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Wenn der Name Seguin fällt, das wussten schon die Franzosen des späten 18. Jahrhunderts, dann muss man sich auf Überraschungen gefasst machen, auf gute und weniger gute. Denn der Chemiker, Forscher und Geschäftsmann Armand Jean François Seguin muss, nach allem, was wir von ihm wissen, ein exzentrischer und seltsamer Mensch gewesen sein. Er erforschte die menschliche Atmung und die Wirkung von Opium, ging gern in Pantoffeln auf Empfänge und veröffentlichte Broschüren mit Finanztipps.
Und weil er auch gern mit Menschen experimentierte, ließ er einmal, wenn wir seinem Biographen Arthur Lévy glauben dürfen, direkt vor seinen eigenen Gästen auf seinem Anwesen ein Überraschungsfeuerwerk zünden. Als die Gäste in Panik vor dem Krach und den herumfliegenden Funken davonrennen wollten, stürzten sie allerdings in gut getarnte Jagdfallen, die Seguin vorher hatte ausheben lassen. Trotz solcher Charakterdefekte trägt die rund ein Kilometer lange Insel in der Seine westlich von Paris, die er sich 1794 kaufte, bis heute seinen Namen.
Berühmt wurde sie allerdings wegen einer anderen Person: Nach dem Ersten Weltkrieg kaufte der Autofabrikant Louis Renault sie, um hier eine Fabrik zu errichten, die bis 1992 in Betrieb blieb und Teil des kollektiven Gedächtnisses Frankreichs wurde. 1936 besetzten Anhänger der Volksfront die Fabrik, 1970 sprach Jean-Paul Sartre hier zu den Arbeitern. Gleichzeitig war Renault aber auch seit 1945, nachdem man den Kollaborateur und Antisemiten Louis Renault enteignet hatte, ein Staatsbetrieb, der sich um das Wohl seiner streikfreudigen und kämpferischen Arbeiter verdient machte und nicht nur maßgeblich zum industriellen, sondern auch zum sozialen Fortschritt Frankreichs beitrug.

Als Renault 1992 die Insel aufgab, wurde die alte, lichte Fabrik aus den Zwanzigerjahren, eines der schönsten und wichtigsten Industriedenkmäler Frankreichs, zu einem beliebten Ort der Pariser Jugend, die hier Feste feierte und Graffiti hinterließ. Doch nach der damals noch sorglosen Logik von Abriss und Neubau wurde die lange Halle schließlich 2004 abgerissen, um die Insel als teures Bauland zu vermarkten. Der Luxus-Unternehmer François Pinault wollte hier einen Palast für seine private Kunstsammlung errichten, zog aber wegen bürokratischer Hindernisse und andauernder Proteste irgendwann entnervt ab nach Venedig, wo er die Punta della Dogana für seine Sammlung umbauen ließ.
Als Paris sich die Kugel gab
Danach wurde der Architekt Jean Nouvel mit einem Masterplan beauftragt. Er plante fünf Wolkenkratzer, ein Mini-Manhattan mit Kulturzentrum, doch die Anwohner protestierten, und der Bürgermeister knickte ein, wieder passierte nichts. 2017 eröffnete am nördlichen Ende der Insel die von Shigeru Ban entworfene Seine Musicale, ein Konzertsaal mit Brettschichtholz-Tragewerk, der jetzt dort wie eine in Kürbisform gepresste Discokugel liegt und um den ein mobiles Sonnensegel zur Energiegewinnung kreist.
Für das untere Ende der Insel gab es weiterhin viele Vorschläge, darunter ein Digitalcampus von Bolloré, ein Krebsforschungsinstitut und ein europäisches Gegenwartskunstzentrum. Schließlich sicherte sich aber der Immobilienunternehmer und Kunstsammler Laurent Dumas die Spitze der Insel und beauftragte nach Rücksprache mit dem Bezirksbürgermeister ohne jeden weiteren öffentlichen Wettbewerb die Architekturbüros RCR und CALQ mit einer 450 Millionen Euro teuren Bebauung. Dumas ist Gründer einer Immobilienfirma, die Emerige heißt (von „aimer“ und „ériger“, was so viel wie „Liebe zum Errichten“ bedeuten soll) und sich auf lukrative Quartiersentwicklungen spezialisiert hat, die man auch als Verwandlung normaler Stadträume in teils sterile, teils verrückt überdesignte Luxushabitate kritisieren kann.

Seine Immobilienprojekte stattet Dumas gern mit Gegenwartskunst aus. Seit Langem interessiert er sich auch für die Umnutzung von Bestandsimmobilien, etwa die Umwandlung von Büros in Wohnraum. Das könnte er vielleicht bald an seinem eigenen Projekt praktizieren – denn auf der Seine-Insel, auf der eigentlich ein Kulturort von der Strahlkraft eines kleinen Centre Pompidou entstehen sollte, ließ Dumas selbst mehrheitlich Büros bauen. Dazu kommt ein Pathé-Kinokomplex, Gastronomie, ein Hotel und, als Herzstück, ein 5000 Quadratmeter großer, Le Large genannter Ausstellungsort. Der macht etwa zehn Prozent des Gesamtbauvolumens aus – und wurde jetzt mit einer von Cecilia Alemani kuratierten sehenswerten Ausstellung eröffnet. Sie heißt „Moteur Imaginaire“ und widmet sich der Kunst- und Kulturgeschichte des Autos als ästhetischem Fetischobjekt, als sozialer Ermöglichungsmaschine und als ökologischem Problem.

Da gibt es Werke aus der großen Kunstsammlung des Autokonzerns zu sehen, Robert Doisneaus beeindruckend gegenlichtige, an einen Film noir erinnernde Fotografien des Lebens der Renault-Arbeiter in der Fabrik aus der Mitte der Dreißigerjahre zum Beispiel. Dazu kommt Op-Art von Vasarely, der 1972 auch das Logo von Renault gestaltete und so jedem Autokunden ein kleines Readymade-Kunstwerk mitgab – wie überhaupt die Firma sich für die ästhetische Erziehung der Arbeiter einsetzte: Die Kantine zierte ein farbenfrohes umlaufendes Werk von Julio Le Parc, das jetzt im Large zu sehen ist. Von Thomas Bayrle ist eine burlesk schöne, an Jacques Tati erinnernde Arbeit zu sehen, in der zwei auf ein Gestell montierte Scheibenwischer hin- und herfuchteln und aussehen wie die Arme eines wild gestikulierenden Menschen oder Roboters.

Randa Maroufi inszeniert Mechanikerinnen in der traditionellen Männerdomäne der Autowerkstatt und denkt über Rollenvorstellung und das Auto als Objekt weiblicher Selbstermächtigung nach, wie auch Shirin Aliabadi aus Teheran, die zeigt, wie dort für Frauen das Herumfahren und Cruisen im Auto die einzige Möglichkeit ist, auszugehen, zu flirten, gemeinsam die Stadt zu erobern. Mohamed El Khatib stellt einen überladenen grünen Renault 12 in die Halle, die an die Heimreisen der Gastarbeiter und ihre Schicksale erinnert. Alemani bereichert ihre kluge Ausstellung mit erstaunlichen Funden – so haben streikende Renault-Arbeiter aus Fahrzeugteilen Figuren und Skulpturen angefertigt und eine geheime, nie öffentlich gezeigte Kunstproduktion betrieben. Das ist die gute Nachricht vom Large: Die erste Ausstellung dort ist ein Erfolg.

Das kann man über die Architektur des Large, das rechtlich eine Association Loi 1901, also ein gemeinnütziger, steuersparfähiger Verein ist, nicht unbedingt sagen. Sie bildet eher den Geschmack und die Zwänge einer globalen Immobilieninvestment-Kultur ab: Weil viel Bürofläche entstehen sollte, legten die Architekten zwei von Durchblicken auf die Seine unterbrochene Riegel an die Außenkanten der Insel, in der Mitte führt eine Art Fußgängerzone auf den eigentlichen Ausstellungsbau zu.
Die Architekten dekorieren ihre eher einfallslosen Büroriegel mit rostigem Cortenstahl, der an die industrielle Vergangenheit des Orts erinnern soll und halb albern, halb zynisch wirkt: Dort, wo eine stählerne Fabrik abgerissen wurde, baut man nun mit erheblichem Aufwand in rostig vorpatinierter Industrieoptik eine Hommage an die Fabrik. Insgesamt sieht die Bebauung aber aus wie ein stark angerosteter Teil des Frankfurter Europaviertels. Andere Architekturbüros hätten an dieser Stelle einen Kultur- und Begegnungsort des digitalen Zeitalters, ein kollektives Wohnzimmer für die Neubauviertel der Umgebung entwerfen können.
Wer entscheidet, was Kultur ist: private oder öffentliche Institutionen?
Aber wenn der Staat ein solches Gelände nicht für sich reklamiert, kommt eben der übliche deprimierende Nutzungsmix aus Kino, Gastro und Büro heraus, mit angedockter wertsteigernder Kultur: Von den rostigen Büroriegeln setzt sich das Ausstellungshaus Le Large mit einer schimmernden Schuppenhaut aus rosé-goldenen, eloxierten Aluminiumkacheln ab. Es türmt sich über einem eher dunklen, haushoch mit Beton überbauten und zugigen Vorplatz mit anschließender Freitreppe zur Seine auf, wo riesige Betonflächen, viel Stahl und viel Glas dominieren und trotzdem ein Gefühl von Enge entsteht. Der zwischen den Büroriegeln und einem nichtssagenden Hotel an der Inselspitze eingezwängte, schimmernde Large-Bau sieht aus, als habe man einer KI befohlen, Teile von Gehrys Bilbao-Bau mit einem rosé-goldenen iPad und einer hochglanzpolierten Autokarosserie zu irgendwas Skulptural-Interessantem zu verwursten.

Die Empfangshalle des Ausstellungsortes, die man dann betritt, erinnert in ihrer weißputzigen Kargheit aber eher an eine überdimensionierte Sparkassenzentrale, an Etwas-das-sich-auch-rechnen-muss. Immerhin kann man sich hier kostenlos aufhalten, und vielleicht wird die lokale Jugend draußen Skateboard fahren und drinnen das kleine Treppen-Auditorium als kollektives Wohnzimmer in Beschlag nehmen – oder mit der atemraubend langen und steilen Rolltreppe über mehrere Etagen zum Café auf der Dachterrasse fahren, auf der man einen sehr schönen Blick auf die Seine und ihre Hügel hat.
Das Large, das vom Wasser aus wie eine Fabrikhalle mit angedockten surrealen Wellen- und Schiffsmotiven wirkt, hat auf der Brücke oben einen kleinen, hoch gelegenen Park für die Nachbarschaft eingerichtet – immerhin. Dass man mit einer halben Milliarde etwas ganz anderes bauen könnte, ist ein anderes Thema. In einer Welt, in der Renditeüberlegungen von Immobilienkonzernen nicht nur einzelne Gebäude, sondern auch das prägen und definieren, was an „öffentlichem Raum“ überhaupt übrig bleibt, müssen die Bürger schon mit solchen Wohltaten zufrieden sein. Ein Grund, nach Boulogne-Billancourt zu reisen, ist der Gebäudekomplex nicht – die Ausstellung dort aber schon.
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