Buch von Sänger Marco Wanda: Eine Geschichte von Tod, Amore und Exzess

Buch von Sänger Marco Wanda: Eine Geschichte von Tod, Amore und Exzess

Im April 1951 hackt Jack Kerouac die Urfassung seines Romans „On the Road“ binnen drei Wochen in eine Schreibmaschine. Um in seinem Gedankenstrom nicht durchs Einlegen neuer Seiten in die Maschine unterbrochen zu werden, klebt er Papier um Papier aneinander, bis eine über 36 Meter lange Schriftrolle entsteht, die heute als „The Scroll“ bekannt ist.

Es mag daran liegen, wie oft der Name Kerouac und überhaupt die Beat Generation um Allen Ginsberg und William S. Burroughs in Marco Wandas literarischem Debüt „Dass es uns überhaupt gegeben hat“ vorkommt: Aber auch dieser Text fühlt sich an wie ein nie enden wollender Gedankenstrom, mit dem Wanda versucht, sich selbst und damit seine Generation auf eine Formel zu bringen.

Marco Wanda, der eigentlich Michael Marco Fitzthum heißt, erzählt daher nicht bloß die Geschichte einer Band. Sein Buch ist zuallererst eine einfühlsame Ich-Erkundung, die den Aufstieg und Exzess, den Absturz und die Heilung des Sängers von „Bologna“ nacherzählt – ein Song, der Wanda 2015 über Nacht berühmt machte, einen Rausch auslöste, dem man sich schwer entziehen konnte, auch wegen der Energien, die er freisetzte, den Refrain so laut mitzusingen, wie es geht: „Wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag für Amore!“

Marco Wanda: „Dass es uns überhaupt gegeben hat“.
Marco Wanda: „Dass es uns überhaupt gegeben hat“.Zsolnay Verlag

Die eigentliche Geschichte dieses Buchs aber beginnt im Jahr 2010 in Wien. Marco Wanda ist gerade frustriert und nur mit einer Secondhand-Leder­jacke als Andenken aus Berlin zurückgekehrt. Wie er die Stadt in jenen Jahren schildert, muss es dort wahnsinnig fad gewesen sein, für ihn jedenfalls. Was ihn und die späteren Mitglieder seiner Band verbindet, ist das Gefühl, „dieser entleerten Wiener Langeweile irgendetwas entgegenhalten zu müssen“.

Erst einmal passiert nicht viel, außer Drogen

Aber erst einmal passiert nicht viel. Marco Wanda nimmt vor allem Drogen. Er beschließt „derjenige zu sein, der am meisten trinkt. Trinken, dachte ich mir, ist wienerisch“. Er schläft kaum, haust in einer Wohnung, die nach Verwesung riecht, da in der Lüftung eine Taube verendet ist, und hat Hausverbot in verschiedenen Lokalen. An dieser Stelle könnte seine Geschichte bereits vorbei sein. Stattdessen gründet er mit dem ­Gitarrist Manuel Poppe jene Band, die mit dem Nino aus Wien und Bilderbuch den Austro-Pop revitalisieren wird.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.



Sein eigentliches Lebensthema findet Marco Wanda aber, als er 2011 nach ­Kairo geht, um zu versuchen, über den Arabischen Frühling zu schreiben. Von seinem Hotelzimmer am Al Hussein-Platz aus beobachtet er, wie eine fried­liche Versammlung „nach monatelanger Revolution und wochenlangem Fasten bei unsäglicher Hitze“ in einen Gewalt­exzess kippt. All das übersteigt, so schreibt es Marco Wanda selbst, seine ­literarischen Fähigkeiten.

Doch er entdeckt die Essenz für all seine Songs: den Tod. Nicht nur den physischen, auch den der Zwischenmenschlichkeit. Fortan will er mit seinen Texten dagegen anschreiben und etwas schaffen, das die Menschen verbindet. Das „Amore“-Gefühl ist geboren.

Auch wenn manches in diesem Text verdächtig zugespitzt oder stilisiert wirkt: Marco Wanda schafft dichte Beschreibungen, nicht nur aus Kairo, auch vom Besuch eines Restaurants in der Pariser Innenstadt, ausgerechnet am Abend des Terroranschlags auf das Bataclan im November 2015. Vor allem aber findet er Worte für den Tod des Wanda-Keyboarders Christian Hummer und den seines Vaters nur wenige Monate später, die Wanda weit abgründiger erscheinen lassen, als es ihre Musik vermuten lässt.

DSGVO Platzhalter

Bislang konnte man diese Band auch für Exzess aus zweiter Hand halten. ­Warum sollte man sich mit Schnaps oder ­literweise Bier betäuben, weshalb selbst Kette rauchen, wenn man Marco Wanda und den anderen dabei zusehen konnte, wie sie sich auf offener Bühne zugrunde richteten? Dieser Exzess machte Spaß, und er war sogar ungefährlich!

Doch „Dass es uns überhaupt gegeben hat“ ist kein Buch, das diese Entgrenzungen hemmungslos feiert. Es macht vor allem die Schatten sichtbar. In der stärksten Passage beschreibt Marco Wanda, wie er dem Alkoholismus verfällt. Dort weint man mit ihm: „Man trinkt einen Whisky Sour nach dem anderen, und man trinkt die Bar. Sie ist jetzt in einem, und man nimmt sie überallhin mit. Man denkt, man ist glücklich, und man denkt, man ist angekommen, aber man weiß nicht mehr, wie man glücklich ist.“

Es ist die hervorragendste Fähigkeit des Autors, wie in seinen Songs mit wenigen Worten ein Lebensgefühl einfangen zu können. Das macht ihn zum Poeten. Auf längerer Strecke lassen seine Kräfte dagegen nach. Das Buch schleppt sich zunächst quälend langsam dahin; und so eindrücklich er seine Alkoholabhängigkeit auch schildert: Vor allem das wiederkehrende Rauch-Sauf-Rock-and-Roll-Motiv ermüdet irgendwann.

Trotzdem ist Marco Wanda ein Buch gelungen, das von der Schonungslosigkeit sich selbst und anderen gegenüber lebt. Leserinnen und Leser können hautnah einem Selbstheilungs- und Auferstehungsprozess beiwohnen, der zugleich abstößt und berührt, anekelt und besänftigt. „Dass es uns überhaupt gegeben hat“ wirkt therapeutisch – und das ist nicht das Schlechteste, was man über ein Buch sagen kann.

Marco Wanda: „Dass es uns überhaupt gegeben hat“. Zsolnay Verlag, Wien 2025. 288 S., geb., 25, €.

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