Der Geburtstag der ­schwarzen Königin

Der Geburtstag der ­schwarzen Königin

Alice war es allmählich leid, neben ihrer Schwester am Bachufer stillzusitzen und nichts zu tun, als plötzlich ein weißes ­Kaninchen mit roten Augen dicht an ihr vorüberlief. Daran war eigentlich nichts Besonderes. Allerdings kam es Alice sehr seltsam vor, dass es vor sich hin murmelte: „Ojemine, ojemine! Ich komme bestimmt zu spät.“ Mit einem Satz war Alice auf den Beinen und rannte hinter dem Kaninchen her, das gerade in einen großen Kaninchenbau unter einer Weißdornhecke sprang. Ohne Nachzudenken sprang Alice hinterher. Sie rutschte durch einen langen Gang immer tiefer und landete schließlich auf einem Haufen dürren Laubs. Alice folgte dem weißen Kaninchen über Stock und Stein und gelangte so zum Haus des verrückten Hutmachers.

Vor dem Haus stand ein Baum und darunter ein Tisch, an dem der Hutmacher und der Märzhase saßen und Tee tranken. Zwischen ihnen lag eine schlafende Haselmaus, die sie als Armstütze benutzten. Der Tisch war lang und voller Gedecke, trotzdem hockten die drei eng gedrängt an einer Ecke. „Alles besetzt!“, rief der Hutmacher, als Alice näher kam. „Das stimmt doch gar nicht“, sagte Alice empört und setzte sich in einen Lehnstuhl am Ende des Tisches. Der Hutmacher zog eine Uhr aus der Tasche, betrachtete sie besorgt und schüttelte sie. „Welches Datum haben wir heute?“, fragte er. Alice dachte kurz nach und sagte: „Den vierten.“ „Dann geht sie zwei Tage nach.“ „Nimm dir etwas Wein“, forderte der Märzhase Alice auf. „Ich sehe keinen Wein“, erwiderte Alice. „Es ist auch keiner mehr da“, sagte der Märzhase. „Warum gleicht ein Rabe einem Schreibpult?“, fragte sie nun der Hutmacher. „Hmm“, sagte ­Alice und überlegte. „Das kriege ich raus.“ „Willst du damit sagen, dass du eine Antwort finden kannst?“, fragte der Märzhase. Alice nickte. „Dann solltest du auch sagen, was du meinst“, erwiderte der Märzhase. „Anders als du meine ich wenigstens, was ich sage, und das ist schließlich dasselbe“, entgegnete Alice entrüstet. „Keineswegs!“, widersprach der Hutmacher. „Dann könntest du ja ebensogut sagen: ‚ich schlafe, wenn ich atme‘, wenn du meinst: ‚ich atme, wenn ich schlafe‘.“

Da wurde die Haselmaus wach und stieß die Arme des Märzhasen und des Hutmachers zur Seite. Dann stand sie auf, hob ihr Weinglas in die Höhe und sagte mit piepsiger Stimme: „Auf den Geburtstag unserer schwarzen Königin! Möge sie noch 37 Jahre und 527 Monate oder länger leben und über unser Reich herrschen.“ Auch der Hutmacher und der Märzhase erhoben sich, hielten ihre Gläser in die Höhe und sagten: „Auf den Geburtstag unserer schwarzen Königin!“ „Wie alt ist eure Königin denn heute geworden?“, wollte Alice wissen. „Wenn das Alter der Königin in Jahren durch 3 teilbar ist, dann ist sie älter als 49 und jünger als 60 Jahre“, antwortete die Haselmaus. Sie zwinkerte Alice zu und schlief wieder ein. „Wenn aber das Alter der Königin in Jahren nicht durch 4 teilbar ist, dann ist sie älter als 59 und jünger als 70 Jahre“, ergänzte der Märzhase. „Wenn jedoch das Alter der Königin in Jahren nicht durch 6 teilbar ist, dann ist sie älter als 69 und jünger als 80 Jahre“, fügte der Hutmacher noch hinzu. „Wie bitte?“, fragte Alice verwirrt. „Das ist Logik“, erklärte der Märzhase mit erhobener Pfote. „Und wir drei sind die besten Logiker der Welt“, sagte der Hutmacher stolz. „Hmm“, sagte Alice und tippte sich mit dem Zeigefinger auf die Nasenspitze, so wie ihre Lehrerin in der Schule es machte, wenn sie nach einer Antwort suchte. Lange dachte sie so nach, aber schließlich gab sie auf. „Verratet es mir!“, forderte sie von den drei Logikern, aber diese schüttelten nur die Köpfe.

Wissen Sie, wie alt die schwarze Königin ist? Natürlich haben die Haselmaus, der Märzhase und der Hutmacher die Wahrheit gesagt.


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