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So hoch waren die Schrottberge im Rheinhafen von Karlsruhe lange nicht mehr. Kein üblicher Eisenschrott ragt dort in den Himmel, sondern Edelstahl, hochglänzend, kein Rost, teuer. Wäre Jürgen Pilarsky Schrottsammler, könnte er sich darüber freuen. Aber er lebt vom Handel. Seine Kunden, die Edelstahlwerke, warten darauf, dass sie den zerkleinerten und sorgfältig sortierten Schrott bekommen, um daraus wieder Edelstahl zu schmelzen.
Aber der Rhein fällt wegen des Niedrigwassers als Transportweg zurzeit aus, und die Bahn, die wichtigste Lebensader im globalen Schrotthandel, kommt mit dem Transport nicht nach. Ein Drama sei das, sagt Pilarsky. Schon wenn der Rhein Normalwasser führe, sei DB Cargo nicht in der Lage, die angeforderten Leerwaggons rechtzeitig bereitzustellen. Es fehle an allem: Waggons, Lokomotiven, Trassen und Mitarbeiter. Dabei seien die Stahlwerke eigentlich auf eine taggenaue Anlieferung angewiesen. „Bis die versprochenen Waggons bereitstehen, vergehen heute Wochen“, sagt er. In so einem Moment verliert selbst Pilarsky, ein gelernter Sozialarbeiter und Mann abwägender Worte, kurz die Contenance.
Der Sechsundsechzigjährige ist Geschäftsführer und größter Gesellschafter der Karlsruher Cronimet-Gruppe. 1980 von seinem Vater Günter Pilarsky gegründet, versteht sich das Unternehmen heute als weltgrößter Händler von Edelstahlschrott, mit zuletzt 2,4 Milliarden Euro Umsatz, 33 Millionen Euro Betriebsergebnis, 70 Standorten rund um den Globus und 1700 Mitarbeitern.
Laut wie in der Hölle
Beheimatet im Rheinhafen von Karlsruhe, weit weg von Hochglanzfassaden, reiht sich Schrotthalde an Schrotthalde. Das Ufergelände ist Friedhof und Geburtsstation in einem: Die Reste der alten Industrie werden zermahlen, aufbereitet und als zu Würfeln gepresstes Rohmaterial wieder in den Industriekreislauf geschoben. Laut wie in der Hölle geht es dabei zu. Pilarsky fällt der Lärm gar nicht mehr auf. „Mahlzeit!“, ruft er einem Baggerführer zu, während aus einem Laster eine Welle aus Metall und Schrott auf den malträtierten Betonboden kracht.

Vater Günter Pilarsky hatte den richtigen Riecher. Während viele Schrotthändler bis heute fast alles entsorgen, was anfällt, legte er sich früh auf Edelstahlschrott fest. Als Großhändler, der bei kleinen Schrotthändlern die Filetstücke einsammelt, das Geschäft international angeht, groß denkt in einer Welt vieler Kleinkrämer. Nichts, was sich in der Edelstahlwelt nicht zu Geld machen ließe: ausgediente Industrieanlagen, ganze Flugzeuge, Reste aus der Produktion von Küchenspülen, bis hin zu Besteck aus Krankenhäusern und Hüftgelenken aus Krematorien – alles findet seinen Weg zurück.
Kern des Geschäftsmodells ist neben dem Sammeln und Zerkleinern das „Blending“, also das Sortieren nach unterschiedlichen Legierungen. Edelstahl ist nicht gleich Edelstahl: Jeder Kunde braucht eine andere Legierung, muss darauf vertrauen, dass Cronimet das richtige Material liefert.
Edelstahlschrott als Goldesel
Edelstahlschrott macht den mit Abstand größten Anteil der Erlöse aus. Daneben recycelt Cronimet aber auch verwandtes Material wie Hartmetalle oder Titan und produziert eigene Legierungen. In Bitterfeld baut der Mittelständler mit dem chinesischen Konzern CNGR gerade eine Anlage zum Recycling von Batterieabfällen auf.
Ein Projekt liegt Pilarsky besonders am Herzen: Für den Rohstofffonds der Bundesregierung, eigens eingerichtet, um die Abhängigkeit von Asien zu reduzieren, kümmert er sich nach eigenen Angaben um neue Lieferwege für Wolfram. Cronimet habe Geschäftskontakte in Australien genutzt und dort eine Methode entwickelt, um Abraum aus Minen so aufzuarbeiten, dass daraus noch eine Menge Wolfram gewonnen werden könne.
Das Kerngeschäft mit Edelstahl steht schon seit einiger Zeit unter Druck. In Amerika und Europa, wo Cronimet das Gros seiner Umsätze erwirtschaftet, wächst der Markt nicht mehr. In China ist das zwar noch anders, dort hat Cronimet aber wieder kehrtgemacht, den Einstieg gestoppt. „In China haben wir uns eine blutige Nase geholt“, sagt Pilarsky. Nach deutschen Compliance-Richtlinien könne man dort keine Geschäfte machen. Im Schrottgeschäft weht ein rauer Wind.
Falsche Klischees
In Europa, wo den Stahlkonzernen zudem die hohen Energiepreise zu schaffen machen, gibt es neben einer Handvoll kleinerer Hersteller von sogenannten Langprodukten nur noch vier große Betreiber von Flachstahlwerken, größter davon ist die finnische Outokumpu. Die Politik versucht seit einiger Zeit, ihre heimischen (Edel-)Stahlproduzenten mit Importzöllen und Ausgleichszahlungen für Klimaschutzkosten zu schützen. Ob das auf Dauer funktioniert, ist umstritten. Eine Abkehr vom Edelstahlrecycling plant Pilarsky trotz der schwierigen Bedingungen nicht.

Dass er einmal Schrotthändler würde, war Jürgen Pilarsky nicht in die Wiege gelegt. Sein Vater habe das Unternehmen schließlich erst gegründet, da sei er schon 20 Jahre alt gewesen. Nein, die Klischees, er sei als Kind zwischen Schrottbergen groß geworden, könne er nicht bedienen, sagt er beim Rundgang über das Gelände.
Managementausbildung ist überflüssig
Pilarsky ist Sozialarbeiter geworden und hat in seinem Beruf auch gearbeitet. Mit dem Unternehmen seines Vaters sei er erst im Wege eines Sozialprojektes in engen Kontakt gekommen. Fünf Mitarbeiter hat er Ende der Achtzigerjahre zu Cronimet vermittelt. Einer sei gerade in Rente gegangen, die anderen vier seien noch im Betrieb. Ein Erfolg, und offensichtlich eine frühe Begegnung, die Pilarskys Blick auf die Firma veränderte. Er stieg in die Geschäftsführung ein, zahlte 2021 seine Schwester und seinen Bruder aus und übernahm 51 Prozent der Firmenanteile.
Sein Vater hält seither 49 Prozent und komme trotz seiner 88 Jahre immer noch im Betrieb vorbei. Wie es ist, ohne Managementausbildung ein Unternehmen mit 1700 Beschäftigten zu leiten? Kein Problem, sagt Pilarsky. Um die Finanzen kümmerten sich seine Kollegen, und für den Rest, „ist eine Ausbildung als Sozialarbeiter besser als jedes Managementseminar“. Einen Unternehmer als Vater zu haben, hat wohl auch geholfen.
Unter Pilarskys Vater hat das Unternehmen viele Jahre eine Kupfer- und Molybdän-Mine in Armenien betrieben. Der Mittelständler gehörte mit 3000 Beschäftigten zu den größten privaten Arbeitgebern des Landes, Günter Pilarsky wurde zum Honorarkonsul ernannt, vor dem Firmengebäude im Industriehafen wehte die armenische Flagge. Seit sechs Jahren ist damit Schluss, die Minen sind verkauft. So ein Geschäft brauche tiefe Taschen, sagt Pilarsky. „Hier kaufen wir mal acht Bagger, aber keine Mine“.
Von öffentlichen Bühnen seines Vaters hält er sich fern. Senior Günter war nicht nur als Honorarkonsul aktiv, in seiner Heimatstadt stand er auch als Finanzier und langjähriger Vizepräsident des Fußballvereins KSC in der Öffentlichkeit. Die VIP-Loge bestehe noch, er selbst sei aber nicht engagiert, sagt sein Sohn. Beim letzten Heimspiel habe er mit Tochter und deren Freund im Fanblock gestanden.
Der Unternehmer
Jürgen Pilarsky war sein Leben als Schrotthändler nicht in die Wiege gelegt. Während sein Vater noch den Edelstahlrecycler Cronimet aufbaute, studierte der heute Sechsundsechzigjährige Sozialarbeit und arbeitete auch als Sozialarbeiter. Später stieg er doch in die Geschäftsführung ein, kaufte vor fünf Jahren seine Geschwister heraus und ist seitdem größter Eigentümer des Unternehmens. Sein Vater hält weiter 49 Prozent der Anteile. Jürgen Pilarsky ist verheiratet und Vater zweier Töchter. Von öffentlichen Bühnen hält er sich fern.
Das Unternehmen
Cronimet aus Karlsruhe versteht sich als Weltmarktführer im Edelstahlrecycling. Der Mittelständler beschäftigt 1700 Menschen und betreibt 70 Standorte in 30 Ländern. Kerngeschäft ist das Sammeln, Aufarbeiten und Sortieren von Edelstahlschrott aus Industrie und Gewerbe. Größte Kunden sind Edelstahlwerke. Im Jahr 2025 erwirtschaftete der Mittelständler mit knapp 2,4 Milliarden Euro Umsatz einen Betriebsgewinn von 33 Millionen Euro. Mehrheitseigentümer ist Jürgen Pilarsky, Sohn des Unternehmensgründers Günter Pilarsky.
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