
Zehn Jahre nach seinem Tod ist ein gehaltvoller, lesenswerter Briefband von Oliver Sacks erschienen, dem Meister medizinischer Fallgeschichten und dem vielleicht berühmtesten Neurologen der Welt.
Beim Namen Oliver Sacks fallen einem lustige Buchtitel ein: „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ oder „Der Tag, an dem mein Bein fortging“. Oder man erinnert sich an Robin Williams, der ihn im Hollywoodfilm „Awakenings – Zeit des Erwachens“ kongenial spielte.
Wer Sacks vermisst, der hat nun mit diesem Buch ein „awakening“-Erlebnis der besonderen Art. Auf 1.000 Seiten erleben wir ihn noch einmal hautnah mit allen Stärken und Schwächen. Quirlig, klug, verzweifelt, euphorisch, pathetisch, fast manisch und abschweifend, aber immer interessant. Ob er an seine Eltern schreibt, an Patienten, an Nobelpreisträger wie Francis Crick, ob an Susan Sontag, Jane Goodall, ein 12-jähriges Mädchen, das ihn interviewen möchte oder an geliebte Männer: Wir begegnen einer eigenwilligen Mischung aus Arzt, Wissenschaftler und Schriftsteller, ja Poet. Und den Biologen nicht zu vergessen, der er auch war, und den die Liebe zur Natur (Farne!) und zu Charles Darwin durchs Leben trägt.
Das meiste tat Sacks wohl exzessiv – auch schwimmen, gewichtheben oder Drogen nehmen. So wundert es nicht, dass manche Briefe Dutzende Seiten haben, dass ein Gedanke zum Essay wird, und er am Ende eines Briefs anfügt, selbst das Farbband der Schreibmaschine sei jetzt grau und müde.
Mit am interessantesten sind jene Seiten, auf denen er sich gegen den Vorwurf wehrt, er sei ein Geschichtenerzähler. Sein Leben lang focht er einen Kampf gegen die kalte, unpersönliche Forschung, vor allem in der Medizin. Ihm waren die menschliche Sichtweise und der einzelne Patient wichtig. Vor allem wollte er verstanden werden.
200.000 Seiten umfasst sein Brief-Archiv – geschrieben im Zweifinger-Hacksystem oder in lausiger Handschrift, mit Durch- und Unterstreichungen, mit Randbemerkungen und vielen Satzzeichen – vor allem der euphorischen Art. Hut ab vor der glänzenden editorischen Leistung seiner langjährigen Lektorin und Vertrauten Kate Edgar. Ilona Jerger
Oliver Sacks
Briefe. Hrsg. von Kate Edgar
Rowohlt Verlag, 1.008 S., € 48,–
ISBN 978-3-498-00174-2
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