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„Der überfliegende Holländer“
700 Meter vor dem Ziel begann er, die ganze Urgewalt, die in seinen Beinen steckt, in die Pedale zu treten. Für die finalen Momente auf der Rampe hinauf zur Kuppe beim Dorf Mûr-de-Bretagne fuhr Mathieu van der Poel auf seinem ganz eigenen Level. Für diese Momente war es selbst für diesen geborenen Radfahrer eine Schmerzgeschichte, die sich jedoch im Nu in eine Herzgeschichte wandelte.
Der überfliegende Holländer gewann am Sonntag nicht nur die zweite Etappe der Tour de France, sondern stellte auch die Familienehre wieder her, falls das überhaupt nötig war. Als der Kraftakt vollendet und der Zielstrich erreicht war, richtete der 26-jährige in Belgien geborene Niederländer Kopf und Finger gen Himmel, als ob er sagen wollte: Großvater, hast du das gesehen?
Poulidor war der „ewige Zweite“
Van der Poel ist der Enkel des 2019 verstorbenen Raymond Poulidor, einem der besten Radprofis seiner Generation. Eine Größe in Frankreich. Mit nur einem Makel, der ihm in seiner Heimat aber gerade besondere Zuneigung bescherte. Poulidor ist als „ewiger Zweiter“ in die Tour-Geschichte eingegangen, der trotz 14 Teilnahmen (die letzte vor 45 Jahren) und diverser Podestplätze nicht einen Tag das Gelbe Trikot eroberte.
Van der Poel lieferte dann bei seinem Tour-Debüt gleich am zweiten Tag eine jener Geschichten, von dem die Tour-Saga seit jeher lebt. Die erste, von Massenstürzen überschattete Etappe am Samstag, absolvierte sein Team Alpecin-Fenix in eigens an Poulidor erinnernden gelb-lilafarbenen Trikots, eine Replik von jenen, die Poulidor in seinen besten Zeiten trug. Doch nicht in dieser Kluft gelang Van der Poel der große Wurf, sondern tags darauf in der normalen Team-Kleidung. Der Erfolg erlöste ihm von einem gewissen Druck, wie seine Reaktion zwischen Jubel und Tränen veranschaulichte. „Natürlich habe ich an meinen Großvater gedacht, als ich über die Ziellinie fuhr“, sagte er nach seiner spektakulären Fahrt, die aber auch einem genauen Plan folgte. Dem Plan Gelb. Das Maillot Jaune war sein klares Ziel auf dem 183 Kilometer langen bretonisch-welligen Stück von Perros-Guirec nach Mûr-de-Bretagne. „Ich wusste, dass die Bonussekunden mein Weg zu Gelb waren. Ich bin sprachlos, dass es funktioniert hat. Man kann von diesem Szenario träumen, aber wenn es eintritt, ist es unglaublich“, sagte Van der Poel.
Schon bei der ersten der beiden Anstiege zur Mûr-de-Bretagne war er vorgeprescht. 15 Kilometer vor dem Ziel in einem spannenden Finale setzte er aber nicht, wie es zunächst den Anschein hatte im Wissen seiner Fähigkeiten, zu einem Parforceritt auf eine Faust an. Sondern es ging ihm um die Bonussekunden, die es bei dieser Bergwertung zu erreichen galt. Der Vorsprung des französischen Rad-Helden Julian Alaphilippe begann zu diesem Zeitpunkt schon zu schmelzen – und war am Ende aufgebraucht. Im neuen Klassement haben sich mit acht beziehungsweise 13 und 14 Sekunden Rückstand auf Van der Poel nun Alaphilippe und die beiden slowenischen Topfavoriten Tadej Pogacar und Primoz Roglic einsortiert. Doch zumindest an diesem Montag und Dienstag, wenn bei der Frankreich-Rundfahrt bei Flachetappen vermutlich die Sprinter an der Reihe sind, dürfte das Gelbe Trikot auf Van der Poels Schultern verbleiben.
Was nach dem Auftaktwochenende der 108. Tour de France auch festzuhalten ist: Es ist nicht das Rennen des hocheingeschätzten, mit dem höchsten Budget ausgestatteten Team Ineos. Nachdem am Samstag nach den Stürzen schon Richie Porte und Tao Geoghegan Hart einige Minuten einbüßten, liegen auch die Kapitäne Geraint Thomas (41 Sekunden) und Richard Carapaz (31) erstaunlich weit zurück. Gut im Rennen ist der Anführer des deutschen Teams Bora-hansgrohe, Wilco Keldermann, auf Rang fünf. Teamkollege Ide Schelling verteidigte das am Samstag eroberte gepunktete Bergtrikot erfolgreich.
Spitzenplätze zu erobern ist für Mathieu van der Poel längst kein Neuland mehr. Wo das Kraftpaket auch antritt, scheint der Sieg immer in Reichweite. Der Niederländer ist der vielseitigste Rennfahrer der Gegenwart. Den enormen Druck, den er auf die Pedale zu bringen vermag, demonstrierte er schon auf verschiedenen Terrains. So ist er in den vergangenen sieben Jahren allein vier Mal Weltmeister im Radcross geworden. Und er war schon Europameister auf dem Mountainbike. Er hat sich wohlgefühlt in seiner Nische, lebte und liebte den Radsport im Gelände noch mehr als die Hatz auf der Straße. Doch auch dort stellten sich, als er seine Aufmerksamkeit auch mehr dem Asphalt schenkte, große Erfolge ein. Er gewann das Amstel Gold Race 2019, mit der Flandern-Rundfahrt 2020 sein erstes „Monument“ und bei seinem Gewinn von Strade Bianche in diesem Jahr erschreckte er die Konkurrenz nicht, indem er triumphierte. Sondern wie er es tat. Auf der Rampe hinauf ins Ziel stampfte er im Durchschnitt 1004 Watt und in der Spitze sogar 1362 Watt in die Pedale. Für die Konkurrenz furchteinflößende Werte.
Wenn es nach van der Poel gegangen wäre, dann hätte sein Tour-Debüt durchaus noch warten können, schließlich hatte er das olympische Mointainbike-Rennen in Tokio als Saisonhöhepunkt erkoren. Doch die Sponsoren seines Teams Alpecin-Fenix wollten ihren „Golden Boy“ schon jetzt auf der größten Radsportbühne präsentieren. Van der Poel willigte ein – und bereitet sich jetzt eben auf Asphalt im Gelben Trikot auf Olympia vor.
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