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Wer einen Kredit vergibt oder eine Versicherung verkauft, macht sich vom Handeln anderer abhängig: Die Bank muss mit Zahlungsausfall rechnen, das Versicherungsunternehmen mit Schadensfällen. Die Preisbildung beginnt deshalb nicht mit den eigenen Kosten, sondern mit einer Risikoabschätzung. Man kann diese Unsicherheit kollektivieren – wie in der gesetzlichen Krankenversicherung – oder sie aus Zahlungs- und Schadensgeschichten berechnen und individuell einpreisen, etwa über Zinssätze, Schadenfreiheitsrabatte oder – in der privaten Krankenversicherung – über altersabhängige Tarife und Risikozuschläge.
Mehr Daten und leistungsfähigere, KI-gestützte Algorithmen versprechen immer genauere Prognosen. Für manche Kunden kann sich das auszahlen: Wer über Telematikdaten umsichtiges Fahren dokumentiert, darf auf einen Bonus hoffen. Doch die Umstände, unter denen man den Kredit nicht bedienen kann oder die Krankenversicherung in Anspruch nehmen muss, entziehen sich oft der eigenen Kontrolle. Aus größerer Prognosegenauigkeit folgt noch keine größere Gerechtigkeit.
An dieser moralischen Sollbruchstelle setzt eine kürzlich veröffentlichte Studie an. Sie untersucht, wer risikobasierte Preise für fair hält – und warum. Die Regel, Prämien und Zinsen an den erwarteten Schäden und Risiken auszurichten, findet in vielen Kredit- und Versicherungsverträgen Anwendung. Das heißt jedoch nicht, dass alle sie für gerecht halten.
Unternehmensversteher und Kundenversteher
Repräsentative Umfragen zeigen vielmehr einen stabilen Einkommensgradienten: Befragte mit höherem Einkommen finden es häufiger fair, Autofahrern mit Unfällen höhere Prämien, Kreditnehmern mit schlechter Zahlungshistorie höhere Zinsen und Rauchern höhere Beiträge zu berechnen. Der Zusammenhang bleibt bestehen, wenn politische Orientierung, Bildung, Beschäftigung und der erwartete eigene Vorteil berücksichtigt werden. Es handelt sich also nicht nur um die Neigung, jene Regel für gerecht zu halten, von der man selbst zu profitieren glaubt.
Die beiden New Yorker Soziologinnen Barbara Kiviat und Carly Knight erklären den Unterschied mit „selektiver Empathie“. Wer einen Preis beurteilt, orientiert sich entweder am Unternehmen, das Kosten begrenzen will, oder am Kunden, der den Aufschlag trägt. In einer auf diesen Zusammenhang abzielenden Befragung zeigten Einkommensstärkere tatsächlich mehr kognitive und affektive Empathie für Versicherungsunternehmen und weniger für Kunden, die als kostenträchtig gelten: Je stärker das Verständnis für das Unternehmen, desto gerechter erschien die Preisdifferenzierung.
Dieser Befund wurde mithilfe eines Experiments erhärtet: Die Teilnehmer sollten zunächst entweder über einen Kreditnehmer oder über eine Bank nachdenken und anschließend die Fairness individuell angepasster Kreditzinsen beurteilen. Wer die Bank im Kopf hatte, hielt risikobasierte Zinsen häufiger für fair; wer die Person vor Augen hatte, seltener. Die Perspektivenübernahme verschob das Urteil – zumindest für die konkrete Entscheidungssituation.
Die Autorinnen interpretieren dies als Ausdruck klassenspezifischer Gerechtigkeitsvorstellungen. Die eigene wirtschaftliche Lage prägt die Perspektive. Wohlhabendere sehen den Markt deshalb eher mit Unternehmensaugen, weniger Begünstigte mit denen der Kunden. Die Disposition folgt der Position.
Womöglich hängt die Richtung der Empathie jedoch nicht unmittelbar von der Klassenlage ab, sondern von der Frage, wem Entscheidungsfähigkeit zugerechnet wird. Wird ein möglicher Schaden als Folge einer eigenen Entscheidung aufgefasst, erscheint er als Risiko; als Gefahr dagegen, wenn er der Umwelt oder den Entscheidungen anderer zugerechnet wird. Der individualisierte Tarif behandelt erwartete Mehrkosten als Folge zurechenbaren Kundenverhaltens: verspätete Zahlungen, riskantes Fahrverhalten, Rauchen. Eine Grippe oder eine betriebsbedingte Kündigung lassen sich hingegen schwerlich als Resultat eigener Entscheidungen verbuchen.
Die Klassendifferenz könnte in den Erfahrungen liegen, aus denen solche Zurechnungen hervorgehen. Wer biographisch und beruflich daran gewöhnt ist, den Lauf der Dinge als Folge eigener Entscheidungen aufzufassen, erlebt Unsicherheit eher als Risiko – und rechnet auch fremde Schäden leichter einem Entscheider zu. Wer dagegen häufiger von Entscheidungen anderer abhängig ist, begegnet Unsicherheiten eher als Gefahren. Selektive Empathie wäre dann nicht die eigentliche Ursache, sondern der affektive Nachhall einer habitualisierten Zurechnungsweise. Die einen sehen Entscheider, die Risiken eingehen; die anderen Betroffene, denen die Umstände zum Verhängnis werden. Je nach Perspektive erscheinen risikobasierte Preise als Instrument individueller Optimierung oder als zusätzliche Belastung. Sie verteilen nicht nur Kosten, sondern auch Verantwortung.
B. Kiviat und C.R. Knight (2026): Seeing Like a Company or a Customer: Selective Empathy in Pricing. American Sociological Review 91 (1), S. 55–88.
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