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„Der Euro Stoxx 50 steht am Scheideweg“
Als Caesar am 10. Januar im Jahr 49 vor Christus mit seinen Legionen den Rubikon überschritt, wusste er sehr genau, was er tat. Es war seine Kriegserklärung an den römischen Senat. Fast noch berühmter als der Rubikon wurden die Worte, die er dabei gesprochen haben soll: „Alea iacta sunt“ – die „Würfel sind gefallen“. Es gab kein Zurück mehr.
Erstaunlich ist, dass Historiker sich bis heute nicht so richtig einig sind, welchen Fluss genau Caesar damals überschritten hat. Der heutige „Rubicone“ muss es nicht notwendigerweise gewesen sein. Und so streitet man sich zwischen Ravenna und Rimini noch heute, vor wessen Haustür und durch welche Städtchen dieser geschichtsträchtige Fluss denn fließt.
Nachhallende Erinnerungen
Diese Einleitung würde nicht gar so viel Sinn machen, wenn es nicht einen für uns alle wirklich richtig wichtigen Chart gäbe, für den demnächst eine Entscheidung von ebenso epochaler Tragweite ansteht – den des Euro Stoxx 50. Anders als im heutigen Italien kann man bei diesem Chart allerdings den Rubikon sehr genau identifizieren: Er liegt genau zwischen 3830 und 3890 Punkten. Wie der abgebildete Chart mit beeindruckender Klarheit zeigt, prallte der Euro Stoxx 50 in den vergangenen 22 Jahren von dieser Zone unzählige Male von oben kommend nach oben ab, meist aber jedoch von unten kommend wieder nach unten.
Legionen von Investoren dürften mit dieser Zone außergewöhnlich lange nachhallende Erinnerungen verbinden. Die einen, weil sie das Richtige – die anderen, weil sie das Falsche taten. Es muss sich unglaublich gut anfühlen, genau dort zum Beispiel im Februar 2020 verkauft zu haben. Und es kann keinen Spaß machen, sich daran zu erinnern, wenn man damals dort das glatte Gegenteil getan hat.
Man vermutet wohl völlig zu Recht, dass die einen unbedingt versuchen werden, an die guten Erfahrungen von damals anzuknüpfen und die anderen dieses Mal mit Macht eine bessere Entscheidung treffen wollen. Genau das ist der wesentliche Charakter einer Widerstandszone: Die Lust zu geben wird maximal. Und wenn eine ganze Anlegergeneration immer wieder die gleiche Erfahrung gemacht hat, weiß man wirklich, dass dieser Bereich der Rubikon ist. Drunter bleibt’s heikel – drüber wartet das Schlaraffenland.
Die wahre Dimension eines Ausbruchs des Euro Stoxx 50 über die Zone zwischen 3830 und 3890 Punkten ist mir erst beim Schreiben dieser Zeilen wirklich klargeworden: Seit die „Börse“ vor fast 40 Jahren erst zum Hobby und später zum Beruf wurde, habe ich etwas Vergleichbares noch nie erlebt. Ich kenne einfach keinen vergleichbaren Chart.
Ein Wermutstropfen bleibt
Mein Kursziel von 4500 Punkten ab dem ersten Schlusskurs von mehr als 3890 Punkten mag sich nach dieser Vorrede sehr überschaubar ausnehmen. Aber erstens muss die Party dort nicht vorbei sein, und zweitens gebietet es die Vorsicht, vor lauter Freude nicht schon den zweiten vor dem ersten Schritt zu tun. Drittens wäre die Wahrscheinlichkeit dafür, dass der Euro Stoxx 50 nach dem Ausbruch seine Zielmarke auch wirklich erreicht, absolut maximal. Dazu passt viertens gut, dass es dieser Auswahlindex für den Euroraum nach einem Ausbruch einigermaßen eilig haben dürfte. Pate stünde der Winter der Jahrtausendwende.

Bild: F.A.Z.
Ein Wermutstropfen bleibt: Wenn es dieser europäische Leitindex jetzt wieder nicht schaffen sollte, diese über alle Maßen kritische Zone zu überwinden, muss er zwar nicht gleich notwendigerweise, wie noch vor einem Jahr, am Abgrund stehen und kurz darauf einen Schritt weiter sein. Aber ein ernsthaftes Problem hätte er sich wahrscheinlich schon zugelegt.
Man kann nur vermuten, dass in diesem Fall in der Welt irgendetwas mit größerer Strahlkraft schiefgelaufen ist oder absehbar schieflaufen wird. Vielleicht drohen die Mutanten schneller als die Impfungen zu sein, oder aus ihrer Verwandtschaft tauchen ein paar noch unwägbarere Gesellen auf. Beides wäre spaßbefreit.
Verflochtene Indices
Vor wenigen Wochen schrieb ich hier über den Dax-Kursindex, der anders als der klassische Dax-Performance-Index keine Dividenden abbildet. Auch dieser dividendenlose und deshalb einzig vergleichbare Dax hat mit Ständen zwischen rund 6300 und 6430 Punkten eine gewaltige Hürde vor sich. Auch bei ihm war in den vergangenen beiden Jahrzehnten stets genau dort Schluss. Die beiden Indices sind stark verflochten. Rund ein Drittel des europäischen Index stammt aus dem deutschen Dax.
Schafft also der Euro Stoxx 50 seinen Ausbruch, dann liegt die Vermutung sehr nah, dass dies dann auch dem Kurs-Dax gelingen werde. Dessen neuen Höchststände wären ein weiteres faszinierend gutes Argument für steigende Kurse, und wir befänden uns – im Paradies. Caesar konnte übrigens nach dem 10. Januar nicht mehr so richtig an seine früheren Erfolge anschließen. Dem Euro Stoxx 50 möge ein anderes Schicksal beschieden sein. So oder so – bald gilt: Alea iacta sunt.
Der Autor leitet die Staud Research GmbH in Bad Homburg.
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