#Der Zauber zerlegter Anzüge

Der Zauber zerlegter Anzüge

Zur Vernissage hat sie dann doch drei Models durch den Raum geschickt. Wie um zu zeigen, was die Bewegung der Körper noch alles anstellt mit den Entwürfen, die in der Raummitte wie Skulpturen angeordnet sind. Ihre jüngsten Entwürfe wollte sie nicht in einer klassischen Modenschau zeigen, das stand für Nina Hollein von Anfang an fest. Laufsteg hat sie durchaus auch schon gemacht, früher. Aber etwas Kreativeres passt einfach besser zu ihrer Mode, die sie seit 2008 entwirft. „Eine Modenschau ist so eine verpuffte Energie“, sagt sie. „Wenn, dann lieber eine Ausstellung mit Kunst.“ Und mit Mode als Kunstform.

Um deren Energiekreislauf, physisch wie geistig, macht sich die Designerin schon lange Gedanken. Am Anfang ihrer Karriere als unabhängige Modemacherin standen Kinderkleider und Damenröcke aus Geschirrtuch-Stoffen; für Herren entwirft sie nicht. Leinen, nachhaltig produziert, mit frischen Karos und Streifen, wiedergeboren als ganz und gar besondere Einzelstücke, die sie mit ihrem kleinen Label rasch an eine prägende Klientel in den Metropolen der Welt verkaufte. Und schon damals bewegte sie sich in dem Dreieck Mode, Nachhaltigkeit, Kunst.

Ein Auftritt jenseits des Alltags

„Suit up“ heißt die Kollektion, die sie während des Lockdowns in ihrem Arbeitszimmer in New York entworfen hat. Eine Kreuzung aus „to dress up“ und dem „suit“, dem Herrenanzug, zu dem, was einem einfach stehen muss. Ihre Entwürfe sollen „Kleider für spezielle Anlässe“ sein. Sie selbst ist zierlich, trägt ihre eigenen Modelle gern mit denen anderer Designer, und zeigt, dass dieselben Teile genauso mit High Heels in Pink und Plateau-Sneakern in bunt funktionieren. Viele der neuen Stücke sind raumgreifend, mit Volants, mit Weite, die gebändigt werden kann. Sie brauchen den Auftritt jenseits des Alltags. Oft bilden Herrenanzüge, die in Einzelteile zerlegt sind, die Grundlage für kurze Kostüme mit Westen, für spektakuläre Abendröcke, oben mit breitem Bund für schmale Taillen, unten mit einigen Metern Saumumfang, zusammengesetzt aus Chiffon, Tüll, Seide und dunklen Herrenanzügen. Vor allem die Details liebt Nina Hollein: Revers, Wattierung und Taschen hat sie in Röcken, Tops, Minikostümen so zusammengesetzt, dass ihre Materialität hervorsticht. Aus diesen Verbindungen spricht eine Freude an Statik, Handwerk und technischem Rüstzeug.

Redakteurin Eva-Maria Magel (links) und Nina Hollein in der Ausstellung „Palindrome“ im Kunstverein Familie Montez in Frankfurt.


Redakteurin Eva-Maria Magel (links) und Nina Hollein in der Ausstellung „Palindrome“ im Kunstverein Familie Montez in Frankfurt.
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Bild: Frank Röth

Nina Hollein, 1971 in Wien als Tochter des Designers Herbert Schweiger geboren, hat Architektur studiert und in renommierten Büros gearbeitet, bevor sie sich der Mode zuwandte. Genaugenommen saß sie schon im Alter von vier Jahren an der Nähmaschine der Mutter: „Sie war ein sehr kreativer Mensch und hat sich ihre Kostüme selbst genäht.“ Die kleine Nina, die Seite an Seite mit Zwillingsbruder Philipp eine kreative, künstlerische, innige Kindheit verlebte, durfte sich ausprobieren.

Drei Jahre lang eine „One Woman Show“

Die dreifache Mutter Nina Hollein – ihre Kinder sind mittlerweile flügge – weiß das Vertrauen der Mutter zu schätzen, schon das Kindergartenkind an eine richtige Nähmaschine zu lassen. Sie hat sich an Puppenkleidern versucht, dann an den ersten Kleidungsstücken für sich selbst. Methoden, Schnitte: „Ich hab’s mir Stück für Stück selbst beibringen müssen, Fehler gemacht, aber das war auch ein Vorteil. Ich bin etwas unorthodox und freier im Zugang.“ Als junge Frau schon war ihr klar: „Es ist ein großer Unterschied, wenn man etwas trägt, das ungewöhnlich ist. Die Leute merken das sehr wohl, und es trägt dazu bei, sich selbst in der Gesellschaft zu positionieren.“

Die Ausstellung „Palindrome“ mit Upcycling-Kleidern von Nina Hollein und Gemälden ihres Bruders Philipp Schweiger im Kunstverein Familie Montez in Frankfurt.


Die Ausstellung „Palindrome“ mit Upcycling-Kleidern von Nina Hollein und Gemälden ihres Bruders Philipp Schweiger im Kunstverein Familie Montez in Frankfurt.
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Bild: Frank Röth

Mode allerdings war für sie erst einmal keine Berufsoption, das Architekturstudium aber auch kein wirklicher Umweg. Wie Dinge entworfen, gebaut, verbunden werden, hat sie in internationalen Büros praktiziert, bis die Kinderpause in ihrer Frankfurter Zeit die Mode und das Handwerk regelrecht hervorbrechen ließen. Nach ersten Schnittproben war schnell klar: „Das ist nicht für mich, das ist für etwas anderes.“ Es wurde, nach vielem Ausprobieren, die erste Kollektion. Damals machte ihr Mann Max Hollein Furore als junger Direktor erst des Frankfurter Ausstellungshauses Schirn, dann zusätzlich von Städelmuseum und Liebieghaus. Nina Hollein gründete in Frankfurt ihre Marke. Drei Jahre Arbeit als „One Woman Show“ brauchte sie, um ihr Label und den Laden samt Onlineshop aufzubauen. Es lief, sehr gut sogar. Der Umzug nach San Francisco 2016 sei ein „irrsinnig krasser Einschnitt“ gewesen, sagt Hollein. „Es war aber auch eine Chance, aus dem Hamsterrad herauszukommen und mich auf Dinge zu fokussieren, die mich interessieren.“ Kein Geschäft mehr, kein Druck, Kontakte in die Kunst, zu Modeklassen.

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