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Ein Korrespondent aus Berlin schickt uns ein im KaDeWe aufgenommenes Bild mit drei Rosenthal-Vasen desselben Typus. Der französische Designer Cédric Ragot hat diese „Linie“ entworfen, sie hört auf den Namen „Fast Vase“. Das begreift man sofort, weil auch die Farbstellung mit „fast weiß“ angezeigt wird, und wenn wir noch weiter die Firmenankündigung verfolgen und uns angeboten wird, dass wir die 260 Euro auch in Raten abzahlen dürfen, dann haben wir, im Falle, wir lassen uns darauf ein, den Zwischenzustand dieses Objektes mit höchster Präzision umrissen: gehalten in fast Weiß, fast eine Vase, die schon nach der ersten Ratenzahlung fast uns gehört.
Korrektur und Entschuldigung: „Fast“ ist natürlich auch ein englisches Adjektiv, und damit firmiert das Ding als „Schnelle Vase“. So jedenfalls will es das Rosenthal-Studio-Programm: „Metaphorische Verzierungen und eine außergewöhnliche Formgebung suggerieren dem Auge Bewegung und stellen so Anklänge zur Schnelllebigkeit unserer Zeit her.“
Die Vase „fährt“ im Geknatter des Fortschritts nach links
Eine Vase umschmeichelt die Senkrechte mit gefälligen Volumina. Hat sie Henkel, greift sie zu den Seiten aus. Unser Gefäß ist darin einzigartig, dass es Richtung besitzt – und zwar nur eine. Es muss so aufgestellt werden, dass die Spitzen nach rechts zeigen. Nur so, gegen die Leserichtung ankämpfend, entspricht das Gebilde der Intention des Designers, der einen klassischen Vasenkorpus mit dem Geknatter des Fortschritts nach vorne, sprich: nach links fahren lässt. Als Comic-Autor hätte er analoge „Speedlines“ und „Soundwords“ eingesetzt.
Bei „fast“ gleich Englisch und „fast“ gleich „schnell“ fallen einem John Keats oder Martin Heidegger ein, die im Abstand von 120 Jahren zwei zentrale Texte vasenartigen Gebilden gewidmet haben: „Ode auf eine griechische Urne“ respektive „Das Ding“, von Heidegger erläutert am Beispiel des Kruges. Den epochalen Abstand zwischen romantischer Dichtung und existenzialistischer Philosophie lässt sich leicht „dingfest“ machen: Keats verliert sich in die Darstellungen der Vasenmalerei. Nur einmal spricht er von „attischer Gestalt, schöner Haltung“ des Gefäßes (attic shape, fair attitude), um sogleich zum Dekor der Urne zurückzukehren: „Marmorgeflecht, von Männern und von Mädchen überladen!“
Das Gedicht schließt mit den berühmten Versen: „Beauty is truth, truth beauty, — that is all / Ye know on earth, and all ye need to know.“ Dass Keats einen alltäglichen Gegenstand zum Träger seiner höchsten Botschaft macht, kann man als frühe Sanktionierung des bis heute ungebrochenen Interesses an der Dingkultur verstehen – siehe als Beispiele „Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten“ (Neil MacGregor) oder „Die Dinge. Eine Geschichte der Frauen in 100 Objekten“ (Annabelle Hirsch).
Die Selbständigkeit des Dings an sich
Heidegger hat uns das Wesenhafte des „Dings“ wie gesagt an einem Krug erläutert. Dekor ist ihm völlig fern, dafür wird der Krug als Gefäß angesprochen, und vom Füllen und Spenden ist ausgiebig die Rede. Was die Gestalt angeht, so hat diese außer dem Hohlraum den „Selbststand“ zu gewährleisten. „Als Gefäß ist der Krug etwas, das in sich steht. Das Insichstehen kennzeichnet den Krug als etwas Selbstständiges.“ Selbständig ist auch unsere Vase, aber man wird zögern, sie „in sich stehend“ bezeichnen zu wollen. Für Heidegger aber war der Krug das ideale Ding, weil er es „erden“ konnte – sicher stehend und aus Ton. Es hätte ihn zutiefst beunruhigt, dass ausgerechnet ein krugähnliches, irdenes Gebilde der Formensprache der Beschleunigung folgt, um am „Getriebe des Betriebs“ teilzunehmen.
Im zweiten Band von Gottfried Sempers Hauptwerk „Der Stil“ konnte man 1863 zum Thema Keramik lesen: „Man zeige die Töpfe, die ein Volk hervorbrachte, und es lässt sich im Allgemeinen sagen, welcher Art es war und auf welcher Stufe der Bildung es sich befand!“ Mit Sätzen wie diesem, mit einer so hohen Erwartung in die „Offenbarungskraft“ (Adolf Loos) der Gebrauchsgüter beginnt eine historisch fundierte und ästhetisch engagierte Designkritik im deutschen Sprachraum. Sempers Bezugsgröße Volk können wir aber hier nicht mehr gebrauchen: Die Herstellerfirma der „schnellen Vasen“ ist zwar ein deutsches Traditionsunternehmen, das heute aber zu einem italienischen Konzern gehört. Das Design kommt aus Frankreich, der Titel ist englisch, beim KaDeWe wechselte achtmal der Mutterkonzern, bis die Central Group mit Sitz in Bangkok die Regie übernahm. Das heißt, wir müssen Semper abwandeln und sagen: Wir zeigen einen „Topf“, hervorgebracht und vertrieben von einer Welt, die in der Tat wie die Vase in ständiger Bewegung ist.
Aus der schnellen wird die wehrhafte Vase
Doch noch einmal zurück zur Formgebung: Wir bleiben dabei, dass die Spitzen nach rechts zeigen. Aber von Gestalten weiß man, dass sie auch kippen können. Ist der Effet der Spitzen nur der Linksdrang? Und was bedeuten rechts und links geographisch? Wenn wir das Ganze vom Berliner KaDeWe aus globaler lesen, dann zeigen die Spitzen gen Osten, avisieren aber damit nicht ihr Vorbild, eine chinesische Ming-Vase, oder den Vertreiber des Objekts, die thailändische Firma Central Group. Der spitze Auspuff, die „metaphorischen Verzierungen“ mutieren, nach rechts und gen Osten gerichtet, zu einer Formation von Stichwaffen oder von Sperrmitteln, um es militärisch korrekt zu sagen. Aus der schnellen Vase wird dann die wehrhafte, fast schon die kriegsfähige Vase – „a martial vase“ mit anderen Worten.
Hat die den „Töpfen“ innewohnende Offenbarungskraft auch einen Zeitkern? Es sei zum Schluss auf Wolfgang Eberts Mutter Sonja, geborene Himmelstein verwiesen. Eberts „Memoiren eines verwöhnten Kindes“ kamen 1975 unter dem Obertitel „Das Porzellan war so nervös“ heraus. Im Titel zitiert Ebert einen Ausspruch, den seine jüdisch-russische Mutter in den Dreißigerjahren getan hatte. Nach einem Schaufensterbummel durch die Reichshauptstadt, vielleicht nach einem Blick auf die Auslagen des KaDeWe rief sie aus: „Das Porzellan ist so unruhig, die Formen sind verschnerkelt (sic!), das Porzellan ist so nervös, es wird ein Krieg kommen, ihr werdet sehen.“
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