Es ist auf jeden Fall ein Kindheitstraum gewesen, einmal in einem Land zu spielen, in dem der Sport viel größer ist als in Deutschland. Ich muss ehrlich sagen, dass Frankreich nicht das erste Land war, das mir in den Sinn kam. Aber es ist eine unglaubliche Chance. Ich bin wirklich sehr gespannt und nervös, aber am meisten freue ich mich, dass ich jetzt Rugby als Prio Nummer eins angehen kann.
Ich hatte im März mein Debüt für die deutsche Herrennationalmannschaft und das Glück, dass zwei Jungs dort schon seit Längerem auch in Frankreich auf höchstem Niveau spielen. Sie haben mich angehauen und gefragt, ob ich nicht auch versuchen will, Rugby auf das nächste Level zu heben. Ihr Agent hat sich für mich in Frankreich umgehört. Mit Grenoble hat dann alles relativ spontan und schnell geklappt.
Wie lief der Auswahlprozess ab?
Ich musste dem Agenten alle möglichen Daten schicken. Zahlen und Rekorde bei Fitness-Tests und ein Highlight-Video aus meinen Spielen, das ich dann noch schnell schneiden musste. Und dann hatten wir abschließend ein Videogespräch mit dem Leiter und dem Trainer der Akademie in Grenoble. Danach ging es an die Verträge. Bevor es losgeht, muss ich noch einen Medizincheck bestehen. Das wäre dann das erste Mal, dass ich direkt vor Ort bin.

Wie kamen Sie zum Rugby, und wann haben Sie gemerkt, dass Sie Profi werden wollen?
Ich habe mit vier Jahren bei 1880 angefangen zu spielen. Ich bin einfach von einem Jugendtrainer angesprochen worden mit meiner Familie. Wir waren sowieso auf der Suche nach einer Sportart, und es war gleich bei uns um die Ecke. Dort bin ich dann ganz normal die Jahrgänge durchgegangen. Ab der U 12 kamen die ersten Gedanken auf, dass ich gerne professionell und im Ausland spielen würde. Das ist ein großer Luxus beim SC 1880, weil wir viele Trainer haben, die aus den Rugby-Ländern kommen. Ich hatte das große Glück, dass wir als Mannschaft sehr gut waren in meinem Jahrgang und ich mit Kieran Manawatu einen sehr prägenden Trainer hatte. Er kam aus Neuseeland. Er hat wirklich die Leidenschaft zum Sport vermittelt und ein gutes Gemeinschaftsgefühl. Es war schon viel mehr als nur ein Sport-Team. Und deshalb war für mich auch der Gedanke gesetzt, ich will mal nach Neuseeland gehen und dort Rugby spielen.
Und das haben Sie 2023 während eines Auslandsjahrs in der Schule auch getan. Neuseeland gilt als die Rugby-Nation schlechthin. Was waren Ihre Eindrücke?
Ich war in Christchurch, um dort meinen Schulabschluss zu machen, aber hauptsächlich, um Rugby zu spielen. Allein schon, dass dort in der Schulpause nicht Fußball, sondern Rugby gespielt wird, auch in Vollkontakt. In den Parks stehen Rugby-Stangen. Ich war genau im Jahr der Weltmeisterschaft dort. Da wurde natürlich auch über nichts anderes geredet. Es war eine unvorstellbare Erfahrung für mich, ein ganz tolles Jahr. Wunderschöne Kultur und Landschaft, und das Niveau war deutlich höher als das, was ich in Deutschland gewohnt war. Seit meiner Rückkehr nach Frankfurt spiele ich bei den Herren.
Wurde dort anders trainiert als in Frankfurt?
Wir trainieren bei den Herren relativ viel. In Neuseeland habe ich für die Schulmannschaft gespielt. Da war alles etwas anders organisiert. Ich denke, dass dort alles ein bisschen schneller ist, und es ist einfacher, weil du im Training nicht auf jeden eingehen musst, der noch nicht so lange Rugby spielt. Dort ist das grundsätzliche Verständnis einfach höher. In Deutschland musst du oft noch mal zu den Grundlagen zurück und manchen ein bisschen mehr Zeit geben. Dort liegt es gefühlt im Blut.
Was konnten Sie aus ihrer Zeit in Neuseeland nach Frankfurt mitnehmen?
Selbstbewusstsein – in diesem System und gegen starke Gegner gespielt zu haben und einfach in meiner Rolle als Spielmacher gewachsen zu sein. Das ließ sich gut in Frankfurt übertragen. Und ich habe durch das regelmäßige Spielen eine Konsistenz aufgebaut. Das größte Manko in Deutschland ist, dass es zu wenige Spiele gibt. Das hat auf jeden Fall geholfen, in Neuseeland jede Woche Leistung abliefern zu müssen.
Gibt es auch etwas, das Sie aus Frankfurt nach Frankreich mitbringen können?
Auf jeden Fall. Allein schon durch das Jahr im Herren-Rugby. Natürlich war in Neuseeland vieles schneller, aber am Ende des Tages war es immer noch Schul-Rugby. Hier in Deutschland im Herrenbereich stehen dir manchmal Leute gegenüber, die fast doppelt so alt sind. Die haben eine ganz andere Physis. Da musst du schon ordentlich dagegenhalten. Ich würde sagen, das hat mir geholfen. Einfach zu wissen, dass es geht, gegen größere und stärkere Leute zu tacklen. Und auch von den anderen internationalen Jungs, die hier in Frankfurt spielen, habe ich viel gelernt.
Wie reagiert Ihre Mannschaft auf den Wechsel nach Frankreich?
Sie gönnen es mir und freuen sich für mich. Sie sind ja auch mit der Grund, warum ich es ins Ausland schaffe. Sie haben mir viel geholfen in den letzten eineinhalb Jahren. Ich denke schon, dass sie ein bisschen traurig sind, weil ich nicht mehr da bin. Zumal sie sich auch umschauen müssen, dass sie auf meiner Position jemanden finden. Aber ich habe bisher sehr positives Feedback von meinen Mitspielern bekommen. Rugby ist grundsätzlich ein sehr unterstützendes Umfeld. Für viele der Jungs ist es derselbe Traum, am Profi-Rugby zumindest mal zu schnuppern. Ich bin sehr dankbar, wie das Team das aufgenommen hat.
Mit Anton Segner hat es vor einiger Zeit auch ein weiterer Spieler des SC 1880 ins Ausland geschafft, nach Neuseeland. Gibt es in Ihrem Team mehr dieser Beispiele?
Von 1880 haben wir ein paar Jungs, die mittlerweile im Ausland spielen, auch ein paar jüngere, die ebenfalls in Frankreich sind. Das sind drei, die schon länger bei Stade Français in Paris spielen und es dort gut geschafft haben. Ein guter Freund von mir ist nach Irland gegangen. Es ist auf jeden Fall deutlich, dass bei 1880 irgendwas richtig läuft in der Jugendarbeit. Ziemlich viele aus unserem Alter sind im Ausland erfolgreich.
In Frankreich ist Rugby etwa so beliebt wie Fußball. Auch das Leistungsniveau und der Konkurrenzdruck dürften im Vergleich zu Deutschland deutlich höher sein. Wie stellen Sie sich darauf ein?
Vor allem der Konkurrenzdruck wird natürlich enorm. Aber da freue ich mich eigentlich am meisten drauf. Sobald es Leute gibt, die auf deiner Position spielen und möglicherweise besser sind, hilft es sehr, selber an sich zu arbeiten. Ich bereite mich zurzeit vor mit so viel Training wie möglich. Ich gehe mehr ins Gym, mache mehr individuelle Übungseinheiten, um mit perfekter Kondition nach Frankreich zu gehen und da nicht zu weit hinterherzuhängen. Die Spieler dort werden einen Vorteil haben. Einige werden schon seit Jahren in diesen professionellen Systemen trainiert haben. Da hat man natürlich schon aufzuholen, wenn man aus Deutschland kommt. Aber das ist kein Ding der Unmöglichkeit.
Als Fly-Half nehmen Sie auf dem Platz eine Führungsrolle ein. Haben Sie Respekt davor, das künftig auch auf diesem hohen Niveau zu tun?
Natürlich, aber ich bin auch selbstbewusst genug, mir das zuzutrauen. Interessant wird eher die Sprachbarriere, weil ich leider noch kein Französisch spreche. Ich bin gespannt, ob ich es hinkriege, im Kopf schnell genug die Worte zu finden, um mit dem Team zu kommunizieren. Sicher wird es schwierig mit einer Führungsrolle in ein neues Team hineinzukommen. Aber ich traue mir das zu.
Werden Sie in Frankreich fürs Spielen bezahlt?
Wenn ich rüberfahre, bin ich in einem Akademie- oder auch U-23-Vertrag. Ich bekomme genug zum Leben und eine Wohnung gestellt. In Deutschland kriege ich kein Geld fürs Spielen. Dafür ist der Sport nicht groß genug. In Frankreich läuft das grundsätzlich anders.
Worauf freuen Sie sich bei Grenoble am meisten?
Darauf, dass es kein Problem mehr sein wird, zu viel Zeit mit dem Sport zu verbringen, und Rugby an erster Stelle stehen kann. Das wird eine große Umstellung. Ich werde zwölf bis 16 Stunden Training die Woche haben, was deutlich mehr ist als zurzeit. Grundsätzlich wird es eine coole Erfahrung, selbständiger zu sein. Ich wohne noch bei meinen Eltern und bin gespannt darauf, allein zu leben. Vor allem auch auf das professionelle Umfeld, das Training und die Einrichtungen, die man dort nutzen kann – und natürlich den Konkurrenzkampf. Das ist der beste Weg, um besser zu werden.
Sie meinten zu Beginn, dass Frankreich nicht unbedingt das erste Land war, an das Sie dachten. Zieht es Sie langfristig nach Neuseeland?
Da will ich jetzt noch keine Tür zumachen. Ich will zuerst gucken, wie es in Frankreich läuft. Nach meinem Gespräch mit Grenoble klang das nach einem sympathischen Traditionsverein, in dem ich die nächsten drei Jahre verbringen möchte – um dann hoffentlich auch den Schritt ins Profi-Team zu schaffen. Grundsätzlich bin ich nicht abgeneigt, nach Neuseeland zu gehen. Auch wenn es ein bisschen später ist. Frankreich ist erst mal angenehmer für meine Familie und Freunde. Es ist einfacher, ab und zu nach Hause zu kommen. Es war ein langes Jahr in Neuseeland, ohne die Familie zu sehen.
Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, vergessen Sie nicht, ihn mit Ihren Freunden zu teilen. Folgen Sie uns auch in Google News, klicken Sie auf den Stern und wählen Sie uns aus Ihren Favoriten aus.
Wenn Sie weitere Nachrichten lesen möchten, können Sie unsere Nachrichten kategorie besuchen.