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Es ist ein Überlebenskampf, das ist von der ersten Sekunde an klar. Eine Frau, der Zuschauer lernt sie wenig später als Ärztin Hanna (Nina Hoss) kennen, häutet einen selbst gefangenen Hasen. Kurz darauf muss sie vor einem Hund fliehen; damit er von ihr ablässt, wirft sie ihm ihre Beute vor die Schnauze. Später sieht man sie in einer Holzhütte im Wald, die Wunde an ihrem Bein näht sie selbst ohne Betäubung. Ein schmerzvoller Anblick, wie so viele Momente in „Die andere Seite“, Mariko Minoguchis zweitem Spielfilm.
Er versetzt uns direkt in eine dystopische Welt, deren Grusel sich daraus generiert, dass sie so weit von der unseren gar nicht weg scheint. Ein tödliches Virus wütet außerhalb des Waldes und hat bereits viele Tote gefordert. Hanna, die Hauptfigur, der Anker, den Regisseurin Minoguchi dem Zuschauer hinwirft wie die Darstellerin dem Hund das Fleisch, lebt abgeschieden in der Natur. Sie wird geächtet, weil sie das Virus in sich trägt. Ihre vernarbten Hände und zahlreichen Wunden zeugen davon.
Regisseurin und Drehbuchautorin Minoguchi, 1988 in München geboren, erzählt mit unglaublicher Effizienz. Helikopter kreisen über dem Wald, Autos stauen sich vor einer Grenze, flankiert von Menschen mit Masken. Aus Hannas Radio kommt die Nachricht, dass es in Frankreich Tumulte gegeben habe, ein Strom Geflüchteter sei auf dem Weg Richtung Süden. Ein gekonntes Spiel der Andeutungen, das einer von Paranoia erfassten Welt die nötigen Konturen gibt, ohne dabei etwas auszuerzählen.

Auf den ersten Blick beschreitet Minoguchi in „Die andere Seite“ völlig neue Pfade für sich. Ihr gefeiertes Debüt „Mein Ende. Dein Anfang“ (2019) handelte von einer Liebe am buchstäblichen Scheidepunkt. Der Mann einer jungen Frau wird bei einem Banküberfall erschossen. Von da an entfaltet sich der Film auf zwei Zeitebenen: Während er die Liebesgeschichte der beiden rückwärts erzählt, folgt er zugleich chronologisch der Trauer der Hinterbliebenen. Doch so unterschiedlich die Schauplätze von „Mein Ende. Dein Anfang“ und „Die andere Seite“ auch sein mögen: Sie kreisen beide um eine Frau, die verbissen um ihr Weiterleben kämpft.
Für „Die andere Seite“ hat Minoguchi in Nina Hoss die perfekte Besetzung gefunden. Wie keine andere deutsche Schauspielerin erweitert Hoss mit jeder neuen Rolle die Nuancen innerhalb ihres Repertoires an nach außen starken, innerlich jedoch brüchigen Frauen. Sei es als eine in der DDR zwangsversetzte Ärztin mit Fluchtambitionen in Christian Petzolds „Barbara“ (2012) oder als Violinistin und Musiklehrerin, die in Ina Weisses „Das Vorspiel“ (2019) an den eigenen Ansprüchen zerbricht. Mit ihrem feinsinnigen Spiel, das Melancholie und Härte auf subtile Weise vereint, verleiht Hoss ihren Figuren eine außergewöhnliche Tiefe.
Kammerspielartige Intimität
Jetzt gelingt ihr das in großen Teilen schweigend. Als Aussätzige ist Hanna viel allein unterwegs, bevor sie im letzten Drittel in einem Camp von Infizierten landet. Die Kamera von Felix Pflieger kommt ihr immer wieder ganz nah und fängt ihre ausdrucksstarke Mimik und Gestik ein. So erhält der Film trotz der imposanten Natur- und Bergpanoramen eine fast kammerspielartige Intimität.
Ganz allein bleibt Hanna auf ihrem einsamen Weg durch die Wildnis indes nicht. So begegnet sie auf ihrem Weg etwa einem im Schnee Verunglückten, der sich nicht entscheiden kann, ob er sich von der Infizierten retten lassen möchte. In einem Bergdorf trifft sie eine vereinsamte Alte, deren gesamte Familie der Virus dahingerafft hat. Ob sie keine Angst vor ihr habe, fragt Hanna die Frau. „In meinem Alter ist jede Treppe gefährlich“, antwortet diese mit abgeklärt-spöttischem Unterton und lässt so unvermittelt eine ungeahnte Nähe entstehen, eine stille Solidarität.
Minoguchis Filme sind durchzogen von einem zutiefst menschlichen Existenzialismus, der im Kleinen Universelles erzählt. „Die andere Seite“ stellt Fragen, die direkt in die Post-Corona-Gegenwart hineinstechen: Wie wollen und können Menschen miteinander umgehen, wenn Nähe tödlich sein kann? Sind Solidarität und Gemeinsinn noch möglich? Das kommt einem erschreckend bekannt vor und verkommt dennoch nie zur dumpfen Pandemie-Parabel.
„Die andere Seite“ verfällt nie in das laute Getöse eines Survival-Films. Im Gegenteil. Mit ruhiger Konzentration erzählt er von einer Frau, die alles verloren hat und dennoch Unverhofftes findet – in einer Welt, in der kaum noch Platz für Hoffnung zu sein scheint. Für den Zuschauer liegt darin etwas Heilsames. Spätestens wenn der Schrei eines Neugeborenen über den Gipfel hallt, ist da plötzlich ein heller Funke inmitten der Trostlosigkeit der Welt.
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