Buchrezension Wolfgang Grupp: Die autorisierte Biografie

Buchrezension Wolfgang Grupp: Die autorisierte Biografie

„So einen Spinner habe ich noch nie erlebt.“ Das sagt die österreichische Baroness Elisabeth von Holleuffer im Juni 1986 über ihren späteren Ehemann, den schon damals bekannten Textilfabrikanten Wolfgang Grupp. Zu finden ist der Ausspruch in „Wolfgang Grupp. Die autorisierte Biografie“ des Wirtschaftsjournalisten Volker ter Haseborg.

Die so prägnant formulierte Personenbeschreibung überrascht nicht wegen des eindeutigen Urteils – wahrscheinlich gibt es nicht wenige, die einen Unternehmer, der viele Jahre kurz vor der Tagesschau mit einem Affen für seine Poloshirts wirbt, ähnlich charakterisieren. Bemerkenswert ist, dass das Zitat überhaupt in dem Buch zu lesen ist, denn vor der Veröffentlichung haben das Manuskript nicht nur Wolfgang Grupp selbst, sondern auch seine Ehefrau und seine Kinder durchgesehen und freigegeben.

Wolfgang Grupp wollte einen journalistischen Blick von außen auf sein Lebenswerk, schreibt ter Haseborg. „Beschreiben Sie mich so, wie ich bin“, habe der Unternehmer gesagt. Dazu begleitete der Autor Grupp über Monate, interviewte ihn, seine Familie und Freunde, aber auch Mitarbeiter, Geschäftspartner, Weggefährten und Gegner. Herausgekommen ist die Geschichte eines Mannes, der mit seinen unternehmerischen Leistungen und seinen kontroversen Meinungen zu Politik und Wirtschaft das Bild des Familienunternehmers wie kaum ein anderer hierzulande geprägt hat.

Dabei ist das Buch das Gegenteil einer Gefälligkeitsbiographie, es zeigt den Unternehmer und Menschen Wolfgang Grupp in schonungsloser Offenheit – mit all seinen skurrilen Gewohnheiten, seinem Hang zum Luxus, seinen aus der Zeit gefallenen Ansichten, aber eben auch in seiner Geradlinigkeit, die letztlich die Basis für den Erfolg des Unternehmens Trigema war. „Die Offenheit, mit der er seine Geschichte erzählt, das ist die große Leistung von ihm“, sagt Autor ter Haseborg im Gespräch mit der F.A.Z. „Was die Zitate angeht, hat er so gut wie nichts geglättet, allenfalls Fachbegriffe aus der Textilwirtschaft verbessert oder Details aus der Familiengeschichte hinzugefügt.“

Schulzeit im Eliteinternat, studentisches Luxusleben in Köln

So unverstellt wie Grupp in fast jedem seiner vielen Interviews über die „Lumpen“ in Politik und Wirtschaft wettert, so unverstellt hat er ter Haseborg von seinem Leben erzählt – und genau so hat der Journalist es aufgeschrieben. Das Buch erzählt von der Angst des jungen Grupp, als der Vater ihn auf das Eliteinternat nach Sankt Blasien schickt, oder vom Luxusleben als Student in Köln, als Grupp von Party zu Party zieht. Und es beschreibt, wie Grupp seine Ehefrau auswählt und erobert. Auf die Frage, warum die junge Adlige seinen Heiratsantrag angenommen habe, antwortet Grupp: „Als wir uns verlobt haben, war meine Frau 21. Da ist man von allem begeistert.“

Deutscher Wirtschaftsbuch Verlag

Noch deutlicher wird die Stärke der Biographie an Stellen, an denen sie Wolfgang Grupp in seiner Widersprüchlichkeit und Verletzlichkeit zeigt. Der Unternehmer, der die Verantwortung für Mitarbeiter und Standort wie eine Monstranz vor sich herträgt, nimmt die historische Verantwortung, die sich aus der Geschichte des Unternehmens Trigema im Dritten Reich ergibt, nicht an. Die Aufarbeitung der Vergangenheit treibt nicht er voran, sondern Ehefrau und Kinder sind die treibenden Kräfte, während Grupp selbst die Tatsache leugnet, dass der so verehrte Großvater die Chancen des NS-Systems für sich nutzte. „Die Nationalsozialisten haben die Levys gezwungen, unter Preis zu verkaufen. Dafür hat unsere Firma später eine Kompensation gezahlt. Das war eine normale Geschichte“, sagt Grupp über den Zwangsverkauf eines Unternehmens jüdischer Eigentümer an Trigema, das damals noch anders hieß, in den Dreißigerjahren.

Grupp spricht über seine Altersdepressionen

Berührend ist die Passage, die aufzeigt, wie der Mann, dem in der Öffentlichkeit kein Wort zu laut ist, nach der Unternehmensübergabe an seine Kinder mit Altersdepressionen zu kämpfen hat. „Wenn ich nachts im Bett liege, denke ich oft, mein Leben ist vorbei. Ich habe dann oft das Gefühl, dass andere denken, den Schwätzer braucht man nicht mehr“, sagt Grupp. Als ter Haseborg den Unternehmer mal allein im Jagdhaus der Familie im Allgäu trifft, fragt eine Haushälterin, ob er nicht zum Essen bleiben wolle. Erst später wird dem Journalisten klar, dass es der Mitarbeiterin nicht ums Essen ging, sondern darum, dass Grupp nicht allein zurückbleibt.

Den Suizidversuch und die Tatsache, dass seine Ehefrau Wolfgang Grupp vor dem Tod rettet, beschreibt die Biographie sensibel und in wenigen Sätzen. Dass diese Szene überhaupt in der Biographie auftaucht, ist Elisabeth Grupp zu verdanken. Sie ist es, die zu ihrem Mann sagt: „Das Kapitel muss geschrieben werden. Es ist Teil deines Lebens.“ Nicht nur in dieser Episode wird klar, dass die Rolle, die Elisabeth Grupp im Leben des Unternehmers spielt, viel wichtiger ist, als es auf den ersten Blick scheint.

Der Lautsprecher, dessen öffentliche Reden über Frauen im Allgemeinen und seine Ehefrau im Besonderen ab und an zum Fremdschämen sind, hat in seiner Ehefrau eine starke Partnerin, einen kritischen Widerpart und eigenständigen Kopf. Mit jedem Kapitel wird klarer, dass Wolfgang Grupp alle wichtigen Entscheidungen gemeinsam mit seiner Frau trifft, dass sie sogar oft die treibende Kraft ist. Wie bei der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit oder der endgültigen Regelung der Unternehmensnachfolge. „Das Buch ist das Buch eines starken Mannes, aber eben auch einer Frau, die immer stärker wird“, sagt Autor Volker ter Haseborg. Und das Buch einer Frau, die ihren Teil zum Erfolg des Familienunternehmens Trigema beiträgt.

Volker ter Haseborg: Wolfgang Grupp. Die autorisierte Biografie. Deutscher Wirtschaftsbuch Verlag, Neuburg an der Kammel 2026, 245 Seiten, 30 Euro.

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