich darin Werke lebender Künstler, darf man ihnen zu ihrem Erfolg gratulieren. Sie werden mit ziemlicher Sicherheit in Zukunft höhere Verkaufspreise erzielen. Für staatliche Museen, deren Ankaufsbudgets durch Kulturkürzungen weiter geschmälert werden, ist dies jedoch bedauerlich. So berichtet der französische Soziologe Alain Quemin darüber, dass staatliche Käufer zunehmend aus dem Markt für begehrte zeitgenössische Künstler gedrängt werden. Auch das mag das gewöhnliche Museumspublikum nicht weiter stören. Es kann schließlich selbst entscheiden, ob es den Sonntag im privaten oder öffentlichen Museum verbringt. Die Stirn sollte es jedoch nicht nur bei der Kunstbetrachtung runzeln, sondern auch da, wo die private Sammlung steuerlich begünstigt wird. So sieht das deutsche Erbschaftsteuergesetz eine verminderte Steuerlast bei Kunstsammlungen vor, wenn die Erhaltung dieser von öffentlichem Interesse ist und zugänglich gemacht wird. Die Voraussetzungen dafür wären mit einem eigenen Museum erfüllt.
„Bilbao-Effekt“
Zugutehalten muss man den Museumsinitiativen privater Sammler schließlich, dass sie oft in kulturell ausgehungerten Regionen ihre Neubauten errichten. Die Rede ist hier vom „Bilbao-Effekt“. Dieser beschreibt die wirtschaftliche Aufwertung der spanischen Stadt Bilbao durch die Eröffnung einer Dependance des New Yorker Guggenheim-Museums. Auf diesen Effekt scheint auch der Philanthrop Nurlan Smagulov abzuzielen. Programmatisch ist auf der Website seines Almaty Museum of Art zu lesen: „A space connecting people worldwide with art from Kazakhstan“. Private Museen nehmen so eine komplementäre Rolle zum sparenden Staat ein und decken die öffentliche Nachfrage nach zeitgenössischer Kunst, die folglich auch den Tourismus ankurbelt. Dadurch lässt sich in vielen Fällen keine harte Trennlinie zwischen privat und öffentlich ziehen, da Staaten in struktureller Hinsicht Profiteure von Museumsgründungen sind und diese oft auch mit Zuschüssen forcieren. Das südkoreanische Seoul, welche das Ranking um die Städte mit den meisten privaten Museen anführt, ist hierfür ein anschauliches Beispiel, wie etwa das gigantische Leeum Museum of Art der Samsung Foundation zeigt. Maßgeblich für zahlreiche Gründungsinitiativen war ein staatliches Subventionierungsprogramm.
Anstelle von privaten Museen sind vielerorts auch Mischformen üblich. Weil die Schiele-Sammlung der Familie Leopold in Wien verständlicherweise von großem öffentlichem Interesse war, einigte man sich auf den Übertrag des Kunstbestands in eine neu gegründete Stiftung, in der zu Beginn sowohl Vertreter der Familie als auch der österreichische Staat Mitspracherecht hatten. Dafür übernahm der Etat auch die Kosten für das neue Ausstellungshaus im Wiener Museumsquartier. Kompromisse wie diese sichern der Öffentlichkeit den Zugriff auf das kulturelle Erbe und nehmen Sammlern ein Gros der finanziellen Bürden von Eigeninitiativen ab. Zudem scheinen traditionelle Leihgaben an öffentliche Museen auch ihre Attraktivität zu verlieren, wenn Sammler fürchten, ihre Werke würden anstelle einer Präsentation an der weißen Wand im Keller des Ausstellungshauses verstauben.
Die staatlichen Kulturbudgets werden also künftig darüber entscheiden, ob öffentliche Museen bei anhaltendem Boom an privaten Gründungen um Relevanz am Kunstmarkt buhlen müssen. Ob damit auch eine Rückkehr der Medici, wie ein Forschungsprojekt an der Universität Amsterdam benannt wurde, verbunden ist, hängt auch davon ab, inwiefern die Ausrichtung des Ausstellungsprogramms von den Ticketverkäufen abhängig gemacht wird. Bei Auktionen der großen Player der Kunstwelt dürften die neuen Medici jedenfalls die Oberhand gewinnen. Das würde jedoch heißen, das Museumspublikum mit „Blockbuster“-Ausstellungen kanonisierter Künstler abzuspeisen und die Pluralität des öffentlichen Geschmacks auszudünnen. Eine Diversifizierung des Programms, die man beispielsweise dem Franzosen Pinault und seiner edlen Ausstellungshalle, der Pariser Bourse de Commerce, zugutehalten muss, würde dann auch dem Vorwurf, es gehe doch nur ums Geld, entschieden widersprechen.
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