Der Euphrat mündete einst ins Mittelmeer

Der Euphrat mündete einst ins Mittelmeer

Ursprungsrätsel gelöst: Der Fluss Euphrat in Mesopotamien war die Lebensader früher Hochkulturen. Doch wie er entstand, war bisher strittig. Jetzt zeigen neue Analysen: Die beiden Vorgängerflüsse des Euphrat mündeten ursprünglich nicht im Persischen Golf, sondern endeten vor rund 5,4 Millionen Jahren noch im östlichen Mittelmeer – zu einer Zeit, als dieses Meer fast ausgetrocknet war. Erst danach verlagerte sich der Lauf der Flüsse allmählich nach Südosten und sie vereinten sich zum Euphrat, wie ein Team in „Nature Geoscience“ berichtet.

Der Fluss Euphrat in Mesopotamien gilt zusammen mit dem Tigris als Wiege der Zivilisation. Denn im fruchtbaren Zweistromland entwickelten sich die Anfänge der Landwirtschaft und später, vor mehr als 5000 Jahren, auch die ersten Hochkulturen der Menschheit. Dort lagen die großen Reiche der Sumerer, Babylonier und Assyrer und die am Ufer des Euphrats gelegene sumerische Stadt Uruk gilt sogar als eine der ersten Megacitys der Erde. Schon Ende des 5. Jahrtausends vor Christus lebten in ihr bis zu 20.000 Menschen, später waren es sogar bis zu 50.000.

Euphrat und Tigris
Der heutige Verlauf von Euphrat und Tigris, beide Flüsse münden in den Persischen Golf. © Allexxandar/ iStock

Zwei gegensätzliche Szenarien

Doch wie der heute rund 3000 Kilometer lange Euphrat zur Lebensader des Zweitstromlands wurde, ist bislang ungeklärt. „Den alten mesopotamischen Schöpfungsmythen zufolge wurde der Euphrat bei der Erschaffung der Welt von Enkidu, dem Gott der Weisheit und des Wassers geformt“, erklären Andrew Madof vom Unternehmen Chevron in Texas und seine Kollegen. Wie alt der Euphrat jedoch tatsächlich ist und wie sich sein Lauf im Laufe der Zeit verändert hat, war strittig. Geologische Daten legten aber bereits nahe, dass der Fluss nicht älter als rund zehn Millionen Jahre sein kann.

„Es gibt bisher zwei kontrastierende Hypothesen, um die Entwicklung des Euphrat-Flusssystems zu erklären“, berichten Madof und sein Team. Einige Geologen gehen davon aus, dass der Ur-Euphrat oder seine Vorgängerflüsse ursprünglich in Anatolien oder vielleicht sogar im Mittelmeer endeten. Der zweiten Hypothese zufolge floss hingegen schon der Ur-Euphrat nach Südosten und endete in den Wüsten der Arabischen Halbinsel.

Wer schuf die Flusssediment-Ablagerungen im Mittelmeer?

Um zu klären, welches dieser beiden Szenarien zutrifft, haben nun Madof und seine Kollegen umfangreiche seismische und tektonische Daten aus dem Bereich des Mittleren Ostens ausgewertet. Zudem untersuchten sie Ablagerungen urzeitlicher Flusssedimente im östlichen Mittelmeer, die während der großen Messinischen Salinitätskrise vor rund 5.4 Millionen Jahren abgelagert wurden – der Zeit, als die Verbindung des Mittelmeers zum Atlantik blockiert war und das Mittelmeer allmählich austrocknete.

Diese mächtigen Ablagerungen, Handere und Nahr Menashe getauft, zeugen davon, dass in dieser Zeit große Flüsse aus dem Osten kommend ins fast ausgetrocknete Mittelmeerbecken geströmt sein müssen. Bislang war jedoch unklar, woher diese Flüsse kamen. Madof und sein Team haben daher nun mithilfe ihrer Daten und geologischer und fluviodynamischer Modelle untersucht, ob es eine Verbindung zum Euphrat oder seinen Vorgängern gegeben haben könnte.

Mündung ins Mittelmeer

Wie das Team feststellte, flossen die beiden Quellflüsse des Euphrat – der Karasu und der Murat – vor rund fünf Millionen Jahren noch getrennt. „Unsere Resultate zeigen, dass der Paläo-Karasu und der Paläo-Murat im späten Miozän weitgehend parallele, von Nordosten nach Südwesten fließende Systeme bildeten“, berichten die Forschenden. „Diese beiden Flusssysteme erstreckten sich vom Quellgebiet bis in eine Region, die heute vor der Küste der Türkei und Syriens liegt.“

Das aber bedeutet, dass die beiden Vorläufer des Euphrat einst ins Mittelmeer mündeten – und dies genau dort, wo heute die mächtigen Sedimentablagerungen aus der Ära der Messinischen Salinitätskrise liegen. „Bis heute verbinden Flussbetten den Oberlauf der Karasu- und Murat-Flüsse mit den Handere- und Nahr-Menashe-Formationen“, schreiben Madof und sein Team. Diese Sedimentschichten liegen genau dort, wo diese beiden Euphrat-Quellflüsse einst ins Mittelmeerbecken strömte.

Den Rekonstruktionen der Forschenden zufolge lag die Mündung des Paläo-Murat vor rund fünf Millionen Jahren nur rund 25 Kilometer nördlich des Paläo-Nils. „Dies war vermutlich die kürzeste Distanz, die diese beiden Flüsse während der gesamten Erdgeschichte hatten“, so das Team.

Rekonstruktion der Euphratbildung
So hat sich der Euphrat im Verlauf der letzten gut 5,5 Millionen Jahre aus seinen beiden Quellflüssen entwickelt. © Maduf et al./ Nature Geosciences, /CC-by 4.0

So viel Wasser wie Nil und Rhône zusammen

Überraschend auch: Obwohl das Klima in der Austrocknungsphase des Mittelmeeres eher trocken war, führte allein der Paläo-Karasu an seiner Mündung ähnlich viel Wasser wie der heutige Nil. Der Paläo-Murat transportierte etwa so viel Wasser wie die heutige Rhône. „Dieses scheinbar paradoxe Ergebnis deutet darauf hin, dass die Niederschläge und Temperaturen damals offenbar stark schwankten – selbst auf der Ebene einzelner Flusseinzugsgebiete“, erklären die Forschenden.

Auch wenn es am Mittelmeer damals kaum noch regnete, erhielten die urzeitlichen Euphrat-Vorläufer in ihren Quellgebieten und entlang ihres Laufs offenbar genug Wasser, um zu mächtigen Strömen heranzuwachsen. Bis vor rund 5,33 Millionen Jahren strömte demnach ihr Wasser in das Becken des Mittelmeeres. Danach veränderten tektonische Prozesse die Topografie dieser Region, wodurch die beiden Flüsse nicht mehr bis ans Mittelmeer reichten. Stattdessen endeten sie zunächst in großen Seenlandschaften auf der Anatolischen Platte.

Die Geburt des Euphrat

Vor rund 3,6 Millionen Jahren schlug dann die Geburtsstunde des Euphrat: Die Anatolische Erdplatte hob sich und lenkte die beiden Vorgängerflüsse um. Der Lauf des Paläo-Murat verlagerte sich dadurch immer weiter nach Südosten auf die Arabische Platte, bis er schließlich in den Persischen Golf mündete. Vor rund 1,6 Millionen Jahren vereinten sich dann Murat und Karasu und bildeten den modernen Euphrat.

„Unsere Ergebnisse zeigen damit, dass dieser historisch bedeutende Fluss aus zwei unterschiedlichen Flusssystemen entstand, die vorübergehend in das Becken des Mittelmeers mündeten, im Laufe der Zeit vier tektonische Platten durchquerten, sich vereinten und schließlich in den Persischen Golf mündeten“, schreiben Madof und seine Kollegen. „Diese Erkenntnisse geben uns tiefere Einblicke in die geologischen Prozesse, die die letztlich eine der ältesten Zivilisationen der Erde ermöglichten.“

Quelle: Andrew Madof (Chevron, Houston) et al., Nature Geoscience, 2026; doi: 10.1038/s41561-026-01962-x

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