#Briten wollen Freiwillige gezielt mit Corona infizieren

Briten wollen Freiwillige gezielt mit Corona infizieren

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Ziel der Studie ist es, die Suche nach einem wirksamen Impfstoff zu beschleunigen. Jonathan Van-Tam, Medizinprofessor und Vizechefmediziner für England, unterstützt das Projekt. Der Challenge-Freiwilligentest könne helfen, die Wirkung von Impfstoffen besser zu analysieren. Chris Chiu, Studienleiter am Imperial College, nennt den geplanten Freiwilligenversuch eine „einzigartige Chance“, die Impfstoffentwicklung zu beschleunigen. Allerdings stehe die Sicherheit und Gesundheit der Probanden an oberster Stelle. Daher legen die Wissenschaftler größten Wert darauf, dass nur absolut gesunde, junge Leute teilnehmen. Chiu betont, dass sein Team schon seit zehn Jahren mit „Human Challenge“-Versuchen erfolgreich arbeite.

Gezielte Ansteckungen haben Tradition

Auf der Online-Seite „1DaySooner“ mit einer Petition für einen solchen Corona-Versuch haben schon fast 40.000 Personen unterschrieben, dass sie angeblich gerne teilnehmen würden. Seit dem späten 18. Jahrhundert, als Edward Jenner eine Pockenimpfung entwickelte, sind medizinische Versuche mit gezielten Ansteckungen mit Krankheitserregern durchgeführt worden. Auch bei der Suche nach Impfungen gegen Grippe, Cholera und Malaria wurden sie eingesetzt. Allerdings gab es dabei auch immer wieder schwere Erkrankungen und sogar Tote unter den Probanden.

Die Versuche mit einer gezielten Ansteckung mit einem Virus oder anderen Krankheiten sind daher ethisch nicht unumstritten. Der britisch-schwedische Pharmakonzern Astra-Zeneca, dessen Impfstoff AZD1222 zu den bisher aussichtsreichsten Kandidaten zählt, teilte mit, dass man keine „Challenge Trials“ mit einer aktiven Corona-Ansteckung durchführe und „gegenwärtig“ dies auch nicht plane.

Astra-Zeneca hat derzeit Phase-3-Tests seines Serums mit Zehntausenden Probanden laufen, die aber nicht aktiv mit dem Coronavirus infiziert werden. Auch andere Pharmaunternehmen wie der französische Sanofi-Konzern, Moderna aus den Vereinigten Staaten und das Mainzer Unternehmen Biontech wollen nicht bei möglichen britischen „Challenge Trials“ mitmachen. Offensichtlich fürchten sie die Reputationsschäden, falls etwas schiefgeht.

Was ist eine angemessene Kompensation?

Auch das Thema Bezahlung für die Ansteckungsversuche ist unter Medizinethikern ein Streitpunkt. Mit zu viel Geld könnte man gerade Bedürftige dazu verlocken, sich gesundheitlichen Risiken auszusetzen. Dazu hat der Kölner Verhaltensökonom Axel Ockenfels gemeinsam mit Sandro Ambuehl und dem Ökonomie-Nobelpreisträger Alvin Roth geforscht. Bei zu geringer Bezahlung werden die Risiken indes auch unterschätzt. Eine angemessene Kompensation sei nötig.

Essentiell ist die Aufklärung über Risiken. Ockenfels ist der Meinung, dass dann das Projekt zu unterstützen ist. „Der große Vorteil von Challenge Trials ist, dass sie die Entwicklung von Impfstoffen beschleunigen können. Dadurch könnten die enormen sozialen und ökonomischen Kosten der Pandemie reduziert und eine hohe Zahl von Infektionen und Todesfällen verhindert werden“, sagte Ockenfels der F.A.Z. In einem jüngst vom amerikanischen Forschungsbüro National Bureau of Economic Research veröffentlichten Arbeitspapier hat eine Reihe von Forschern mit epidemiologischen Modellen berechnet, dass unter bestimmten Annahmen allein in den Vereinigten Staaten eine Million Corona-Infektionen und 8000 Tote durch eine beschleunigte Impfstoffentwicklung mit „Challenge Trials“ verhindert werden könnten.

Derzeit sind schon zehn Impfstoffkandidaten in der dritten und entscheidenden Testphase. Hersteller wie Astra-Zeneca hoffen, dass ihr Impfstoff Ende des Jahres zugelassen und verfügbar sein wird. Die Weltgesundheitsorganisation äußerte sich jüngst eher zurückhaltend und sprach davon, „Mitte 2021“ könnte ausreichend Impfstoff zur Verfügung stehen.

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