#Das Hochwasser in Italien steigt weiter

Welche dramatische Folgen schwere Regenfälle und Überschwemmungen in einer dicht besiedelten Gegend haben können, zeigt sich in erschreckender Weise seit Mittwochmorgen in Norditalien in der Region Emilia Romagna: Aufgrund von plötzlich einsetzendem Hochwasser ist bis zum Mittwochabend die Bilanz der Toten auf neun Menschen gestiegen; 21 Flüsse sind über die Ufer getreten und mehr als 30 Kommunen wurden überschwemmt.

„20.000 Menschen müssen noch evakuiert werden“, berichtete der Präfekt von Ravenna, Castrese De Rosa. Etwa halb so viele seien bis zum Mittwochabend schon an sichere Orte gebracht worden. „Immerhin hat es aufgehört zu regnen, doch das Hochwasser steigt weiter“, sagte De Rosa, denn der Druck aus den Flüsse sei weiter hoch. Die Behörden riefen die Menschen, die sich noch in ihren Häusern befinden, dazu auf, sich nur in den höheren Stockwerken aufzuhalten. Sie sollten sich selbst in Sicherheit bringen und nicht daran denken, ihre Habseligkeiten zu retten, sagte der Bürgermeister von Forlì, Gian Luca Zattini. Auf Facebook schrieb er von einer Lage, die „dem Ende der Welt“ gleiche.

An vielen Orten ging nicht unmittelbar vom Wasser die Gefahr aus, sondern von der Erde. Rund 250 Erdrutsche wurden gezählt. In der Nähe von Cesena wurde ein Mann von den Erdrutschen mitgerissen, als er sich in seinem Garten befand.

„In anderthalb Tagen hat es praktisch so viel geregnet wie sonst in drei Monaten“, berichtete der Meteorologe Edoardo Ferrara vom italienischen Wetter-Portal „3bMeteo“. Ein ungewöhnlich starker Wirbelsturm im Mittelmeerraum gilt als Auslöser der schweren Regenfälle. Innerhalb von 36 Stunden seien zwischen Bologna und der Ebene der Romagna mehr als 120 Millimeter Regen gefallen – mehr als das Doppelte der Menge, die im gesamten Monat Mai fallen sollte. Ein Millimeter Niederschlag entspricht einem Liter pro Quadratmeter. In den Apenninen wurden Spitzenwerte von mehr als 200 Millimetern gemessen. Besonders betroffen sind Städte wie Imola, Faenza, Cesena und Forlì. Die Katastrophe ist noch nicht ausgestanden: Zumindest bis zum Wochenende müsse man in weiten Teilen Italiens mit weiteren Regenfällen und Gewittern rechnen, berichtet der Wetterdienst. „Atmosphärische Instabilität“ könne den ganzen Mai anhalten.

Unterdessen bieten sich dramatische Bilder aus den betroffenen Gebieten. In der Gemeinde Castrocaro Terme in der Provinz Forlì-Cesena mussten zwei Neugeborene mit Hubschrauber gerettet werden. Ältere Personen wurden auf den Schultern von Helfern getragen, denen das Wasser buchstäblich bis zum Hals stand. In Cesena waren die Menschen gezwungen, auf die Dächer zu klettern, um auf die Rettung durch Hubschrauber zu warten. In Faenza bedeckte das Wasser das Stadtzentrum; dort hatte es schon am 3. Mai Hochwasser gegeben.

Wo das Wasser abgeflossen ist, blieben dichte Matschschichten auf den Straßen zurück sowie umgeworfene Autos und aufgebrochener Asphalt. In den sozialen Netzwerken häuften sich Hilferufe von Menschen, die evakuiert werden wollten. Brücken sind eingestürzt, viele Autos waren komplett überschwemmt.


In Bologna und anderen betroffenen Gemeinden blieben die Schulen am Mittwoch geschlossen. Die Autobahn A14 an der Adria wurde stellenweise geschlossen. Am Nachmittag konnte der Abschnitt zwischen Bologna San Lazzaro und der Abzweigung bei Ravenna in Richtung Ancona wieder freigegeben werden. Andere Abschnitte blieben gesperrt, was zu langen Staus führte. Erdrutsche blockierten auch etliche Straßen. Viele Bürgermeister riefen dazu, von Ortswechseln und Reisen abzusehen.

Dass das Formel-1-Rennen des Großen Preises von Imola abgesagt wurde, überraschte da niemanden. Der Präsident der Region Emilia-Romagna, Stefano Bonaccini verglich die Hochwasserkatastrophe mit einer Serie von Erdbeben, welche die Region vor elf Jahren erschütterte. „In einigen großen Gebieten sind in den letzten 24 Stunden bis zu 300 Millimeter Wasser gefallen“, berichtete er – eine Menge, die in dieser Gegend noch nie gemessen wurde.

Der Präsident der Republik, Sergio Mattarella, hatte ihn am Morgen angerufen, um der betroffenen Bevölkerung seine Solidarität und die nötigen Unterstützungsmaßnamen zu versprechen. Die Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, die sich beim G-7-Gipfel in Japan aufhält, stehe in permanentem Kontakt mit ihrem Staatssekretär Alfredo Mantovano und den zuständigen Ministern steht, hieß es am Regierungssitz des Palazzo Chigi. Für den kommenden Dienstag hat die Regierung eine Kabinettssitzung angesetzt, die sich mit den Überschwemmungen beschäftigen soll.

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