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„Der Senator Giorgio Chiellini“
Senatoren gibt es auch beim Fußball, so werden in Italien die Mitglieder einer Mannschaft bezeichnet, die am längsten dabei sind und den meisten Einfluss haben. Giorgio Chiellini ist der Senator der italienischen Nationalmannschaft und ihr Kapitän. Chiellini wird im August 37 Jahre alt, er ist seit 17 Jahren Nationalspieler, der älteste noch im Turnier stehende Spieler und der älteste Feldspieler, der jemals für Italien bei einer EM oder WM auf dem Platz stand.
Am Freitag im Viertelfinale gegen Belgien machte er vielleicht nicht das Spiel seines Lebens, aber seine Leistung war mitentscheidend dafür, dass Italien nun im Halbfinale der EM gegen Spanien steht. Er bekam Bestnoten. Belgiens gefürchteter Stürmer Romelu Lukaku markierte beim 2:1-Sieg der Italiener zwar einen Treffer per Elfmeter, aber eigentlich machte er keinen Stich. Der Senator war schuld, Giorgio Chiellini.
Vor der Partie war nicht einmal klar gewesen, dass der Innenverteidiger in München würde spielen können. Im dritten Gruppenspiel gegen Wales hatte sich Chiellini verletzt, er hat im immer wieder mit körperlichen Beschwerden zu kämpfen. Gegen Österreich im Achtelfinale setzte er aus. Seine Präsenz gegen Belgien aber war entscheidend für den Einzug ins Halbfinale der Italiener, wo sie an diesem Dienstag auf Spanien treffen (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-EM, in der ARD und bei MagentaTV).
Der Reporter, der das Spiel im italienischen Fernsehen kommentierte, brüllte in der Schlussphase der Partei eigentlich nur noch „Chiellini! Chiellini!“, als der 1,87 Meter große Abwehrspieler einen Ball nach dem anderen aus dem Strafraum beförderte, per Kopf, per Fuß, immer wieder.
Auf den Spuren des Fabio Cannavaro
Manche fühlten sich an Italiens früheren Kapitän Fabio Cannavaro erinnert, wie er kurz vor dem Gewinn des WM-Titels 2006 in der Schlussphase des Halbfinales gegen Deutschland eine Gefahr nach der anderen beseitigte. Cannavaro wurde in Folge des WM-Titels eine Art Nationalheiliger. Chiellini ist es noch nicht, aber auf dem besten Weg dahin.
Italien hatte über zwei Drittel der Partie einen fußballerischen Leckerbissen gezeigt, es war vielleicht das bisher beste Spiel dieses Turniers, mit kompromissloser Offensive, fußballerischer Intelligenz und wunderbaren Toren. Die Mannschaft von Roberto Mancini dominierte gegen den Erstplatzierten der Weltrangliste von Beginn an. Der unermüdliche Nicolò Barella hatte nach einer sehenswerten Einzelaktion und strammem Schuss das 1:0 erzielt (31. Minute).
Lorenzo Insigne gelang endlich ein Treffer in seiner Spezialdisziplin, dem spektakulären Fernschuss mit Effet nach einem Kurzdribbling vom linken Flügel in die Mitte (44. Minute). Romelu Lukaku erzielte noch vor der Halbzeit der Anschlusstreffer, nach einem fragwürdigen Elfmeter, den der schwache slowenische Schiedsrichter Slavko Vincic Belgien zugestanden hatte (45. Minute).

Verteidigungskünstler: Giorgio Chiellini im Spiel gegen die Schweiz
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Bild: EPA
Als beim abermals spektakulär zu Werke gehenden linken Außenverteidiger Leonardo Spinazzola dann eine Viertelstunde vor Spielende die Achillessehne riss, kam Chiellinis Moment. „Chiellini ist der Gigant“, schrieb die Zeitung Libero anschließend. Der „alte Weise“ nannte ihn die Gazzetta dello Sport, denn der Toskaner ist nicht nur Italiens Methusalem, Motivator mit vorbildlichem Einsatz, sondern auch mehrfach in Wirtschaftswissenschaften an der Universität diplomiert.
„Der beste Verteidiger der Welt“
Bälle wegschlagen, kämpfen, motivieren, darum ging es am Ende gegen Belgien. Italiens schönes Spiel, die „grande bellezza“ (Corriere della Sera), wirkte da wie weggefegt. Es ging darum, nach dieser Glanzleistung den unverdienten Ausgleich zu verhindern. Was wären die italienischen Ball-Zauberer ohne ihren kämpfenden Kapitän? Zweifellos war der Verteidiger von Juventus Turin einer der besten Akteure auf dem Platz.
Mit dem neuen italienischen Stil von Mancini hat Chiellini nicht besonders viel am Hut. Technisch ist der Toskaner aus der Hafenstadt Livorno weniger begabt als seine Mitspieler. Die Spieleröffnung obliegt Chiellinis Nebenmann Leonardo Bonucci, mit dem er auch bei Juventus das Innenverteidiger-Duo bildet.
Der ehemalige deutsche Nationalspieler Bastian Schweinsteiger hält die beiden für „die derzeit besten Verteidiger der Welt“. Chiellini rückt weit mit auf, wie es unter Mancini üblich ist, das schon. Aber mit schnellen Kontern hat der 36-Jährige dann so seine Probleme. Allerdings agierte Italien so kompakt, dass es kaum zu diesen gefährlichen Tempogegenstößen kam.
Chiellini ist kopfballstark, bei Standardsituationen rückt er in den gegnerischen Strafraum mit auf. Als der Schiedsrichter ihn und Belgiens Axel Witsel zum fairen Zweikampf ermahnte, umarmte Chiellini seinen Gegenspieler freundschaftlich und lachte. Härtester Wettkampf ist für ihn nie ein Grund, den Sinn für das Spiel und den Respekt für den Gegner zu verlieren.
Vor allem die Zweikämpfe, die sich Chiellini in den 90 Minuten mit Lukaku lieferte, waren spektakulär. Der Italiener spielt dabei immer am Limit, überschreitet es aber nie. La Repubblica beobachtete bei dem Duell „griechisch-römische Griffe, Positionskämpfe, eine erstickende, betäubende, zermürbende Präsenz“. Er und Lukaku würden bestimmt gut schlafen nach diesem Duell, scherzte Chiellini nach dem Spiel.
Chiellini hat viel erlebt in seiner Fußballerkarriere. Er verpasste mit Italien die Qualifikation für die WM 2018, der Tiefpunkt in der Geschichte der squadra azzurra. Er war auch schon Teil der Mannschaft, die 2012 ins EM-Finale einzog und damals 0:4 gegen Spanien unterlag. Am Dienstag ist Spanien Italiens Gegner im Halbfinale mit Mittelstürmer Alvaro Morata. Morata ist Chiellinis Teamkamerad bei Juventus Turin. So wie man Italiens Kapitän kennt, wird es hart zur Sache gehen, aber ebenso fair und freundschaftlich.
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