#Das Lastenrad wird zum Boliden
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Nirgends zeigen sich die Gräben, welche die Debatte um die Mobilitätswende aufwirft, klarer als bei der Frage, wem in Zukunft die Straßen unserer Innenstädte gehören sollen: dem Auto oder dem Fahrrad? Der vermeintliche Kulturkampf reicht am vergangenen Wochenende bis an den Eingang des Frankfurter Messegeländes. Eine Armada von Leihfahrrädern und E-Rollern steht da, ausnahmsweise ordentlich aufgereiht, neben der Zufahrtsstraße. Nicht einmal zehn Meter entfernt, auf der anderen Straßenseite, wartet ein langer Konvoi von Taxis. Als würden sich die Fortbewegungsmittel um die Gunst der Besucher streiten.
Hinter den Eingangstüren Europas größter Fahrradmesse „Eurobike“ eröffnet sich eine Welt frei von Verbrennungsmotoren und Widersprüchen. Lastenräder, Mountainbikes und futuristisch anmutende Zweiräder bewegen sich im Einklang über die Teststrecke im Außenbereich der Messe. Keine Abgase, kein Gehupe, keine Autofahrer, die einem die Vorfahrt verweigern. Sieht so also die Zukunft aus? Firmen aus aller Welt sind da, ein Stand reiht sich an den nächsten. Das Publikum ist bunt gemischt, aber größtenteils jung. Es geht um Innovationen und „Future Mobility“, aber auch um Stil und die Frage, ob das Fahrrad das Zeug zum Statussymbol hat.
Wer ist der Schnellste auf dem Lastenrad?
„Car is over“, proklamiert ein Werbebanner eines Lastenfahrradherstellers. Davor reihen sich drei Männer mit ihren Lastenrädern an einer Startlinie auf. Es ist das Viertelfinale des „2023 Cargobike Eurocup“. Das Lastenrad als vermeintliches Symbol eines modernen, umweltbewussten Spießbürgertums wird zum Rennboliden. Ein junger Mann – Sporthose und Tennissocken, oben Hemd und Fliege – moderiert die Veranstaltung. Die Regeln: eine Runde ohne Last, drei mit und noch eine ohne.
Faltrad der Firma Carlo Eurobike
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Bild: Michael Hinz
„3,2,1, Cargo!“, dann treten die Männer in die Pedale. Nach der ersten Runde halten sie nacheinander an der Beladungsstation. Die Utensilien scheinen mehr oder weniger an den Alltag des jungen Großstadt-Vaters angelehnt: Eine Wasserkiste, ein Campingstuhl und eine Poolnudel werden in Windeseile und unter frenetischer Anfeuerung auf die Staufläche des Rads bugsiert. Der junge Mann mit dem Mikrofon kommentiert das Intermezzo wie einen Boxenstopp bei der Formel 1: „Leichter Zeitverlust bei Micky“ – er wird das Rennen als Letzter beenden. Malte („kommt sehr gut raus“) setzt sich entscheidend ab und erringt sein Startrecht im Halbfinale.
Ein Besucher der Eurobike Messe fährt auf der Teststrecke ein dreirädriges Lastenrad probe.
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Bild: Michael Hinz
Eine Zweiradfraktion, die auch sonst keine Probleme hat, ein sportlich-lässiges Image zu pflegen, trifft sich gegenüber: Eine Gruppe BMX-Fahrer hockt auf einer Rampe und beobachtet eine junge Gleichgesinnte dabei, wie sie über den Parcours brettert und in luftige Höhen springt. Davor steht eines der wenigen Vierräder, die auf dem Messegelände zu sehen sind. Aus dem mit riesigen Lautsprechern ausgerüsteten Panzerfahrzeug eines Brausedrink-Herstellers dröhnt laute Technomusik.
Ruhiger geht es auf den Ausstellungsflächen in den Messehallen zu. Unter den Produkten und Werbeslogans der Hersteller finden sich immer wieder Reminiszenzen an das motorisierte Fahrzeug, als müsse man überwunden geglaubte, aber tief verhaftete Bedürfnisse ansprechen. Ein „Heritage-Bike“ ist der Optik eines Oldtimer-Motorradgespanns nachempfunden, der Hersteller verspricht, „keine Kompromisse bei Stil, Qualität und Ergonomik“ gemacht zu haben. Kostenpunkt: knapp 10.000 Euro. Das Premiummodell einer österreichischen Holzräder-Manufaktur ist der „MyEsel eSUV“. Einer der Angestellten leitet sich den Begriff anhand der Tatsache her, dass das Velo ein reines Stadtfahrrad sei.
Rücklicht des Kinderfahrrads der Firma Li:on
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Bild: Michael Hinz
Wettkampf um die Reichweite
Auch unter einem der unzähligen Anbieter von elektrischen Fahrradmotoren findet sich ein „eSUV“-Modell. Es ist das mit der höchsten Leistungsfähigkeit, bis zu 500 Watt erzeugt das Fabrikat des chinesischen Herstellers. Damit könne man bis zu hundert Kilometer zurücklegen, verspricht ein Verkäufer. Der Wettkampf um die größtmögliche batteriegestützte Reichweite treibt die Fahrradbranche sichtlich um. An den meisten Ständen in Halle 9 werden keine Räder, Helme oder Sattel zur Schau gestellt, sondern kleine schwarze Boxen, aus denen bunte Kabel ragen. In den Vereinigten Staaten seien die starken E-Motoren sehr beliebt, erzählt der Verkäufer. In Deutschland kann er den „eSUV“ hingegen nicht verkaufen: Mehr als 250 Watt sind nicht erlaubt. Kann das Fahrrad so das Freiheitsversprechen des Autos ablösen?
Einer, dem sein Fahrrad viel Freiheit zu schenken scheint, ist Liam. Er ist gekleidet wie ein Bergbauer aus dem Allgäu, kommt aber eigentlich aus Kanada. Sein „Camping Companion“ ist ein Rad gewordenes Wohnmobil. Zwischen Sattel und Lenker befindet sich ein Aluminiumring mit einem Durchmesser von etwa anderthalb Metern, aus dem sich ein Feldbett ausklappen lässt. Das Rad ist geschmückt mit Blüten und Federn. An seiner Seite hängt eine Handtrommel, oberhalb des Vorderreifens ist ein Wurfzelt montiert. Mit seinem „kreativen Portal“ sei er schon mehrere Wochen unterwegs gewesen. Zusammen mit einem Mitstreiter sucht er nach Geschäftsleuten, die in das Konzept investieren wollen.
Am späten Nachmittag scheinen die meisten der Leihräder und E-Roller vor dem Messegelände noch am selben Platz zu stehen. Die Taxis reihen sich mittlerweile so weit die Zufahrtsstraße entlang, dass man das Ende der Schlange nicht mehr erkennen kann.
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