Deutscher Radiopreis 2025: Welche Kriterien entscheidend sind

Deutscher Radiopreis 2025: Welche Kriterien entscheidend sind

Frau Leithäuser, Frau Steinhausen, den Deutschen Radiopreis gibt es jetzt zum sechzehnten Mal. Das Radio in Deutschland existiert seit mehr als 100 Jahren. Die Diskrepanz ist erstaunlich. Wobei sich dieser Preis schnell etabliert hat. Heute kann man sich gar nicht mehr vorstellen, dass es ihn nicht gab.

Grit Leithäuser: Sie haben recht. Das Radio gibt es in Deutschland schon mehr als 100 Jahre, aber erst seit 16 Jahren den Radiopreis. Vor 20 Jahren wurde die Radiozentrale gegründet. Die Radiozentrale ist eine gemeinsame Plattform öffentlich-rechtlicher und privater Radiostationen. Vor 20 Jahren haben wir uns zusammengetan und gesagt, wenn wir für das Medium Radio, insbesondere für das Werbemedium Radio sprechen wollen, ergibt es Sinn, dies mit einer Stimme zu tun, denn dieses Medium wirkt als Ganzes. Und von Beginn an war ein solcher Preis im Gespräch. Das brauchte ein bisschen Vorlauf, und 2010 gab es den Deutschen Radiopreis zum ersten Mal.

Ilka Steinhausen: Der Fernsehpreis war da, der Grimme-Preis und andere Preise, nur das Radio wurde nicht ausgezeichnet. Ich glaube, das hängt auch damit zusammen, dass Radiomacher meist etwas zurückhaltender waren als Fernsehmacher. Es war überfällig, dass der Deutsche Radiopreis ins Leben gerufen wurde. Er schafft Aufmerksamkeit für die Menschen, die Radio machen. Wir wollen zeigen: Wir machen das Radio, und da gibt es wundervolle unterhaltsame und informative Inhalte.

Sind die Radiomacher untereinander so vernetzt wie die Fernsehleute?

Steinhausen: Ich würde sagen, das ist ganz genauso. Man trifft sich, zum Beispiel bei Branchenveranstaltungen wie den Radiodays oder beim Radiopreis. Aber natürlich auch im Alltag: Wer als Reporterin für einen Sender in der Region unterwegs ist, hat immer wieder Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen von anderen Programmen. Da gibt es viel Austausch, auch wenn Radioleute den Job wechseln – vom Privaten ins Öffentlich-Rechtliche oder umgekehrt.

Radio ist für viele ein Alltagsbegleiter. Wenn ich die Zahlen richtig deute, lag es 2024 vor dem Fernsehen. Mich hat das erstaunt. Sie wahrscheinlich nicht.

Steinhausen: Mich erstaunt es nicht. Es freut mich, dass die Zahlen so gut sind. Dem Radio wurde schon so oft der Tod vorausgesagt. Dabei ist es so beliebt. Radio ist emotional, Radio ist regional, ist verlässlich und gleichzeitig überraschend. Das mögen die Menschen. Und es ist ein Unterschied, ob im Radio jemand zu mir spricht, den ich mag, den ich kenne, dem ich vertraue oder ob ich nur Musik streame. Wenn wir nur einmal auf unser junges NDR-Programm N-JOY schauen, dann sehen wir, dass Radio auch bei nachwachsenden Generationen beliebt ist und bleibt. Da liegen wir bei ungefähr einer Million Hörer bundesweit. Solche Erfolge entstehen, wenn es Radiomacher schaffen, lebensnahe Themen umzusetzen und Menschen auch emotional anzusprechen. Ich möchte zwei Beispiele nennen. Da gibt es das Radio Hochstift aus der Nähe von Paderborn. Die Macher haben vor zwei Jahren den Radiopreis gewonnen, weil sie das Thema Depression in den Mittelpunkt gestellt haben. Damit haben sie sich etwas getraut und zu Recht den Preis gewonnen. Das zweite Beispiel sind die Kollegen von „Die Maus“ bei WDR 5. Die haben im letzten Jahr den Radiopreis für eine Sendung aus einem Kinderhospiz bekommen. Da zeigt Radio, wie man Menschen erreichen und berühren kann.

Ilka Steinhausen kommt aus Norddeutschland, studierte in Köln und arbeitete für den WDR und den Deutschlandfunk. Nach dem Volontariat war sie Redakteurin bei NDR 2, „Panorama“, „buten un binnen“, sowie Korrespondentin im Hauptstadtstudio Berlin. Von 2013 bis 2015 arbeitete sie als ARD-Sprecherin. Anschließend wechselte sie als stellvertretende Programmchefin wieder zu NDR 2. Im Landesfunkhaus Hamburg übernahm sie 2020 die Chefredaktion. Seit dem 1. Januar ist sie Programmdirektorin des Norddeutschen Rundfunks, zuständig für den Geschäftsbereich 1.
Ilka Steinhausen kommt aus Norddeutschland, studierte in Köln und arbeitete für den WDR und den Deutschlandfunk. Nach dem Volontariat war sie Redakteurin bei NDR 2, „Panorama“, „buten un binnen“, sowie Korrespondentin im Hauptstadtstudio Berlin. Von 2013 bis 2015 arbeitete sie als ARD-Sprecherin. Anschließend wechselte sie als stellvertretende Programmchefin wieder zu NDR 2. Im Landesfunkhaus Hamburg übernahm sie 2020 die Chefredaktion. Seit dem 1. Januar ist sie Programmdirektorin des Norddeutschen Rundfunks, zuständig für den Geschäftsbereich 1.NDR

Leithäuser: Vor fünf Jahren waren die Zahlenverhältnisse zwischen Radio und Fernsehen noch anders. Da lag das Fernsehen bei einer wöchentlichen Reichweite von 73% oder 74% und das Radio ein bisschen darunter. Mittlerweile hat sich das Blatt gewendet. Beim Fernsehen hat sich die Nutzung verändert, das wissen wir alle. Das sehen wir beim Radio zwar auch, aber es ist stabil. Ich vergleiche Radio gerne mit Wasser. Es ist immer da, und es ist elementar. Wir brauchen es alle. Es kommt überall hin, es ist auch in Krisen ein verlässlicher Kommunikationskanal.

Wie wirkt sich der Trend zum Streaming auf das Radio und für die Radiomacher aus? Werden Programme heute von vornherein auf Audiothekentauglichkeit getrimmt?

Steinhausen: Radioprogramme machen wir nach wie vor fürs Radio. Wäre es anders, würden es die Hörer merken und nicht mehr einschalten. Darüber hinaus produzieren wir in der ARD auch Inhalte für die Audiothek, unsere öffentlich-rechtliche Audioplattform. Und da sehen wir genau, was die Nutzerinnen und Nutzer dort mögen und was ihnen nicht so gut gefällt. Also: Es gibt beides, und manchmal geht es auch hin und her: Aus einem Hörfunkinterview wird ein Podcast und umgekehrt wird ein Podcast auch im Radioprogramm ausgestrahlt, wenn’s passt. Zum Beispiel bei NDR Info am Sonntagnachmittag. Grundsätzlich gilt: Radio ist der Alltagsbegleiter, bei Podcasts haben wir die Möglichkeit, stärker zu vertiefen und auch andere Zielgruppen anzusprechen.

Leithäuser: Das hätte man sich vor 20 Jahren so nicht vorstellen können. Aber das ist eine Besonderheit dieses Mediums. Radio erfindet sich jeden Tag neu. Das Medium als Ganzes, die Sender, jedes einzelne Produkt. Weil wir darauf angewiesen sind, dass jeden Tag der Hörer oder die Hörerin den Sender einschaltet. Wir müssen diesen Impuls erzeugen und dafür braucht es die Nähe zum Publikum. Wo sind unsere Hörer, wo sind unsere Nutzer, was machen sie, wo wollen sie uns empfangen? Was wollen sie hören? Spotify sagt mir nicht „Guten Morgen“, das Radio schon. Es vermittelt eine gefühlte, echte Nähe und schafft Vertrauen.

Wie ist das mit den Podcasts? Es gibt inzwischen eine unübersehbare Menge. Auf der anderen Seite haben Sie von der Radiozentrale vor fünf Jahren den Deutschen Podcast Preis ins Leben gerufen, den gibt es jetzt aber nicht mehr. Dafür rutscht der Podcast in den Deutschen Radiopreis rein. Wie erklärt sich das?

Leithäuser: Radio geht mittlerweile über alle Kanäle und der Podcast ist ein Format und zugleich ein Verbreitungskanal. Viele Podcasts stammen von Radiosendern oder Radiomachern. Deswegen haben wir vor Jahren schon gesagt: Wir öffnen den Preis für Podcasts. Wir haben eine eigene Kategorie „Podcast“ entwickelt, aber festgestellt, dass man die Vielzahl und Unterschiedlichkeit der Einreichungen gar nicht mehr klar abstufen konnte. Daher haben wir überlegt, welche Kategorien sich auch für Podcasts eignen. Wir haben von unseren zehn Kategorien fünf für Podcasts geöffnet. Die Geschichte des Deutschen Podcast Preises ist eine andere. Die Radiozentrale war der Veranstalter, über fünf Jahre. Dass es ihn nicht mehr gibt, liegt nicht an mangelnden Einreichungen. Wir hatten 1000 Einreichungen pro Jahr, wir hatten ein Publikumsvoting mit einer Million abgegebenen Stimmen. Die Akzeptanz war vorhanden. Nur hat sich leider die Zahl derer, die den Preis finanziell mittragen wollten, reduziert. Das war der Grund, warum es den Deutschen Podcast Preis zumindest zunächst erstmal nicht mehr gibt.

Grit Leithäuser ist Geschäftsführerin der Radiozentrale. Sie startete 1994 ihre Karriere als Medienberaterin beim Regionalsender IA Fernsehen. 1996 übernimmt sie die Service-Leitung von Top Radiovermarktung und wechselt neun Jahre später zur Vermarktungsfirma Orkla Media Sales. 2007 stößt Grit Leithäuser zum Interessenverband Radiozentrale und leitet dort das Marketing. Sie war unter anderem  an der Kampagne „Radio. Geht ins Ohr. Bleibt im Kopf“ beteiligt. Seit 2019 führt sie die Geschäfte der Radiozentrale, einer gemeinsamen Initiative der öffentlich-rechtlichen und privaten Sender.
Grit Leithäuser ist Geschäftsführerin der Radiozentrale. Sie startete 1994 ihre Karriere als Medienberaterin beim Regionalsender IA Fernsehen. 1996 übernimmt sie die Service-Leitung von Top Radiovermarktung und wechselt neun Jahre später zur Vermarktungsfirma Orkla Media Sales. 2007 stößt Grit Leithäuser zum Interessenverband Radiozentrale und leitet dort das Marketing. Sie war unter anderem an der Kampagne „Radio. Geht ins Ohr. Bleibt im Kopf“ beteiligt. Seit 2019 führt sie die Geschäfte der Radiozentrale, einer gemeinsamen Initiative der öffentlich-rechtlichen und privaten Sender.Radiozentrale

Kommen wir zum Radioprogramm. Ein Kritikpunkt lautet, alles werde auf „Durchhörbarkeit“ getrimmt, die Bedeutung einzelner, kuratierter Sendungen, gerade auf den Kulturwellen, schwinde.

Steinhausen: Radio verändert sich ständig, und Sie werden immer Menschen finden, die das eine oder andere nicht mögen. Und das ist auch in Ordnung. Wir brauchen den kritischen Diskurs. Es ist aber beileibe nicht so, dass wir keine kuratierten Einzelsendungen gerade in den Kulturwellen mehr hätten. Die gibt es weiter, sie gehören zu unserem Auftrag. Trotzdem halte ich es für richtig, dass sich die Programmmacherinnen und Programmmacher Gedanken darüber machen, wie sie möglichst viele Menschen zum Beispiel auch für Kulturthemen begeistern. Und dass sie prüfen, wo diese am besten aufgehoben sind. Da gibt es Themen, die passen besser in die Audiothek oder ins Wochenende, wenn Menschen mehr Muße zum Hören haben, und es gibt solche, die laufen besser am Montagmorgen. Ein Radiomacher fragt sich: Wann kann ich die meisten Menschen für ein Thema begeistern? Einige Kulturradios der ARD haben ja auch ihre Musikanmutung etwas verändert. Dass das nicht jedem gefällt, ist klar. Aber wir fragen uns immer: Wie entwickeln wir die Programme weiter und was wollen die Menschen hören?

Wo finden wir im Radio Innovationen?

Leithäuser: Überall. Dafür sorgt schon unter anderem die KI, die inzwischen in der Produktion und der Recherche eingesetzt wird, als Werkzeug wohlgemerkt. Fatal wäre es, würde sie nur noch unsere Arbeit und unser Leben bestimmen. Die DNA von Radio bleibt das von Menschen für Menschen Gemachte. Innovation heißt im Radio vor allem, immer dranzubleiben, an dem, was die Menschen interessiert, was ihre Themen sind. Insofern bringt jeder Tag eine Innovation, das sieht man an den Nominierungen für den Deutschen Radiopreis sehr gut. Etwa, um ein Beispiel zu nennen, an einem Liveformat aus dem Gefängnis.

Steinhausen: Radiomacher müssen sich schon etwas einfallen lassen, wenn sie den Radiopreis gewinnen wollen. Ich möchte zwei weitere Beispiele von Programmideen nennen, die in diesem Jahr nominiert sind. Das ist einmal die Zukunftswoche von ffn. Die Macher haben sich gefragt: Wie sieht das Land Niedersachsen in zehn Jahren aus und wie leben die Menschen in zehn Jahren in Niedersachsen? Das zweite Beispiel ist das Pop-up-Studio von NDR 90,3. Da hat das Landesfunkhaus Hamburg in Harburg, einem Stadtteil mit besonderen sozialen Herausforderungen, einen Laden gemietet, um Kontakt mit den Menschen aufzunehmen – und gefragt: Was interessiert euch, was wollt ihr von uns? Das sind zwei Projekte, die zeigen, wie innovativ Radio sein kann. Und wie wichtig es ist, nah dran an den Menschen einer Region zu sein.

Licht aus, Spot an: In Hamburg wird am Donnerstag der Deutsche Radiopreis 2025 vergeben.
Licht aus, Spot an: In Hamburg wird am Donnerstag der Deutsche Radiopreis 2025 vergeben.Bild: Philipp Szyza/Deutscher Ra

Was passiert mit dem Radio durch Künstliche Intelligenz? KI lässt sich als Werkzeug einsetzen, sie kann die Kreativen und ihre Werke, den Journalismus, die Musik, den Text, die Stimme auch perfekt nachahmen und „ersetzen“. Was erwarten Sie? Bekommen wir demnächst persönliche Programme, individuell zugeschnitten, mit einer KI-Stimme vertont? Getestet wird es schon.

Steinhausen: Ich glaube, dass das auf gar keinen Fall das Radio der Zukunft ist. Radio lebt davon, dass dort Menschen am Werk sind, die emotional sind, die lachen, weinen, mit ihren Hörerinnen und Hörer interagieren, das wird immer der entscheidende Unterschied sein. KI kann uns den Arbeitsalltag erleichtern. Sie ist aber nur sinnvoll, wenn sie uns wieder mehr Zeit für Kreativität gibt, die das Radio dringend braucht. Es ist natürlich krass, zu sehen, wie man mit KI in Nullkommanichts einen Podcast erstellen kann. Ich glaube aber nicht, dass es das ist, was die Menschen gerne wollen, weil es einfach nicht lebt. Es ist KI, es hat keine Emotionalität.

Leithäuser: Ich glaube das auch nicht. Wenn im Radio ein Moderator oder eine Moderatorin einmal einen Versprecher hat oder spontan reagiert, ist das nicht ein Fehler im System, sondern das Salz in der Suppe. Das Medium funktioniert nur, wenn es von Menschen für Menschen gemacht wird. Das kann man mit KI nicht abbilden. Aber warten wir mal ab und sprechen in fünf Jahren wieder darüber.

Ich fürchte, wir müssen schon früher darüber sprechen, angesichts der Abermilliarden, die KI-Konzerne in das Training ihrer Bots investieren. Wir stehen schon vor der Frage: Höre ich einen echten Menschen, ist das meine Lieblingsmoderatorin oder ist es „ihre“ KI-Stimme? Wir werden ein Gütesiegel brauchen – für echtes Radio, TV, echten Journalismus.

Leithäuser: Das ist denkbar. Aber wissen Sie, unsere Moderatorinnen und Moderatoren gehen auch raus in die Welt. Ich kann sie live erleben, zu Konzerten gehen, mit ihnen sprechen. Avatare stellen wir da nicht hin.

Eine Kategorie für KI gibt es beim Radiopreis so schnell hoffentlich nicht.

Steinhausen: Ich würde sagen: nein. Aber wir können gerne einmal darüber diskutieren. Was meinst Du, Grit?

Leithäuser: Ich schreibe es mir auf den Zettel für unsere nächste Zusammenkunft. Der Deutsche Radiopreis verändert sich ständig. In diesen 16 Jahren, die er existiert, ist er in keinem Jahr aufs Nächste gleichgeblieben. Wer weiß also, was als nächstes kommt? Einen Preis für KI-Radio sehe ich aber jetzt noch nicht.

Der Deutsche Radiopreis wird am Donnerstag, 11. September, im Stage Theater Neue Flora in Hamburg vergeben. 58 Sender übertragen die Verleihung live, im Netz ist sie von 20.05 Uhr an als Stream auf www.deutscher-radiopreis.de.

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