„Das Herz ist ein Muskel“
„Charlatan“, Agnieszka Hollands Biographie eines tschechischen Heilers, ging im vergangenen Jahr ins Rennen um den Teddy Award, den LGBTIQ-Filmpreis der Berlinale. Das ist bei dem von Jan Hrebejk elegant ruhig, visuell kraftvoll und physisch intensiv inszenierten tschechisch-französisch-deutschen Film „Veteran“ kaum vorstellbar, obwohl das Drehbuch derselben Feder entstammt. In diesem Fall hat Marek Epstein sogar ein eigenes Theaterstück adaptiert. Die vordergründige Thematik – Schuld, Sühne, moralische Rigorosität sowie das Ringen um Vergebung – bewegt sich dabei auf der Höhe des Soldatendramas seit Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“, bloß dass der Protagonist, der hier nach zwanzig Jahren in der französischen Fremdenlegion ins tschechische Brno zurückkehrt und sich neu zurechtfinden muss, nur partiell durch seinen Kriegseinsatz traumatisiert ist – das schon auch, es gab einen Hubschrauberabsturz in der Wüste –, vor allem aber dadurch, zu begreifen, dass er eine formal verjährte Schuld aus seiner Jugend, die ihn erst in die Legion trieb, noch nicht aufgearbeitet hat. Die Zeit in Uniform war gar keine Buße, wie es ihm vorkam, sondern eine lange Flucht.
Zwanzig Jahre, da scheint Martin allerdings auch einige Neujustierungen am Maskulinitätskonzept verpasst zu haben, auch in Tschechien. Es ließe sich sagen, dass dem Drehbuch selbst etwas Veteranenhaftes eignet, denn es umkreist einen gebrochenen Helden im Wortsinne, eine fast abgeschmackt männliche Identifikationsfigur, wie es sie heute kaum noch gibt. Milan Ondrik, der Martin ansprechend undurchschaubar zwischen selbstgewisser Coolness, zielstrebigem Elan und innerlich brodelnder Verzweiflung spielt, ist bereits physiognomisch eine Mischung aus Daniel Craig und Wladimir Putin, was hier ausgiebig zur Geltung kommen darf, denn der Protagonist trägt nicht nur durchgehend lässige Militär-Freizeit-Mode auf – enges weißes Shirt, Lederjacke, Armeehose, baumelnde Erkennungsmarke –, sondern verbringt in diesem Shabby-Mucki-Chic jede freie Minute mit Liegestützen, Klimmzügen, Extremjogging oder Vollkontaktkämpfen, die ihm etwas Geld einbringen. Das Ersparte nämlich ging für die Schulden der verstorbenen Mutter drauf oder steckt in einer unkündbaren Fonds-Anlage.
Martin braucht das Geld, um ein einladend arabisch anmutendes Café zu eröffnen. Eigenhändig baut er dafür ein Rattenloch um. Es versteht sich, dass der Alleskönner auch noch astreine Falafel zu brutzeln versteht. Martin ist nicht nur wortkarg und ernst wie eine Clint-Eastwood-Figur, sondern – da blitzt seine unterdrückte Wut auf – allergisch gegen Ungerechtigkeiten wie gegen naives Gutmenschentum. Die mit einem saufenden Versager (Jan Kolarik) verheiratete Schwester (Eva Bandor) hat in ihm einen Beschützer gefunden: „Wenn du sie anfasst, dann brech ich dir den Daumen.“ Aber auch einem Wildfremden, der auf der Straße verprügelt wird, kommt unser Faustrechtler zu Hilfe. Zufällig war das Opfer (Vincent Navratil) der Sohn des stellvertretenden Bürgermeisters (Pavel Kriz), was Martin nicht nur Zugang zu einer der reichen Familien der Stadt verschafft, sondern auch zum reinen Herzen der schüchternen Tochter (Marie Poulova).
Der Vater, keineswegs gewillt, die geliebte Sara einem „Söldner“ zu überlassen, der ihm Kautabak auf die Terrasse rotzt, stochert nun in Martins Vergangenheit. Das könnte sich, untermalt von formidabler Musik und reizend gespielt (vor allem von Poulova), interessant entwickeln, wenn all diese Identitäten nicht derart unreflektiert blieben. Allein um die wenig originelle innere Entwicklung des Helden geht es, die restlichen Figuren erinnern an antiquierte Abziehbilder. Als erotische Urgewalt bricht der unbestechliche Heimkehrer in die dekadente, traurige Welt der Wohlhabenden ein. Wie „ein Magnet“ wirkt er nicht nur auf die hingerissene Sara, sondern auch auf ihre verbitterte Schwiegermutter (Alena Antalova) und ihren Martin ebenfalls anhimmelnden Bruder, den seine Homosexualität offenbar zum Zyniker gemacht hat: „Du bist ein frustrierter kleiner Kobold und ich eine verwöhnte Schwuchtel.“
Der finale Kampf wird äußerst viril ausgefochten, zwischen Vater und Freier, dann zwischen Martin und seinen Dämonen, denen er mehr als nur den Daumen zu brechen erlaubt. Dahinter steht eine atavistische Vorstellung von Sühne: Der Held musste zunächst etwas erringen, das ihm emotional wichtig ist, musste das Glück wittern, um zu wissen, was Verlust bedeutet. Hätte Epsteins Buch Martins Charakter über die Aufspaltung in Schuld und Läuterung hinaus etwas ambivalenter angelegt und hätte er die übrigen Figuren nicht zu bloßer Staffage degradiert, „Veteran“ hätte ein richtig guter Film werden können. So ist es vor allem verschwitzter Männerkitsch.
Veteran läuft an diesem Freitag um 20.15 Uhr auf Arte.
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