Der Ring der Natur-Wissenschaften – wissenschaft.de

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Buchcover mit Himmel, Wasser, Bäumen, Hügeln und einem Dorf im Hintergrund.Wenn es darum geht, Natur- und Kulturgeschichte zu erzählen, politische Einflüsse ebenso einfließen zu lassen wie gesellschaftliche Umbrüche, lesen wir oft von der Wahl eines neuen Ansatzes. Ein Versprechen, das nicht immer eingelöst wird. Dies kann man Birgit Aschmann und ihrem umfangreichen Buch „Die Deutschen und die Natur“ wahrlich nicht vorwerfen. Sie verweigert die perspektivische Verengung, die der neuere Leitbegriff „Anthropozän“ mit sich brächte. Aschmann ist ganz im Gegenteil nicht (nur) an der „destruktiven Dimension menschlichen Handelns“ interessiert. Sie arbeitet der Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston folgend mit drei „Wahrnehmungsfolien“: den spezifischen und lokalen Naturen sowie den universalen Naturgesetzen. Dabei wird reichlich kontextualisiert und verdichtet, etwa in Bezug auf die – sehr auf die Stahlfirma Krupp bezogene – Industrialisierung. An anderer Stelle geht es dafür in die Breite, etwa die Rektifikation des Rheins betreffend. Der Rhein dient hier als Ausgangspunkt für eine Stillstands- und Entwicklungsgeschichte des Menschen und unseres Naturnutzens.

Über 700 Seiten widmet die Professorin für Europäische Geschichte des 19. Jahrhunderts an der Humboldt-Universität zu Berlin dem Buch, das seinen Ursprung auch in der Vorbereitung einer Ringvorlesung hat. 150 Seiten nimmt allein der Anhang mit Anmerkungen, Literatur- und Quellenverzeichnis, Personen- und Ortsregister in Anspruch. Doch wäre diese „andere Geschichte des 19. Jahrhunderts“ gut mit einigen Seiten weniger ausgekommen. Andererseits spielen Religion und Romantik nicht gerade kleine Rollen und diese zwei sind bekanntermaßen eher wortreicher Natur.

Aschmann liefert eine Geschichtserzählung von Kolonialismus und Ausbeutung, Verheerung wie Verehrung der Natur, Übernatürlichem und ganz Realem, Krieg und Frieden, Kunst und Kultur, Medizin und Emotionen. Positiv hervorzuheben ist, dass sich neben bekannten Persönlichkeiten jener Epoche auch etliche weniger geläufige Namen und Frauen finden. Zu Gustav gehört unweigerlich Amalie Struve, neben Rudolf Virchow lesen wir von Rahel Varnhagen und Robert geht nicht ohne Clara Schumann. Zwar mäandert Aschmann manches Mal, aber das schätzen wir schließlich auch an nicht begradigten Flussläufen.

Unterm Strich ist nach diesem vielschichtigen Ritt durch das 19. Jahrhunder klar: „Es gibt nicht nur den einen Umgang mit der Natur.“

Rezension: Alexander Schramm

Birgit Aschmann
Die Deutschen und die Natur.

Propyläen Verlag. 720 S., 38 €

Eine Geschichtserzählung von
Kolonialismus und Ausbeutung,
Verheerung wie Verehrung der Natur

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