Chef von Mister Spex: „Wir stecken in einer Krise“

Chef von Mister Spex: „Wir stecken in einer Krise“

Manchmal kennt Idealismus keine Grenzen. Um miserable Haltungsbedingungen von Hühnern und Schweinen zu dokumentieren, bricht der ein oder andere Tierschutzaktivist gerne mal in einen Stall ein. Solche Praktiken liegen Tobias Krauss fern, dennoch bezeichnet sich der Vorstandsvorsitzende des Optikers Mister Spex in seinem Linkedin-Profil als „Animal Rights Activist“. „Mein Engagement äußert sich nicht durch aktivistische Handlungen“, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z. Sollte er aber mal Fleischkonzernlenker Clemens Tönnies auf einer Veranstaltung treffen, spräche er ihn darauf an.

Aufgewachsen im Schwarzwald, habe ihn sein Opa stark geprägt, dieser sei mit Albert Schweitzer befreundet gewesen. „Der Mensch ist nicht das Maß aller Dinge, sondern Leben inmitten von Leben, das auch leben will“, lautet ein Satz des Friedensnobelpreisträgers, der den heute 49 Jahre alten Manager maßgeblich geprägt hat. Die Art und Weise, wie Menschen in vielen Fällen mit Tieren umgehen, findet er unerträglich – vor allem, wenn es um Massentierhaltung geht. „Am Umgang mit Tieren zeigt sich das Wertefundament einer Gesellschaft“, sagt der Vegetarier.

So emphatisch Krauss über Tiere spricht, fällt sein Blick auf die Wirtschaftswelt eher nüchtern aus: „Ein Unternehmen ist keine Familie.“ Denn der Erfolg stehe im Vordergrund. Wenn es um Mister Spex geht, kommt er analytischer herüber, spricht mehr in Zahlen. Kein Wunder, schließlich steckt das 2007 als reiner Onlinehändler gegründete Unternehmen tief in der Krise. Seit dem Börsenstart 2021 mit einem Ausgabewert von 25 Euro ist die Aktie massiv eingebrochen und dümpelt derzeit unter zwei Euro. Der Umsatz schrumpfte in den ersten drei Monaten um 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Krauss begründet das mit Ladenschließungen, reduzierten Rabattaktionen und ineffizientem Onlinemarketing. Dass die Lage ernst ist, streitet er keinesfalls ab: „Wir stecken in einer Krise.“

Viele Wechsel an der Spitze

Krauss, seit April an der Spitze von Mister Spex, will das Ruder nach einer langen Zeit voller Negativschlagzeilen herumreißen. Dass er das Unternehmen so gut kennt, sieht er dabei als Vorteil. Nach seinem Wirtschaftsstudium in Mannheim und Konstanz startete er als Unternehmensberater bei Porsche Consulting ins Berufsleben. 2019 übernahm er die Leitung von Abacon Capital, dem Family Office der Hamburger Milliardärsfamilie Büll. Der hierarchische Stil von Albert Büll war neu für ihn, doch habe er sich in seiner neuen Rolle schnell zurechtgefunden, sagt Krauss. Bis heute gehört Abacon Capital zu den größten Aktionären von Mister Spex.

Doch wegen des ausbleibenden Erfolgs wurde die Stimmung im Unternehmen immer schlechter, 2024 krachte es im Unternehmen nach vielen enttäuschenden Jahren gewaltig. Im Mai 2024 sorgte eine Gruppe von Aktionärsaktivisten für Aufsehen. Ihre Forderungen: neue Aufsichtsräte, ein Kurswechsel und niedrigere Boni für die Vorstände. Ihr Antrag auf der Hauptversammlung im Juni galt als Provokation. Die Forderungen fanden zwar keine Mehrheit, das Personalkarussell drehte sich trotzdem gewaltig.

Der damalige Aufsichtsratschef Claus-Dietrich Lahrs, früher an der Spitze von Hugo Boss, gab im Juli 2024 genauso wie sein Stellvertreter nach nur einem Monat sein Mandat auf – wegen „unterschiedlicher Auffassungen über die strategische Entwicklung der Gesellschaft“. Nur wenig später verabschiedete sich nach 16 Jahren Gründer Graber von der Unternehmensspitze. Sein langjähriger Ko-Chef Mirko Caspar hatte bereits zum Jahreswechsel Mister Spex verlassen. So entstand ein gefährliches Machtvakuum.

Vom Aufsichtsratchef zum Lenker von Mister Spex

Schnell mussten also neue Lösungen her: Krauss stieg zum Aufsichtsratschef auf, der neue Finanzchef Stephan Schulz-Gohritz sollte nur vorübergehend zusätzlich das operative Geschäft leiten. Bereits 2024 startete das Unternehmen einen harten Sparkurs, alle acht Filialen im Ausland stampfte Mister Spex ein. Nach zahlreichen Monaten ohne echte Führung präsentierte Mister Spex dann im April 2025 mit Krauss seinen neuen Chef. Vom Aufsichtsratschef zum Unternehmenslenker: „Eigentlich war das nicht mein Plan“, sagt Krauss. Doch die Herausforderung habe ihn gereizt. Der Schritt sei eine Bauchentscheidung gewesen.

Er ist im Unternehmen kein Unbekannter, will aber für einen Neuanfang und vor allem für einen Mentalitätswechsel stehen. Weniger Start-up-Gehabe und Wachstum um jeden Preis, stattdessen ein stärkerer Fokus auf Profitabilität und Stabilität wie in einem mittelständischen Unternehmen. Nicht so viele Neukunden wie möglich, sondern loyale Kunden wünscht er sich, die in die Filialen kommen und am besten eine Gleitsichtbrille kaufen.

Das Geschäft mit Brillen und Kontaktlinsen gilt als Bastion der klassischen Ladengeschäfte. Mister Spex war ursprünglich angetreten, um das zu ändern. Mit aggressiven Niedrigpreisen im Internet wollten die Berliner dem Marktführer Fielmann mit dessen breiten Filialgeschäft das Leben schwer machen. Doch nach einer starken Anfangsphase ließ der Erfolg nach. Brillen kaufen die Deutschen am liebsten im Laden nach einem Sehtest – und Mister Spex hat das laut Krauss zu spät eingesehen. 2016 eröffnete das Unternehmen den ersten Laden in Berlin.

Während Fielmann laut Kraus auf alle Altersgruppen schiele, habe Mister Spex vor allem die Gruppe zwischen 40 und 60 Jahren im Blick. Die Herzen der Kunden will das Unternehmen auch durch überzeugendere Eigenmarken gewinnen. Die Gesamtzahl sei zwar geschrumpft, aber damit sollen die übrigen mehr Strahlkraft entwickeln. Das Filialnetz in Deutschland soll auch über Zukäufe wachsen. Mister Spex will inhabergeführte Optiker in Schlüsselregionen aufkaufen, diese sollen aber ihr Logo am Schaufenster behalten und eigenständig bleiben. Bisher ist Krauss damit aber noch vorsichtig: Die Kaufpreise sind ihm derzeit noch zu hoch.

Große Hoffnungen setzt Krauss auch auf das im Mai eingeführte Abomodell mit einer monatlichen Gebühr: Kunden können dabei zwei oder drei Brillen samt umfassendem Service und Versicherung wählen. Nach einem Jahr lässt sich auf Wunsch eine Brille durch eine neue ersetzen. Das lockt vor allem modebewusste Käufer, die Spaß an Luxusmarken haben.

Dadurch habe Mister Spex den durchschnittlichen Bestellwert deutlich steigern können, sagt Krauss. Die ersten Schritte auf dem Weg zurück auf die Erfolgsspur seien erfolgt.

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