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Frauenplan 1 ist die wohl bekannteste Anschrift deutscher Geistesgeschichte. Hier lebte Johann Wolfgang von Goethe fast fünfzig Jahre bis zu jenem 22. März 1832, als der Zweiundachtzigjährige kurz vor der Mittagsstunde im Sessel seines Schlafzimmers starb. Er hinterließ mehr als fünfzig Millionen geschriebene Zeichen – mit Feder und Tinte selbst zu Papier gebracht oder diktiert –, hatte vierzigtausend Kilometer zu Fuß, per Kutsche oder Pferd zurückgelegt, mehr Zeitgenossen kennengelernt, als die Stadt Weimar Einwohner hatte, und fast siebzehntausend Briefe an 1400 Empfänger verfasst.
Er hinterließ 2100 eigene Zeichnungen, 26.000 gesammelte Kunstobjekte und 23.000 Naturalien. Nicht zuletzt in seinem Wohnhaus setzte der Schriftsteller, Dramatiker, Naturforscher, Staatsbeamte, bildende Künstler, Kommunikator, Organisator, Inspirator und Förderer die Gegensätze seines Lebens ins Werk: Weltläufigkeit und lokale Verbundenheit, Sinnlichkeit und Intellektualität, höfische Etikette und unbürgerliche Liebe, emphatische Freundschaft, Unnahbarkeit.
Kein Wunder, dass um das Weimarer Haus, diese Goethe-Bühne, sich bereits im neunzehnten Jahrhundert, als es sich noch in Privatbesitz befand, ein regelrechter Memorialkult entwickelte. Doch erst 1885, als Goethes letzter, kinderloser Enkel Walther starb und das Haus in den Besitz des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach überging, wurde es öffentlich zugänglich. Seit 138 Jahren wird hier nunmehr Goethes gedacht und dabei der widersprüchliche Versuch unternommen, den vermeintlich authentischen Zustand eines Hauses zu konservieren, das Goethe selbst über die Jahrzehnte immerzu neu erfand. Heute besichtigen jährlich 100.000 Besucher – die Hälfte davon sind Schüler – das Goethe-Nationalmuseum mit dem Wohnhaus und der benachbarten Dauerausstellung „Lebensfluten – Tatensturm“.

Johann Wolfgang von Goethe
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Bild: Klassik Stiftung Weimar Fotothek
Ob Goethe sich sein Wohnhaus als musealen Erinnerungsort vorstellen konnte, ist nicht überliefert. Hinterlassen oder verfügt hat er dazu nichts. Auch das bereitet der Klassik Stiftung Weimar Kopfzerbrechen, die derzeit vor einer großen Aufgabe steht: Das Goethehaus bröckelt seit Jahren vor sich hin. Zuletzt in den Achtzigerjahren überholt, noch zu DDR-Zeiten also, besteht heute dringender Handlungsbedarf. Eine grundlegende Sanierung soll das Haus ertüchtigen und zukunftsfest machen und im Zuge dessen die Präsentation erneuert, oder besser: von ihren vielfachen Erneuerungen entlastet werden. Denn seit Goethes Tod wurden ja nicht nur er, sondern auch sein Haus immerzu und je nach Epoche anverwandelt. Selbst Hitler hatte seinerzeit hohe Summen für den Erweiterungsbau des Museums bereitgestellt (samt Büste von sich im Eingang), obwohl die NS-Ideologie stets mit Goethes Weltbild fremdelte.
Der Zahn der Zeit am Werk
Petra Lutz, die Kuratorin und Projektleiterin, die vor zwei Jahren nach Weimar geholt wurde, um die museale Neukonzeption zu entwickeln, sprüht vor Tatendrang, wenn sie beim Rundgang durchs Haus die Goethe-Rezeption kommentiert und erklärt, zu welchen Veränderungen diese hier geführt hat. Manchmal aber war einfach nur der Zahn der Zeit am Werk.

Christiane von Goethe
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Bild: Klassik Stiftung Weimar
Die Medusa etwa, die Goethe zentral ans obere Ende des Stiegenhauses platziert hatte, wo sie bis heute als Original hängt, wirft ihren zornigen Blick nicht wie ehedem aus strahlendem Blau, sondern aus einem bräunlich matten Hintergrund auf den Besucher. In welchen Zustand soll die Zeichnung zurückrestauriert werden? Diese Frage beschäftigt Petra Lutz wie der Umgang mit dem gesamten Treppenhaus, das Goethe nach seiner Rückkehr aus Italien nach eigenen Entwürfen gestalten ließ.
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