Brad Pitt und die Formel Hollywood

Brad Pitt und die Formel Hollywood

Der alternde Rennfahrer Sonny Hayes, gespielt von Brad Pitt, blickt von einer Hochhausbrüstung auf die glitzernde Rennstrecke von Las Vegas. Er reflektiert über den tieferen Sinn des Motorsports. Und obwohl es Brad Pitt ist, der da spricht, ist doch eigentlich Lewis Hamilton zu hören. Kein Wunder, der Rekordweltmeister gehört zur Produzentenriege des Rennfilms „F1“, den die F.A.Z. bei einer Vorabpremiere erleben konnte und der am 25. Juni auch in die deutschen Kinos kommt. Zwei Stunden und 35 Minuten Formel Hollywood.

Sonny Hayes ist ein Glücksritter, Typ Asphalt-Cowboy. Er verzockt sich, vagabundiert durch Cockpits, sodass ausgerechnet ein Film über die Königsklasse bei den 24 Stunden von Daytona beginnt und im Porsche-Sportwagen. Der Hauptdarsteller und die Handlung kriegen aber schnell die Kurve, als dem ewigen Talent von einem verzweifelten Teamchef eine letzte Chance geboten wird, es noch einmal in der Formel 1 zu probieren. Leider beim schlechtesten aller Rennställe mit dem zusätzlichen Handicap, auch noch einen schnöseligen Rookie mitzuziehen. Eine Rivalität, die eskalieren muss.

Die größte Stärke des Films

Kein ganz unwahrscheinlicher Plot, womit die große Stärke des Streifens gleich verraten sei: Die allermeisten Szenen finden sich im laufenden Rennjahr wieder oder sind auf ähnliche Art passiert. Ob das auch für die obligatorische Love Story als Rahmenhandlung gilt, kann allerdings nicht mit Sicherheit behauptet werden.

Größtmögliche Authentizität, ohne diesen Anspruch hätte Erfolgsregisseur John Kosinski den Sportfilm nicht gemacht. Getreu der Hayes/Hamilton-These, dass es einen großen Unterschied macht, ob man nur fährt, oder aber Rennen fährt, sind die Actionszenen so täuschend echt, als würden sie aus einer Übertragung bei Sky stammen. Das wundert nicht, schließlich war die Crew mit dem fiktiven elften Rennstall namens APXGP (in Anspielung auf den als Apex bezeichneten Scheitelpunkt einer Kurve) über zwei Rennjahre hinweg immer wieder an Grand-Prix-Austragungsorten dabei.

Mit schicken schwarzen Rennwagen, die eigens von Mercedes auf Basis der Formel 2 aufgebaut worden waren. Mit einer originalgetreuen Boxengarage. Mit Einsätzen während der Einführungsrunde in einen Großen Preis, bei der Siegerehrung, bei den Interviewrunden. Live-Drehs vor Hunderttausenden Zuschauern, für manche Szene blieb nur eine einzige Chance und ein extrem schmales Zeitfenster. Nicht nur das imponierte dem selbst auf Perfektion getrimmten Personal der Hi-Tech-Sportart.

Die Parallelen zu Top Gun und dem US Militär

Um die aus Prinzip gegenüber Nicht-Motorsportlern skeptischen Formel-1-Manager von seinem Vorhaben zu überzeugen, führte ihnen der Filmemacher vor, mit welch gigantischem technischen Aufwand das bei Top Gun gelaufen war. Und wie das US-Militär erkannt hatte, welche Chance ein Heldenepos für die Rekrutierung neuer Soldaten eröffnen würde, und seine Luftwaffenstützpunkte für die Kameras öffnete. Nach dieser Argumentation gingen auch die Garagentore in der Königsklasse hoch. Formel-1-Chefmanager Stefano Domenicali gab bereitwillig zu: „Die Filmleute haben uns beigebracht, größer zu denken, als es viele in diesem Sport von sich aus bereit waren zu tun.“

Täuschend echt: Brad Pitt bei der Siegerehrung in Abu Dhabi
Täuschend echt: Brad Pitt bei der Siegerehrung in Abu DhabiReuters

Einige der bekennenden Egomanen im Fahrerlager muss es große Überwindung gekostet haben, statt Hauptdarsteller nur Statist zu sein, bestenfalls als Schulterklopfer oder als Überholopfer ins Bild zu kommen. In den Mittelpunkt hatte der versierte Geschichtenerzähler und Produzent des Films Jerry Bruckheimer („CSI“) nicht bloß eine rasende Underdog-Legende gestellt. Das, was in vielen Blicken hinter die Kulissen ehrlicher als bei der populären Netflix-Doku „Drive to survive“ als Kern der Sportart herausgearbeitet wird, ist der Erfolgsfaktor Teamwork. Das Scheinwerferlicht gilt den stillen Helden, die diesen Rennzirkus erst möglich machen. Plastisch wird so in einer der Szenen, warum in der so auf Gewinner fixierten Disziplin selbst ein einzelner Punkt bejubelt werden kann – nämlich als verdienter Gemeinschaftserfolg.

Lewis Hamitlton als Fahrlehrer von Brad Pitt

Lewis Hamilton, der erste Schwarze in diesem Sport, frönt bei seinem Debüt im Filmgeschäft auch ausgiebig seiner Vision für mehr Diversität in der Formel 1. Da ist der schwarze Gegenspieler von Brad Pitt, da gibt es die Mechanikerin beim Reifenwechsel, die Strategin in der Teamzentrale und – wie selbstverständlich – in einer Hauptrolle die erste Technikdirektorin in einer Rennfabrik. Spaß hatte der Ferrari-Pilot auch als Fahrlehrer von Brad Pitt. Hamilton befand, dass der Mime intuitiv die richtigen Linien auf der Rennstrecke wählen würde, Pitt schrieb dem Profi nach den Selbstversuchen per SMS: „Jetzt habe ich noch mehr Respekt, vor dem, was ihr Fahrer leistet, als ich es ohnehin schon hatte.“
Produzent und Fahrlehrer: Lewis Hamilton (Mitte) zwischen Brad Pitt (links) und Damson Idris
Produzent und Fahrlehrer: Lewis Hamilton (Mitte) zwischen Brad Pitt (links) und Damson IdrisEvan Agostini/Invision/AP

Die Gegenseitigkeit tut dem Ganzen sichtlich gut, wie es schon das Vorbild „Grand Prix“ vor fast 60 Jahren getan hatte. Auch damals waren echte Renngrößen wie Juan Manuel Fangio, Jim Clark oder Jochen Rindt in die Handlung eingebettet. Der Titel war so selbsterklärend wie heute, es ging auf Leben und Tod. Bemerkenswert, dass um die Gefahr in „F1“ auch kein Bogen gemacht wird. Der Held wir immer wieder von Albträumen eines lang zurückliegenden Unfalls eingeholt, sein Gegner und er selbst landen im Krankenhaus.

Hinter den Kulissen intrigieren Investoren und Teamchefs, werden Konstruktionszeichnungen verraten. Auf der Strecke wird mit der Strategie getrickst, wird abgedrängt und blockiert. Als Betrugsversuche mag das der Manager der Formula One Group Stefano Domenicali auf Nachfrage nicht direkt erkennen. Vielmehr sei es Ausdruck dessen, dass in der Formel 1 vieles in den Grenzbereich getrieben werde.

Die Zielsetzung des smarten Italieners ist es, über die Kinos hinaus neue Zielgruppen für den echten Motorsport zu erobern. Galt es nur noch, die zahlreiche und zahlungswillige Stammkundschaft nicht zu verärgern. Deshalb die fast zu vielen Fachbegriffe, Insider-Gags wie einen fluchenden Südtiroler am Kommandostand, der Hinweis auf einen Renngott oder die Anspielung auf das Strategen-Verwirrspiel mit der Variante Plan C. Die wird im Kino als das verhöhnt, was sie vielleicht auch in Wirklichkeit manchmal ist: C wie Chaos.

Doch wenn die Rennfahrer-Mimen hoch emotional vom Flow einer fliegenden Runde schwärmen, dann haben sie schnell alle wieder eingefangen, Laien wie Fans. Hintenraus gewinnt der Film deutlich an Tempo. Dass es beim Finale in Abu Dhabi dann zum großen Knall kommt, nun, auch das hatten wir doch schon mal. Aber nun eben abendfüllend.

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