Inhaltsverzeichnis
Wissensbuch des Jahres 2025 in der Kategorie UNTERHALTUNG
Einmal die Welt von außen sehen – wie wundervoll muss das sein! Von diesem augenöffnendem Wunder erzählt Samantha Harvey in ihrem Roman, in dem sie uns teilhaben lässt an den Gedanken, Empfindungen und Gesprächen von sechs Astronauten in einer Raumstation in 400 Kilometern Höhe. Innerhalb eines Tages umkreisen sie sechzehnmal unsere Mutter Erde, diese „blue marble“, die so einzigartig wirkt (und vielleicht auch ist), wie sie im Dunkel des Universums ihre Bahnen zieht. Angesichts der Größe des Alls sind 400 Kilometer ein Nichts, aber schon diese geringe Distanz, dieses kleine Erheben über die Grasnarbe, genügt – für eine völlig neue Perspektive aufs Dasein.
Samantha Harvey kriecht förmlich in die Köpfe dieser vier Männer und zwei Frauen in ihrer scheinbaren Schwerelosigkeit, dass sie uns glauben lässt, selbst dabei zu sein. Dabei zu sein, wenn ein aufziehender Tornado eine Ästhetik entfaltet, die in krassem Widerspruch zu den Verwüstungen steht, die er anrichten wird. Dabei zu sein, wenn sich das irdische Leben dort unten nur in der Nacht zeigt, wenn die Lichter der Städte leuchten. Harveys Sprache? So schön, dass einem stellenweise die Tränen kommen. Und wenn die Tränen getrocknet sind, fallen einem vielleicht die mahnenden Worte aus dem Russell-Einstein-Manifest von 1955 ein, die als Warnung vor einem Atomkrieg geschrieben wurden, aber zugleich viel mehr sagen: „Wir appellieren als Menschen an Menschen: Erinnert euch an eure Menschlichkeit und vergesst den Rest.“ Umlaufbahnen? Lesen. Unbedingt.
Jens Simon
Samantha Harvey
Umlaufbahnen
Übersetzt von Julia Wolf
dtv, 224 S., € 22,–
ISBN 978-3-423-28423-3
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