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#Das blaue Blut in der Ackerfurche

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Das blaue Blut in der Ackerfurche

Die Französische Revolution war reich an Widersprüchen und Ironie. Eine amüsante Poin­te ist, dass die „Marseil­laise“ von Claude Joseph Rouget de Lisle (1760 bis 1836), Hauptmann der Rheinarmee, in Straßburg verfasst wurde – in der kulturellen Geographie Frankreichs sind die deutsch-protestantisch geprägte Binnenstadt und die mediterrane Hafenmetropole Marseille maximale Gegensätze. Eine weit tragischere wäre, dass das auf den ersten Blick blutrünstige Lied vom Straßburger Bürgermeister, Baron Phi­lippe-Frédéric de Dietrich, im April 1792 in Auftrag gegeben wurde, um die Solda­ten im frisch erklärten Krieg gegen die Österreicher zu motivieren. Dietrich aber war kein Radikaler, sondern ein Bankier, ein konstitutioneller Monarchist, Aufklärer und Musenfreund – er wurde am 29. Dezember 1793 auf Robespierres Betreiben guillotiniert.

Eine Ausstellung, die derzeit in Straßburg zu sehen ist, zeichnet den Parcours der französischen Nationalhymne nach: Aus Platzgründen ist sie nicht im Historischen Museum, sondern im Musée d’Art moderne et contemporain aufgebaut; vorher war sie im Musée de la Révolution française in Vizille, ab dem 18. März 2022 wird sie im Musée d’Histoire von Marseille gezeigt. Interessant ist bereits der Werdegang des zunächst „Chant de guerre“ ge­nannten Liedes: Bei der Verbreitung spielte der Medizinstudent Fran­çois Mireur eine große Rolle, der es seiner Freiwilligentruppe aus Marseille beibrachte. In Pa­ris angekommen, sangen die Soldaten ih­ren „Chant des Marseillois“, aus dem bald die „Marseillaise“ wurde.

Eine Affiche von Jacques Carlu.


Eine Affiche von Jacques Carlu.
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Bild: M. Bertola, Musées de Strasbou

Nach der Schlacht von Valmy (20. September 1792) ersetzte das Lied das traditionelle „Te Deum“, beim Abzug der französischen Jäger aus Mainz 1793 wurde es als Hommage an den gefallenen General Meusnier gesungen – es wurde der Gesang schwerer oder glorreicher Momente. Schon am 4. November 1792 hielt der Komponist André Grétry fest, dass man die „Marseillaise“ in „allen Vorführungen und allen Ecken von Paris“ anstimmte. Der Beginn einer künstlerischen Karriere – ihre theatralische Dimension wurde von großen Schauspielerinnen wie Rachel, Sarah Bernhardt oder Jessye Norman ausgelotet.

Spannungsvoll war das Verhältnis der Mächtigen zur „Marseillaise“: Jahrzehntelang wollte man sie ersetzen, Napoleon („Veillons au Salut de l’Empire“), Ludwig XVIII. („Vive Henri IV“), Louis-Philippe („La Parisienne“, „La Française“), aber das Volk sang sie bei jeder Revolution, 1830, 1848, 1871. Erst unter der Dritten Republik, die Frankreich den politischen Grundriss gab, wurde sie offiziell: Das Pu­blikum lehnte „Vive la France“ von Gounod und Déroulède ab, die Repub­likaner machten die „Marseillaise“ 1879 zur Nationalhymne.

Das revolutionäre Potential

Ihr revolutionäres Potential war gebändigt – einer der Gründe für den Siegeszug der „Internationalen“. Trotzdem war die Karriere der „Marseillaise“ von Anfang an international, wie der konsternierte Goethe nach Abzug der Franzosen aus Mainz feststellen musste: Man sang sie weiterhin. Sie wurde alsbald in Lateinamerika aufgegriffen, dann in Spanien, 1917 in Russland, 1934 (und 1989!) in China, 1956 in Ungarn.

Bild von Isidore Pils: Rouget de Lisle sint die Marseillaise zum ersten Mal (1849).


Bild von Isidore Pils: Rouget de Lisle sint die Marseillaise zum ersten Mal (1849).
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Bild: M. Bertola, Musées de Strasbour

Die Ausstellung setzt sich drei Ziele: den Entstehungskontext zu erläutern, die (internationale) Bedeutung zu zeigen, die an­deren Künste zu berücksichtigen. Das gelingt ihr, und sie packt ihr abstraktes Thema auf meist geschickte Weise. Der Entstehungskontext lässt sich durch Waffen, Uniformen und frühe Drucke gut il­lustrieren. Bilder – Gemälde, Plakate, Fo­tos – spielen die zentrale Rolle, um histo­rische Ereignisse zu veranschaulichen. Manchmal wäre Mut zu etwas mehr Text schön gewesen, die Mythisierung etwa hätten Auszüge aus Alphonse de Lamartines „Histoire des Girondins“ (1847) prä­zisiert. Der Romantiker inszenierte Rouget de Lisles kompositorischen Akt ro­manesk und inspirierte damit Isidore Pils, dessen Gemälde von 1849 die kollektive Erinnerung prägte; der eine oder andere Ölschinken liefert brutal-kitschige Variationen zum Thema.

Jean Julien: Départ du bataillon des Marseillais en 1792.


Jean Julien: Départ du bataillon des Marseillais en 1792.
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Bild: Musée de Marseille

Die unter der Schirmherrschaft von Präsident Macron stehende Ausstellung will pädagogisch sein und wendet sich an mehrere Altersgruppen. Diesbezüglich überzeugt der Einsatz von Medien, besonders von Bildschirmen mit Kopfhörern. Sie bieten die Möglichkeit, die Hymne in Ruhe zu lesen und sich diverse Stellen per Klick erklären zu lassen. Die grausige Passage vom „unreinen Blut, das unsere Ackerfurchen gießen soll“, etwa evoziert ein Konzept des Ancien Régime, demzufolge Nichtadelige von „sang impur“ waren; der Gesang kehrt eine feststehende Formel um, bleibt im Bild. Allgemein mindert die Kenntnis der Zusammenhänge – der militärische Entstehungskontext, die andauernde Begeisterung des Volkes – die Brutalität des Gesangs etwas ab.

Hilfreich sind die Bildschirme auch für das internationale Echo: Man kann die ja­panische und die (anti-französische) algerische Nationalhymne vergleichen oder sich mitunter geschnipselte Videos an­sehen, vom Langen Marsch oder aus Chiles Revolutionszeiten. Zwei akustische Par­­cours erschließen erstens die Musik der Entstehungszeit (etwa Gossec und Gaveaux); hier wäre der Vergleich mit an­deren Revolutionsliedern wie dem be­rühmten „Ça ira“ aufschlussreich gewesen. Zweitens werden Übernahmen präsentiert, bis hin zu Stockhausens Sumpf-Enten-Version oder Gainsbourgs „Aux armes et cætera“, das 1980 auf einem Straßburger Konzert für einen Eklat sorgte, weil der Sänger Fallschirmjägern ge­gen­über­stand. Paradoxerweise wurde die „Marseillaise“ im zwanzigsten Jahrhundert von allen politischen Lagern beansprucht, von der Volksfront bis zur rechtsextremen OAS.

Ihre Funktion als Nationalsymbol ist heute eine radikal andere als die von 1792. Frühere Bedeutungen und Funktionen bedürfen in der Tat einer Ausstellung, um erinnert zu werden – auch um der historischen Relativierung willen.

La Marseillaise. Im Musée d’Art moderne et contemporain, Strasbourg; bis zum 20. Februar 2022. Der Katalog kostet 25 €.

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