Inhaltsverzeichnis
„Das teuerste Gefängnis der Welt“
Es gibt sie noch, diese Momente, an denen sich die Stadt anfühlt wie das neue New York. Ein Abend im August, das Shanghai International Dance Center ist hell erleuchtet. Bei seinem Bau hatten die Architekten den „Grand Jeté“ vor Augen, den Spagatsprung im Ballett. Zwischen einer Metrostation, einer Schnellstraße und einem Park ist der 1200 Plätze fassende Aufführungssaal umgeben von Springbrunnen, Bäumen, Wohnhöfen, einem riesigen Probenraum, 50 kleinen Studios und einer Tanzschule für 1500 Kinder. Es ist ein in Asien einzigartiges Zentrum der Hochkultur.
Das Stück, das aufgeführt wird, heißt „The Dark“. Im ersten Teil tragen die Tänzer weiße Gewänder, sie umgarnen sich, die Bühne ist hell. Dann sinkt die Tonlage der Elektrobeats. Szene, Kleidung, Choreographie: alles wird schwarz. Die Tänzer greifen nacheinander und fassen ins Leere, werden zurückgezogen von schwarzen Bändern in die Dunkelheit. „Hunger“ hat die Regisseurin den Teil genannt. Anneliese Charek entwarf ihn, als sie wie alle 26 Millionen Schanghaier zwei Monate lang eingesperrt war. Es ist ein Stück über den härtesten Lockdown, den die Welt je gesehen hat. Staatlicher Terror, der all das verneint, wofür das Theater steht. Ein Rückfall in die Barbarei.
Immer noch hält Chinas Regierung mit ihrer Null-Covid-Politik im halben Land Menschen in ihren Wohnungen gefangen. Über den August hinweg hat die Führung 200 Städte unter harte oder mittelharte Lockdowns gestellt. Doch Schanghai, das einst aufregendste Wirtschaftszentrum der Welt, ist wie keine andere Stadt im Land. Die Menschen hier haben sich oft als Teil der globalen Elite gefühlt.
Polizeiautos prägen das Straßenbild
Drei Monate nach Ende des Lockdowns stehen zumindest die Platanen der Französischen Konzession noch. Das „Boom Boom Bagels“ hat bei 38 Grad am Abend seine Fensterläden weit geöffnet. Hinter der Theke, die sich über die Front zieht, essen chinesische Studentinnen Sandwiches. Vor ihnen, auf der Anfu-Straße, stehen Ausländer und trinken Bier. Warteten auf der gegenüberliegenden Seite nicht Dutzende Menschen vor einem weißen Container, um sich auf Covid testen zu lassen, wirkte alles wie immer. Da fährt ein schwarzer Jeep der Bewaffneten Volkspolizei vor. Wie bei den unzähligen anderen Polizeiautos, die seit dem Lockdown das Schanghaier Straßenbild prägen, ist das Blaulicht an. Es wechselt sich mit Rotlicht ab, an jeder Ecke der Stadt.
Immer wieder Mund auf: eines der zahlreichen Testcenter am Straßenrand
:
Bild: EPA
Es stellt sich ein Gefühl ein wie in der amerikanischen Serie „We own this city“, in der Streifenpolizisten durch die Ghettos spazieren und mit ihrem Schlagstock Obdachlosen das Schnapsfläschchen aus der Hand hauen. Dabei ist dies eines der teuersten Wohnviertel Chinas, in der abendlich die Porsches in die Tiefgaragen von Apartmentblocks fahren, in denen 100 Quadratmeter Wohnraum zwei Millionen Euro kosten. Nicht, dass Status keinen Unterschied machte, als die Führung das Volk eingesperrt hatte.
Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat, vergessen Sie nicht, ihn mit Ihren Freunden zu teilen. Folgen Sie uns auch in Google News, klicken Sie auf den Stern und wählen Sie uns aus Ihren Favoriten aus.
Wenn Sie an Foren interessiert sind, können Sie Forum.BuradaBiliyorum.Com besuchen.
Wenn Sie weitere Nachrichten lesen möchten, können Sie unsere Nachrichten kategorie besuchen.