#Deutsche Technik in russischen Raketen

In der Ukraine töten russische Raketen und Marschflugkörper jeden Tag Kinder, Frauen und Männer. Deutschland hat deshalb früh Abwehrsysteme geliefert. Berlin schickt Flakpanzer und Abwehrbatterien in die Ukraine, und gerade hat Verteidigungsminister Pistorius zwei weitere Startrampen des Systems Patriot versprochen.

Konrad Schuller

Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

Die Ukraine verteidigt sich also mit Waffen aus Deutschland gegen russische Kinschals und Iskanders. Umso ernüchternder ist deshalb, dass diese Geschosse mit den Abwehrwaffen aus dem Westen eines gemein haben: Sie fliegen offenbar mit deutscher Hilfe. In ihnen stecken trotz aller Sanktionen Komponenten aus Deutschland und anderen verbündeten Ländern. Darauf hat jetzt Wladyslaw Wlasjuk hingewiesen, der Sanktionsbeauftragte des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. „Bei uns werden jeden Tag Menschen von Geschossen getötet“, sagte er der F.A.S. „Und sehr viele enthalten Bauteile aus westlichen Ländern.“

Zusammen mit Außenminister Dmytro Kuleba und Wirtschaftsministerin Julija Swyrydenko hat Wlasjuk unlängst westlichen Verbündeten berichtet, was Kiew darüber zusammengetragen hat. Vor den Botschaftern Deutschlands und anderer Staaten breitete er am 13. Juni Daten aus, die vor allem eines zeigten: Nach Schätzung der Ukrainer hat Russland die Produktion von ballistischen Raketen und Marschflugkörpern seit dem Überfall von 2022 verdoppelt – von 512 auf vermutlich 1061 im Verlauf dieses Jahres. Das aber sei nur möglich, weil die westlichen Sanktionen gegen Russland über Drittländer umgangen werden. 81 Prozent der geschmuggelten Komponenten kommen dabei nach Kiewer Darstellung aus Amerika. Es folgt die Schweiz mit acht Prozent. Deutschland und Japan stehen mit je 3,5 Prozent auf Platz drei.

Auf der Liste stehen auch 16 deutsche Unternehmen

Komponenten aus Deutschland sollen dabei im Marschflugkörper Kh-101 sowie in den Iskander-Varianten 9M728 und 9M729 stecken. Auch das Hyperschallgeschoss Kh-47M2 Kinschal soll deutsche Teile enthalten.

Insgesamt 16 deutsche Unternehmen haben nach den Listen der Ukrainer Material und Dienstleistungen für diese Waffen gestellt. Kiew zufolge ging der Export vor allem über China, aber auch über Zentralasien, den Kaukasus oder die Türkei. Geliefert wurden offenbar Elek­tronik, aber auch Isoliermaterial oder Kunststoffe. Möglicherweise wissen einige Firmen dabei gar nicht, wo ihre Produkte hingehen, denn nach Darstellung der Ukrainer werden in den Transitländern Irrgärten von Scheinfirmen geschaffen, die oft nur einen Tag existieren.

Nach Informationen der F.A.S. wird die Darstellung aus Kiew in Berlin nicht infrage gestellt. Im Auswärtigen Amt hieß es, man nehme die Berichte „unserer ukrainischen Kolleginnen und Kollegen über die Verwendung sanktionierter Bauteile in russischen Geschossen sehr ernst“ und prüfe diese Informationen „sehr genau“. Es sei allerdings „möglich, dass diese Komponenten schon vor dem Krieg und vor dem Wirksamwerden unserer Sanktionen geliefert wurden“. Russland habe den Überfall auf die Ukra­ine lange vorbereitet, und es sei nicht auszuschließen, „dass schon vor dem Krieg Vorräte an kritischen Bauteilen angelegt worden sind“. Sanktionswidrige Lieferungen wären jedenfalls „ein Fall für den Staatsanwalt“.

Wohnblocks in der ukrainschen Stadt Pjerwomajske nach einem russischen Raketenangriff Anfang Juli


Wohnblocks in der ukrainschen Stadt Pjerwomajske nach einem russischen Raketenangriff Anfang Juli
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Bild: dpa

Die sind kaum zu durchschauen, aber es gibt Warnzeichen. Eines davon hat die EU-Kommission unlängst benannt: Hochschießende Handelszahlen bestimmter Länder für spezifische Produkte seien „harte Beweise“ dafür, dass Russland hier versuche, Sanktionen zu umgehen. Wenn zum Beispiel Kasachstan früher nie mit Schießpulver gehandelt hat und 2022 plötzlich sowohl die Importe (aus Frankreich) als auch die Exporte (nach Russland) hochschnellen, spricht viel dafür, dass eines mit dem anderen zusammenhängt.

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